Tiefe Hirnstimulation bei Zwangsstörungen: Ärzte fordern besseren Zugang für Patienten15. August 2022 Bei der Tiefen Hirnstimulation werden haarfeine Elektroden in einen bestimmten Bereich des Gehirns geschoben. Über ein dünnes Kabel sind sie mit einer Batterie im Brustraum verbunden. (Quelle: Universitätsklinikum Freiburg) Die Wirksamkeit der Tiefen Hirnstimulation bei Patienten mit Zwangsstörungen, die auf andere Therapien nicht ansprechen, ist nachgewiesen. Trotzdem bestehen weltweit große Vorbehalte gegen das Verfahren. Freiburger Ärzte diskutieren nun im Fachmagazin “Nature” Möglichkeiten, die Akzeptanz und Verbreitung der Methode zu steigern. Geschätzt bis zu 300.000 Menschen in Deutschland leiden unter einer Zwangsstörung, die sich nicht mit Verhaltenstherapien oder Medikamenten behandeln lässt. Für einzelne dieser schwerst behandlungsresistenten Personen könnte eine Tiefe Hirnstimulation (THS) eine wirksame Therapie werden. Doch bislang finden nur wenige dieser Menschen den Weg bis zur Operation. Um dies zu ändern, haben Experten des Universitätsklinikums Freiburg gemeinsam mit internationalen Experten einen Beitrag im Fachmagazin “Nature” veröffentlicht, in dem sie einen besseren Zugang für Betroffene zu dieser Therapieform fordern und Vorschläge machen, wie dies gelingen könnte. „Die Tiefe Hirnstimulation kann bei psychischen Erkrankungen sehr wirksam sein. Anders als bei der Parkinson-Erkrankung, wo diese Behandlungsform inzwischen zum Standard der Behandlung bei fortgeschrittener Erkrankung gehört, ist die Tiefe Hirnstimulation bei der Zwangserkrankung den meisten Kollegen weitestgehend unbekannt. Dies gilt vor Allem für die Psychiater und Psychologen, die in Unkenntnis der Chancen und Ergebnisse einer solchen Therapie oft ablehnend gegenüber stehen“, sagt Prof. Volker A. Coenen, Ärztlicher Leiter der Abteilung Stereotaktische und Funktionelle Neurochirurgie der Klinik für Neurochirurgie des Universitätsklinikums Freiburg. Er war gemeinsam mit seinem Kollegen Prof. Thomas Schläpfer, Leiter der Abteilung für Interventionelle Biologische Psychiatrie der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Freiburg, an dem “Nature”-Artikel beteiligt. Gründe für die mangelnde Akzeptanz und Lösungen Die Autoren des Artikels diskutieren die Hauptgründe für diese mangelnden Akzeptanz: Historische Bedenken im Zusammenhang mit überholten psychochirugischen Verfahren, Skepsis aufgrund vermeintlich geringer wissenschaftlicher Evidenz, mangelnde Wahrnehmung unter Psychiatern und Psycholgen, Mangel an entsprechend qualifiziertem Personal für die Betreuung der Patienten, Einschränkungen in der Medizinprodukte-Zulassung, mangelhafte Kostenübernahme oder intransparente Entscheidungen durch Versicherungen, ungleiche Partnerschaften zwischen Industrie und Wissenschaft. „Für all diese Schwierigkeiten gibt es gute Lösungsvorschläge, die wir im Sinne der Patienten dringend angehen sollten“, sagt Schläpfer. „Eine spezialisierte Versorgung dieser Patienten gelingt, wenn sowohl Fachleute für die psychotherapeutische und medikamentöse Behandlung involviert sind wie auch ein spezialisiertes Team für Tiefe Hirnstimulation. Damit haben wir in Freiburg sehr gute Erfahrungen gemacht“, sagt Prof. Katharina Domschke, Ärztliche Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Freiburg. Sie ist Mitherausgeberin einer internationalen Leitlinie für die Behandlung der Zwangserkrankung, die auch die Tiefe Hirnstimulation mit einbezieht. Kleine Studie mit ermutigenden Ergebnissen Im Mai 2022 hatten Schläpfer, Domschke und Coenen im Magazin “Brain Stimulation” eine Studie zur Therapie von Zwangsstörungen mit der Tiefen Hirnstimulation veröffentlicht. Die neun Patienten litten im Schnitt 23 Jahre unter der Krankheit und andere Therapien waren erfolglos. Bei sieben Patienten wirkte die Therapie auch ein Jahr nach dem Eingriff noch deutlich.
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