Systemischer Sexismus in der Wissenschaft: Studie zeigt strukturelle Hürden für Frauen19. Juni 2025 Foto: Hyejin Kang – stock.adobe.com Ein internationales Forschungsteam mit Beteiligung der Freien Universität Berlin untersucht Ursachen für ungleiche akademische Karrierechancen vor allem im MINT-Bereich – und fordert konkrete Reformen. In einer aktuellen Studie, veröffentlicht in der Fachzeitschrift „Bioscience“, beleuchten vier Nachwuchswissenschaftlerinnen aus Kanada, Argentinien und Deutschland – darunter Jun.-Prof. María Piquer-Rodríguez von der Freien Universität Berlin – die strukturellen Hürden, mit denen Frauen in der Wissenschaft insbesondere im MINT-Bereich konfrontiert sind. Unter dem Titel „Systemic Sexism in Academia – An Early Career Viewpoint“ berichten sie von systematischen Benachteiligungen, die Frauen bereits in den ersten Jahren ihrer akademischen Laufbahn erleben. Vier wesentliche Barrieren für Frauen in der Wissenschaft Die Autorinnen identifizieren vier wesentliche Barrieren, die Frauen in der Wissenschaft besonders stark belasten: Systematisch geförderte intellektuelle Verunsicherung: Frauen erleben häufig herablassendes Verhalten („Mansplaining“), abwertende Anerkennung ihrer Leistungen und sogar Belästigung. Dies führt nicht nur zu klassischen Selbstzweifeln, sondern zu „Impostorization“, einer strukturell erzeugten Unsicherheit, die das Vertrauen in die eigene Kompetenz systematisch untergräbt. Ausschluss aus männerdominierten Netzwerken: Oftmals mangelt es nicht an Kompetenz, sondern an ungleichen Zugangsmöglichkeiten zu Mentoring, Kooperationen und beruflicher Sichtbarkeit. Das zwingt viele Frauen „doppelte Arbeit“ zu leisten, um ihre Leistungen sichtbar zu machen. Erhöhte Risiken und Mehraufwand bei Feldforschung: Während der Feldarbeit sind Frauen erhöhten Sicherheitsrisiken ausgesetzt, von sexueller Belästigung bis zu logistischen Hürden. Schutzmaßnahmen werden nicht immer ernst genommen und zusätzliche Ausgaben oder Vorsichtsmaßnahmen müssen oft gegenüber Vorgesetzten gerechtfertigt werden. Geschlechtsspezifische Rollenerwartungen und emotionale Arbeit: Ungleiche Betreuungs- und Haushaltspflichten führen zu einer „mentalen Belastung“, die die Produktivität beeinträchtigt und viele Frauen dazu zwingt, sich zwischen persönlicher und beruflicher Erfüllung zu entscheiden. „Systematische Benachteiligung gezielt angehen“ Um mehr Chancengleichheit zu erreichen, sprechen sich die Autorinnen für strukturelle Maßnahmen aus, wie geschlechtergerechte Berufungsverfahren, bessere Vereinbarkeit von Familie und Forschung sowie wirksame Anti-Diskriminierungsrichtlinien. Konkret schlagen sie vor: Sichtbarkeit und Aufstiegschancen stärken: Einführung von geschlechtergerechten Quoten, anonymisierte Peer-Reviews und die formelle Anerkennung der „unsichtbaren Arbeit” (Mentorenschaft, Dienstleistungsarbeit) bei Beförderungen. Karriereförderung neu strukturieren: Bezahlter Elternurlaub, verlässliche Kinderbetreuung auf dem Campus, flexible Arbeitszeiten und angepasste Arbeitslasten sollen faire Ausgangsbedingungen schaffen. Verantwortung und Solidarität fördern: Durchsetzung von Anti-Belästigungsrichtlinien, die Integration von Diversität, Gerechtigkeit und Inklusion (DEI) in die Hochschulkultur sowie gezielte Schulungen von Mitarbeitenden sollen helfen, Diskriminierung im Alltag zu erkennen und ihr vorzubeugen. „Trotz ihres hohen Anteils unter Nachwuchswissenschaftler:innen sind Frauen in MINT-Führungspositionen weiterhin unterrepräsentiert. Die Studie ist ein Aufruf an Universitäten, Fördereinrichtungen und die Politik, systematische Benachteiligung gezielt anzugehen. Die vorgeschlagenen Maßnahmen zielen nicht nur auf mehr Chancengleichheit, sondern auch darauf, die Innovationskraft und die Zukunftsfähigkeit der Wissenschaft nachhaltig zu stärken“, betont Piquer-Rodríguez.
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