Trockene warme Luft erhöht das Schlaganfallrisiko18. November 2019 Foto: ©ra2 Studio – stock.adobe.com Anhand von knapp 18.000 Fällen, die über zehn Jahre hinweg erhoben wurden, zeigt eine Augsburger Studie, dass das Risiko für bestimmte Typen von Schlaganfällen bei trockenen und warmen Luftmassen ansteigt. Zunächst war es nur ein Gefühl der Neurologen am Universitätsklinikum Augsburg (UKA), nämlich „dass sich bestimmte Schlaganfälle im Jahresverlauf an manchen Tagen häuften, sagt PD Dr. Michael Ertl, einer der beiden Erstautoren der Studie. „Diese Häufungsphänomene sind vielen Schlaganfallneurologen bekannt, sodass wir die Vermutung hatten, dass das auch mit Wettereinflüssen zu tun haben könnte.“ Und tatsächlich: Nach zehn Jahren und 17.989 untersuchten Fällen – die meisten von ihnen Neuerkrankte, aber auch Patienten mit wiederholten Schlaganfällen – kommt die Studie zu konkreten Ergebnissen beim Zusammenhang zwischen bestimmten Wetterlagen und Schlaganfällen in der Region Augsburg. So steigt beispielsweise das Risiko für einige Schlaganfall-Subtypen bei trocken-warmen Luftmassen, wohingegen trocken-kalte Luftmassen mit einem signifikant geringeren Auftreten von Hirnblutungen verbunden waren.Komplexe Wirkungszusammenhänge mit Lufttemperatur und -feuchtigkeitDie Suche nach den Wirkungszusammenhängen stellte sich als sehr komplex heraus. „Das Zusammenspiel aus unterschiedlichen meteorologischen Faktoren – wie Lufttemperatur, Luftdruck und Luftfeuchtigkeit – sowie kurzfristigen Temperaturänderungen ist sehr komplex“, erklärt PD Dr. Christoph Beck vom Lehrstuhl für Physische Geographie mit Schwerpunkt Klimaforschung an der Universität Augsburg, neben Ertl ebenfalls Erstautor der Studie. Betrachtet man die Temperaturentwicklung im Zeitraum weniger Tage vor dem Schlaganfallereignis, so findet man auch hier differenzierte Einflüsse auf die Schlaganfalls- oder Blutungshäufigkeit, die pathophysiologisch allerdings noch nicht vollends geklärt sind. Das interdisziplinäre Forscherteam konnte weiterhin zeigen, dass sich Wetterveränderungen auf die beiden Schlaganfall-Subtypen Hirninfarkt und Hirnblutung unterschiedlich auswirken. So bringen trockene, warme Luftmassen ein erhöhtes Risiko für bestimmte Hirninfarkttypen mit sich, die mehr als 80 Prozent aller Schlaganfälle ausmachen, ein geringeres Risiko allerdings für Hirnblutungen. Umgekehrt ist es bei trockenen, kühlen Luftmassen: Sie befördern Hirnblutungen, ziehen aber ein selteneres Auftreten von Hirninfarkten nach sich. Auch bei feuchten Luftmassen konnte ein verringertes Auftreten von Hirninfarkten nachgewiesen werden.Noch nie so komplexe Wirkungszusammenhänge mit so vielen Fällen und Subtypen untersuchtErtl ist es wichtig zu betonen, „dass wir nicht die ersten sind, die Klima und Schlagunfallhäufigkeit im Zusammenhang sehen“. Die meisten Studien untersuchten Ertl zufolge aber nur wenige meteorologische Parameter wie Luftdruck und Temperatur sowie den Schlaganfall ohne nähere Definition zu einem bestimmten Zeitpunkt. Die Studie des Forscherteams aus Medizinern des UKA und Klimaforschern des geographischen Instituts der Universität geht hier viel weiter. „Über die Berücksichtigung der lokalen meteorologischen Bedingungen hinaus beziehen die eingesetzten Luftmassenklassifikationen auch die großräumigen synoptischen Verhältnisse wie die Bodenluftdruckverteilung über Europa in die Zuordnung zu spezifischen Wetterlagen mit ein“, erläutert Beck. „Zudem haben wir den ischämischen Schlaganfall in fünf weitere Subtypen unterteilt, erklärt Ertl. In der Studie wurde außerdem die Luftmassen-Situation zwei bis fünf Tage vor dem Schlaganfall berücksichtigt. Klassische Risikofaktoren aller untersuchten Patienten wie Bluthochdruck, Übergewicht, Diabetes, Cholesterin und Lebensgewohnheiten wurden dem Arztbrief entnommen und ebenfalls vermerkt. „Mithilfe unserer Studie möchten wir dazu beitragen, dass sowohl Patienten als auch medizinische Versorgungseinrichtungen rechtzeitig geeignete vorbeugende und behandelnde Maßnahmen treffen können. Dafür ist jedoch in Zukunft noch eine intensive weitere Forschung notwendig. Ziel ist es, die retrospektiv ausgewerteten Daten nun durch weitere prospektive Untersuchungen zu bestätigen und zu konkretisieren“, betont Prof. Markus Naumann, Direktor der Klinik für Neurologie und Klinische Neurophysiologie am UKA. Originalpublikation:Ertl M. et al.: New Insights into Weather and Stroke: Influences of Specific Air Masses and Temperature Changes on Stroke Incidence. Cerebrovasc Diseases 2019;47:275–284.
Mehr erfahren zu: "Neuer Lysosomen-Atlas enthüllt Ursache seltener neurologischer Erkrankung" Neuer Lysosomen-Atlas enthüllt Ursache seltener neurologischer Erkrankung Forschende haben einen zelltypspezifischen Atlas der Lysosomen im Gehirn erstellt, der zeigt, dass sich Lysosomen in Neuronen deutlich von denen anderer Hirnzellen unterscheiden. Auffällig ist vor allem das Protein SLC45A1, […]
Mehr erfahren zu: "Lynch-Syndrom: Präventiver Impfstoff vielversprechend" Weiterlesen nach Anmeldung Lynch-Syndrom: Präventiver Impfstoff vielversprechend Der experimentelle Krebsimpfstoff NOUS-209 stimuliert das Immunsystem sicher dahingehend, Krebsvorstufen und -zellen bei Menschen mit Lynch-Syndrom gezielt anzugreifen. Dies geht aus einer aktuellen Studie in „Nature Medicine“ hervor.
Mehr erfahren zu: "Binge-Watching ohne Limit? Was eine Sucht begünstigt" Binge-Watching ohne Limit? Was eine Sucht begünstigt Serien als Flucht vor der Einsamkeit? Eine neue Studie weist darauf hin, warum manche Menschen beim Binge-Watching nicht mehr abschalten können – und welche Gefühle dabei eine Rolle spielen.