Über Kaliumkanäle Nervenzellen vor Entmarkung schützen

Wirkmechanismus, durch den das Medikament Retigabin (grüner Punkt) seinen schützenden Effekt auf Nervenzellen bei entzündlicher Demyelinisierung erzielen soll: Durch die pharmakologische Aktivierung von Kv7-Kanälen (gelbe Kanäle) wird das gestörte Ionengleichgewicht bei entzündlicher Demyelinisierung balanciert und der Übererregbarkeit der Nervenzellen entgegengewirkt. In Tiermodellen führte dies nachweislich zu einer Verbesserung der klinischen Symptome und zum Erhalt der Nervenzellen. (Quelle: © UMM)

Im Rahmen einer internationalen Studie haben Wissenschaftler der Neurologischen Klinik der Universitätsmedizin Mannheim (UMM) gemeinsam mit Kollegen aus Düsseldorf, Münster, Cambridge und San Francisco Kaliumkanäle entlang der Nervenfasern im ZNS als mögliche Angriffspunkte identifiziert, um gefährdete Neuronen gegen die entzündliche Demyelinisierung bei Multipler Sklerose zu wappnen.

Der neuen Strategie liegt eine faszinierende, aber bisher unbewiesene Hypothese zugrunde, dass ein Hauptfaktor für die Nervenschädigung bei Multipler Sklerose (MS) eine chronische Übererregbarkeit der Nervenzellen ist: In Tiermodellen der MS und anderen In-vivo-Modellen der De- und Remyelinisierung häufen sich Hinweise, dass anfällige Neuronen im Laufe der Zeit aufgrund einer metabolischen Erschöpfung zugrunde gehen, die durch eine chronische Übererregbarkeit verursacht wird. Die Erregbarkeit von Nervenzellen zu normalisieren, erscheint daher als erfolgversprechende Strategie, um Neurodegeneration zu verhindern.

Die erhöhte Erregbarkeit von Nervenzellen ist wahrscheinlich die Folge verschiedener Faktoren, die die Schwelle für die Erzeugung von Aktionspotenzialen im Zusammenhang mit der chronisch-entzündlichen Demyelinisierung senken. Ein Ionenungleichgewicht, das es zu normalisieren gilt, könnte daher ein interessantes therapeutisches Ziel bei MS sein.

Da Kaliumkanäle eine wichtige Rolle dabei spielen, die Erregbarkeit von Nervenzellen an und um die Ranvier’schen Schnürringe zu regulieren, nahmen die Wissenschaftler die entsprechenden Kanäle genauer unter die Lupe: auswärts-gleichrichtende Kaliumkanäle (Kv-Kanäle) der Axone, die Kaliumionen überwiegend von innen nach außen durch die Zellmembran leiten, sowie einwärts-gleichrichtende Kaliumkanäle (Kir-Kanäle) von Oligodendrozyten, die Kaliumionen überwiegend von extrazellulär nach intrazellulär leiten.

Die Fluoreszenzaufnahme zeigt die Kolokalisation von Kir4.1-Kanälen (türkis) auf Oligodendrozyten (blau) und Kv7-Kanälen (gelb) auf Axonen von Nervenzellen. Die Kv7-Kanäle sind dabei von spezifischen Abschnitten der Axone umrandet (rot). (Quelle: © UMM)

Untersuchungen zur räumlichen und funktionellen Beziehung zwischen Kv7-Kanälen und Kir4.1-Kanälen im gesunden Zustand und unter entzündlich-demyelinisierenden Bedingungen konnten zeigen, dass die Regulation beider Kanäle bei MS und im experimentellen Tiermodell gestört ist. Einen positiven Effekt zeigte die Gabe von Retigabin, eines Wirkstoffs, der spezifisch Kv7-Kanäle öffnet. Das ursprünglich für die Epilepsie entwickelte Medikament Retigabin reduzierte die Übererregbarkeit der Nervenzellen bei Mensch und Tier und verbesserte zumindest im Tiermodell die klinischen Symptome.

„Wir haben damit einen neuen therapeutischen Ansatz identifiziert, um Nervenzellen pharmakologisch während der Krankheitsentwicklung der MS zu schützen“, erkärte Prof. Lucas Schirmer (Universitätsmedizin Mannheim), der zusammen mit Prof. Sven Meuth (Universitätsklinikum Düsseldorf) und Prof. David Rowitch (University of Cambridge) einer der korrespondierenden Autoren der aktuellen Studie ist.

Die Ergebnisse der Wissenschaftler deuten darauf hin, dass kompensatorische Interaktionen zwischen Neuronen und Oligodendrozyten durch Kv7- und Kir4.1-Kanäle die Widerstandsfähigkeit von geschädigten Nervenzellen fördern und eine medikamentöse Aktivierung von Kv7-Kanälen eine vielversprechende Strategie sein könnte, um Nervenzellen vor der entzündlichen Demyelinisierung zu schützen.