Typ-2-Diabetes: Tirzepatid verbessert kardiovaskuläre Outcomes

Patienten mit Typ-2-Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen haben ein höheres Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse. Symbolbild: LAONG/stock.adobe.com

Der duale Agonist Tirzepatid kann das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse bei Patienten mit Typ-2-Diabetes und atherosklerotischer Herz-Kreislauf-Erkrankung genauso effizient senken wie Dulaglutid. Das zeigen die Ergebnisse aus einer Head-to-Head-Vergleichsstudie, die kürzlich auf der Jahrestagung der European Association for the Study of Diabetes (EASD) in Wien (Österreich) gezeigt wurden.

Sie waren mit Spannung erwartet worden: die Ergebnisse der großangelegten kardiovaskulären Outcomes-Studie SURPASS-CVOT. Die Vorstellung der endgültigen Daten im Rahmen des EASD 2025 vergangene Woche lockte trotz der frühen Uhrzeit am Donnerstagmorgen mehrere Tausend Kongressteilnehmende in den großen Plenarsaal und vor den Bildschirm.

Tirzepatid vs. Dulaglutid

Den Anfang machte Dr. Stephen Nicholls vom Victorian Heart Institute an der Monash University in Melbourne (Australien). Er stellte zunächst noch einmal das Studiendesign vor: Von 13.299 teilnehmenden Patienten mit Typ-2-Diabetes und einer diagnostizierten atherosklerotischen Herz-Kreislauf-Erkrankung (ASCVD) erhielten rund die Hälfte nach dem Zufallsprinzip den GLP-1-Rezeptoragonisten Dulaglutid. Die andere Hälfte wurde mit dem dualen GLP-1-/GIP-Rezeptoragonisten Tirzepatid behandelt. In der Studie wurde somit erstmals ein direkter Vergleich zweier Inkretinmimetika durchgeführt.

Die Anfangsdosierung für Tirzepatid betrug 2,5 Milligramm pro Woche und wurde über 24 Wochen hinweg auf die maximal verträgliche Dosierung (MTD) von 15 Milligramm pro Woche eskaliert. Am Ende des Nachbeobachtungszeitraums von rund vier Jahren verwendeten 5164 (78,4 %) der Patienten Tirzepatid in MTD.  Dulaglutid wurde durchgehend in einer Dosierung von 1,5 Milligramm pro Woche eingesetzt.

16 Prozent geringere Gesamtmortalität

Das Team um Nicholls testete zunächst auf die Nichtunterlegenheit von Tirzepatid gegenüber Dulaglutid und definierte dafür vorab den primären Komponenten-Endpunkt als Auftreten der schwerwiegenden unerwünschten Ereignisse Schlaganfall, Myokardinfarkt und kardiovaskulärer Tod (MACE-3). Das Risiko für MACE-3 fiel unter Tirzepatid um acht Prozent geringer aus als unter Dulaglutid, womit die Kriterien für eine Nichtunterlegenheit erfüllt waren.

Im zweiten Schritt testeten die Wissenschaftler auch auf die Überlegenheit von Tirzepatid gegenüber Dulaglutid – diese konnte allerdings nicht belegt werden. Dennoch zeigte Tirzepatid auch bei den sekundären Endpunkten eine Reduktion des Auftretens kardiovaskulärer Ereignisse und eine um 16 Prozent geringere Gesamtmortalität. Das Verträglichkeitsprofil von 15 Milligramm Tirzepatid stimmte insgesamt weitgehend mit dem von 1,5 Milligramm Dulaglutid überein, mit etwas häufigerem Auftreten von gastrointestinalen Nebenwirkungen unter Tirzepatid.

Kardiometabolische und renale Outcomes verbessert

Auch die HbA1c-Werte und der relative Gewichtsverlust fielen unter Tirzepatid im Vergleich zu Dulaglutid größer aus, wie Dr. David D’Alessio von der Duke University (USA) anschließend anhand der Daten zeigte. Gleiches galt für kardiovaskuläre Biomarker, einschließlich der Lipidspiegel und des systolischen Blutdrucks. Die Effekte waren zudem konstant über alle Subgruppen hinweg zu beobachten.

Darüber hinaus beobachteten die Forschenden in der Studie auch positive Effekte auf die Nierengesundheit in Patienten mit zusätzlicher chronischer Nierenkrankheit (CKD) mit hohem Risiko. Dr. Sophia Zoungas, ebenfalls von der Monash University, fasste hierzu die wichtigsten Beobachtungen zusammen: Im Vergleich zu Dulaglutid führte Tirzepatid zu einem verminderten Abfall der geschätzten glomerulären Filtrationsrate (eGFR) sowie zu einer größeren Verbesserung des Urin-Albumin-Kreatinin-Quotienten (UACR).

Tirzepatid ist berechnetem Placebo überlegen

Das Besondere an SURPASS-CVOT: Tirzepatid wurde erstmals mit einem anderen GLP-1-Rezeptoragonisten anstelle eines Placebos verglichen. Die Forschenden begründeten dieses Vorgehen damit, dass die inzwischen gut belegte Wirksamkeit von GLP-1-Rezeptoragonisten keinem Patienten verweigert werden könne und solle. Dennoch wollten sie einschätzen, wie gut Tirzepatid gegenüber einem theoretischen Placebo abgeschnitten hätte.

Zu diesem Zweck nutzten die Wissenschaftler übereinstimmende Patientendaten aus der vorangegangenen REWIND-Studie, in welcher der kardiovaskuläre Vorteil des „aktiven Komparators“ Dulaglutid gegenüber einem Placebo bereits bestätigt worden war. Die vorab spezifizierte, indirekte Vergleichsanalyse ergab, dass Tirzepatid einem berechneten Placebo statistisch signifikant überlegen ist: das Risiko für MACE-3 war um 28 Prozent und die Gesamtmortalität um 39 Prozent reduziert. Laut Studienärztin Dr. Monika Kellerer vom Marienhospital Stuttgart sei dies eine Art Proof-of-Principle für das Head-to-Head-Studiendesign von SURPASS-CVOT.

Eher quantitative als qualitative Unterschiede?

Eine unvoreingenommene Beurteilung der Daten lieferte im Anschluss Dr. Hertzel Gerstein von der McMaster University (Kanada) und Leiter der REWIND-Studie. Er lobte das Design und die Durchführung der Studie mit Blick auf zukünftige Head-to-Head-Vergleichsstudien. Auch die Ergebnisse seien seiner Ansicht nach robust und den kardioprotektiven Nutzen von Tirzepatid bei Patienten mit Typ-2-Diabetes und ASCVD sehe er bestätigt.

Allerdings argumentierte er, dass Dulaglutid inzwischen auch in höheren Dosierungen angewendet werden könne, was in SURPASS-CVOT nicht berücksichtigt wurde. Gerstein sieht in den beobachteten Effekten deshalb vorrangig dosisabhängige, sprich quantitative statt qualitativer Unterschiede, was sich auch in den Nebenwirkungen widerspiegele. Der Endokrinologe sieht somit nichtsdestotrotz nun mehrere Möglichkeiten, mit unterschiedlicher Potenz auf den Inkretin-Pathway abzuzielen und klinische Parameter zu verbessern.

In einer Fachzeitschrift veröffentlicht wurden die Ergebnisse aus SURPASS-CVOT bisher noch nicht. Auf die Frage, wann damit zu rechnen sei, antwortete Nicholls: „Bald.“

Finanziert wurde SURPASS-CVOT vom Pharmakonzern Eli Lilly (USA), der sowohl Tirzepatid als auch Dulaglutid herstellt.

(mkl/BIERMANN)