Tuberkulose und Migranten aus Herkunftsländern mit hoher Inzidenz

Migranten
© Jonathan Stutz – fotolia.com

Einwanderer, in deren Heimatländern die Tuberkulose-Inzidenz hoch ist und die vor Einreise in Länder mit niedriger Inzidenz gescreent werden, bilden einer kürzlich veröffentlichten Studie zufolge ein zu vernachlässigendes Risiko für eine Weiterverbreitung der Erkrankung. Allerdings sind sie selbst einem erhöhten Tuberkuloserisiko ausgesetzt. Dieses könne aber durch Identifizierung dieser Personen und die Behandlung latenter Infektionen bei enger Verzahnung mit Screening-Programmen vor Einreise der Migranten wieder gesenkt werden.

Im Rahmen eines Pilot-Programms, bei dem Migranten vor ihrer Zureise nach England, Wales und Nordirland in 15 Ländern mit hoher Inzidenz auf Tuberkulose untersucht werden, screente die International Organization for Migration alle Bewerber um ein Visum für Großbritannien, die 11 Jahre oder älter waren und mindestens 6 Monate Aufenthalt dort planten, auf Tuberkulose (Röntgen des Thorax, bei Hinweisen auf Tuberkulose Sputumtest und Kultur).
Mittels des Enhanced Tuberculosis Surveillance Systems wurde die Entwicklung der Tuberkulose bei diesen Personen nachbeobachtet.
Primärer Endpunkt der Studie waren Fälle mit allen Formen einer Tuberkulose, einschließlich klinisch diagnostizierter Fälle, und bakteriologisch bestätigte Fälle einer Lungen­tuberkulose.

Die Studienkohorte bestand aus 519.955 Migranten, Untersuchungszeitraum waren die Jahre 2006-2013. Identifiziert wurden 1873 Fälle, die alle Formen einer Tuberkulose betrafen. Basierend auf den Daten für England, Wales und Nordirland lag die Inzidenz für eine Infektion aller Formen bei 147 pro 100.000 Personenjahren (95 %-Konfidenzintervall [KI] 140–154). Die geschätzte Inzidenz bakteriologisch bestätigter Lungentuberkulosen betrug 49 pro 100.000 Personenjahre (95 %-KI 45–53).

Migranten, deren Röntgenthorax zu einer aktiven Tuberkulose passten, die aber vor Einreise einen negative mikrobiologischen Befund aufwiesen, besaßen laut der Analyse ein gegenüber Personen ohne Auffälligkeiten beim Röntgen erhöhtes Tuberkuloserisiko (Inzidenzraten-Verhältnis 3,2; 95 %-KI 2,8–3,7; p<0,0001).
Die Tuberkuloseinzidenz nach Migration nahm mit steigender von der Weltgesundheitsorganisation geschätzter Tuberkulose­prävalenz in den Herkunftsländern signifikant zu.

35 von 318.983 vor Einwanderung gescreenter Migranten wurden in eine sekundäre Analyse mit Typisierungsdaten als Indexfälle angenommen. Die Schätzungen der Rate angenommener Reaktivierungen einer Tuberkulose lagen zwischen 46 (95 %-KI 42–52) und 91 (95 %-KI 82–102) pro 100.000 Personen, so die Autoren.

 

Autoren: Aldridge RW et al.
Korrespondenz: Dr. Robert W Aldridge, Institute of Health Informatics, University College London, 222 Euston Road, London NW1 2DA, Großbritan­nien
Studie: Tuberculosis in migrants moving from high-incidence to low-incidence countries: a population-based cohort study of 519 955 migrants screened before entry to England, Wales, and Northern Ireland
Quelle: Lancet 2016;388(10059):2510–2518.
Web: www.thelancet.com

Lancet-Logo