Tuberkulose: Weltweit bleibt fast die Hälfte aller Fälle in Strafvollzugsanstalten unentdeckt

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In der laut den Autoren ersten globalen Untersuchung zu Tuberkulose unter Inhaftierten haben die Forschenden durchweg hohe Fallraten und eine niedrige Identifizierungsrate festgestellt.

Im Jahr 2019 erkrankten demnach weltweit Gefängnisinsassen mit einer etwa zehnmal höheren Rate an Tuberkulose als die Allgemeinbevölkerung. Die Studie, durchgeführt unter der Federführung von Wissenschaftlern der Boston University School of Public Health (BUSPH) in den USA, ergab, dass 125.105 der elf Millionen Strafgefangenen auf der ganzen Welt im Jahr 2019 an Tuberkulose erkrankten – eine Rate von 1148 Fällen pro 100.000 Personen jährlich. Doch trotz dieser hohen Fallrate wurde die Erkrankung bei nahezu der Hälfte der Betroffenen nicht diagnostiziert.

Nach Angaben der Studienautoren handelt es sich um die ersten weltweiten und auf Regionen bezogenen Schätzungen der Fälle neuer Tuberkuloseerkrankungen unter Gefängnisinsassen – einer Population mit einem hohen Risiko für eine solche Infektion. Die Studienergebnisse unterstreichen, dass dem Problem mehr Aufmerksamkeit geschenkt und mehr unternommen werden muss, um die Tuberkuloselast in Strafvollzugsanstalten zu senken. „Unsere Untersuchung zeigt, dass bei lediglich 53 Prozent der Personen, die während der Haft an Tuberkulose erkranken, eine entsprechende Diagnose gestellt wird“, betont Dr. Leonardo Martinez, Assistenzprofessor für Epidemiologie an der BUSPH und Hauptautor der Studie.

Martinez und seine Co-Autoren hatten Daten aus veröffentlichten wissenschaftlichen Arbeiten und von Regierungsbehörden zusammengetragen, um die Tuberkuloseprävalenz und -inzidenz in 193 Ländern in den Jahren 2000 bis 2019 zu ermitteln, auf Länderebene sowie regional und weltweit. Die Forschenden errechneten zwar für 2019 die höchste Rate von Neuerkrankungen in der Region Afrika (2242 Fälle pro 100.000 Personen), stellten aber für die Region der Amerikas – vor allem aufgrund der Zahlen in Zentral- und Südamerika – die höchsten Zahlen für Fälle insgesamt fest: Diese war seit dem Jahr 2000 um fast 90 Prozent gestiegen. Die Länder mit den höchsten Zahlen im Hinblick auf Neuerkrankungen in Gefängnissen waren im Jahr 2019 Brasilien, Russland, China, die Philippinen und Thailand.

Die Studienautoren heben hervor, dass die Raten neuer Tuberkulosefälle im Zeitraum 2012 bis 2019 beständig zwischen 1100 und 1200 Fällen pro 100.000 Personen lag. „Diese Stagnation lässt darauf schließen, dass die derzeitige Politik der Tuberkulosekontrolle in Strafvollzugsanstalten nicht ausreicht, um die Tuberkuloselast zu senken und dass ergänzende Maßnahmen und die Implementierung von Strategien nötig sind“, unterstreicht Dr. C. Robert Horsburgh, Professor für globale Gesundheit an der BUSPH.

Masseninhaftierung sei einer der Haupttreiber der Tuberkuloseübertragung – sowohl in Gefängnissen als auch außerhalb. Überbelegung – mit bis zu 30 Inhaftierten in manchen Zellen – führe dazu, dass sich Tuberkulose „wie ein Buschfeuer ausbreitet“, erklärt Martinez. Dies könne leicht auch auf die Allgemeinbevölkerung übergreifen. Denn: „Entgegen der landläufigen Meinung handelt es sich bei Inhaftierten um eine mobile Population, zudem sind die Haftzeiten in vielen Ländern nur kurz“, sagt Martinez. „Die Leute gehen ins Gefängnis, kommen wieder heraus, fahren dann vielleicht wieder ein. Daher kommt es sehr oft vor, dass Menschen, die im Gefängnis an Tuberkulose erkranken, die Krankheit nach ihrer Entlassung auf viele Personen außerhalb des Gefängnisses übertragen. Da bei fast der Hälfte der Menschen mit Tuberkulose in Gefängnissen keine Diagnose gestellt wird, sind viele immer noch infektiös, wenn sie wieder in die Gesellschaft zurückkehren.“

Die Arbeitsgruppe hofft, dass ihre Ergebnisse globale und regionale Gesundheitsorganisationen dazu ermutigen werden, für Inhaftierte ein Routine-Monitoring im Hinblick auf Tuberkulose zu entwickeln, wie es auch für andere Hochrisikogruppen wie Menschen mit HIV und Kontaktpersonen gilt, die im selben Haushalt wie Erkrankte leben. Nach Ansicht der Forschenden ist ihre umfassende Zusammenstellung von Tuberkulose-Fallmeldungen ein klarer Hinweis darauf ist, dass Informationen über Tuberkulose in Gefängnissen für globale Organisationen wie die Weltgesundheitsorganisation WHO sowohl zugänglich als auch abrufbar sind.

Das Team arbeitet derzeit mit mehreren Gesundheitsorganisationen zusammen, um globale Richtlinien zur Behandlung und Reduzierung von Tuberkulose in Gefängnissen zu aktualisieren, da die aktuell gültigen bereits im Jahr 2000 verfasst wurden.

„Einer der Gründe, warum diese Population so vernachlässigt wird, ist der Mangel an Daten“, unterstreicht Martinez. „Wir hoffen, dass diese Ergebnisse Interessengruppen helfen können, die Dringlichkeit des Problems und die Anzahl der Menschen in Gefängnissen zu verstehen, die an Tuberkulose erkranken und über lange Zeiträume nicht diagnostiziert werden. Damit können sie zum Handeln angeregt werden.“