Überversorgung am Lebensende? Jeder zehnte Deutsche stirbt beatmet im Krankenhaus

Weitaus mehr als in anderen Ländern mit ähnlich entwickeltem Gesundheitssystem werden in Deutschland Patienten beatmet – häufig steht am Ende dennoch der Tod. (Foto: ©Kiryl Lis/stock.adobe.com)

Eine jüngst in „The Lancet Regional Health Europe“ publizierte Studie deutscher Pneumologen und Intensivmediziner wirft ethische, medizinische und ökonomische Fragen in puncto mechanische Beatmung auf deutschen Intensivstationen auf.

Die Studie werde die fachlichen wie auch gesellschaftspolitischen Diskussionen der nächsten Wochen bestimmen, sind sich die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) wie auch die Deutsche Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin (DGIIN) einig. Das müsse sie sogar, betonen die Präsidenten der beiden Fachgesellschaften.

Denn es wird mehr als deutlich: Deutschland beatmetet weitaus mehr Patienten als andere Länder mit ähnlich entwickeltem Gesundheitssystem. Dabei ist jedoch die Krankenhaussterblichkeit mit 43,3 Prozent sehr hoch, wie auch die Kosten mit insgesamt sechs Milliarden Euro jährlich.

Hochaltrige werden besonders oft vergeblich beatmet

Für die Untersuchung wertete das Team um Hauptautor Prof. Christian Karagiannidis die Routinedaten aller 1.003.882 Patienten ab 18 Jahre aus, die zwischen 2019 und 2022 in 1395 deutschen Krankenhäuser beatmet wurden. Insgesamt verstarben 43,3 Prozent der Beatmeten im Krankenhaus. Dabei beobachteten die Autoren einen Anstieg der Krankenhausmortalität mit dem Alter: So verstarben 27,6 Prozent bei den 18- bis 59-Jährigen, aber 59,0 Prozent bei den Patienten im Alter von mindestens 80 Jahren. Insgesamt verstarben somit in Deutschland mehr als zehn Prozent aller Personen mit Beatmung. Die Anzahl der beatmeten Patienten innerhalb der Gesamtbevölkerung war insbesondere bei den über 80-Jährigen mit mehr als einem Prozent pro Jahr sehr hoch. Auch schreiben die Autoren, dass die mechanische Beatmung vor, während und nach der COVID-19-Pandemie in Deutschland weit verbreitet war. Sie ermittelten die durchschnittlichen Kosten pro beatmetem Patient mit 22.000 Euro für das Jahr 2019 und mehr als 25.500 Euro für 2022.

DGP-Präsident Wolfram Windisch. (Foto: ©Mike Auerbach)

„Friedlich zuhause sterben ist für viele Menschen nicht mehr die Realität – sie liegen oftmals in den Kliniken“, resümiert DGP-Präsident Prof. Wolfram Windisch, Chefarzt der Lungenklinik an den Kliniken der Stadt Köln. „Jeder zehnte Deutsche stirbt sogar beatmet im Krankenhaus“. Es sei auffällig, dass vor allem hochaltrige Patienten sehr häufig auf den Intensivstationen beatmet würden, aber dennoch versterben. „Wir müssen uns deshalb die Frage stellen, ob wir ethisch und medizinisch das Richtige tun, wie auch gesellschaftlich-ökonomisch“, überlegt auch DGIIN-Präsident Prof. Matthias Kochanek, Leiter der internistischen Intensivmedizin am Universitätsklinikum Köln.

Überraschend hohe Zahlen müssen diskutiert werden

Es gelte, die harten Fakten der Studie genau anzusehen, dann aber erst einmal sacken zu lassen, plädieren Windisch wie Kochanek. Anschließend müsse man sich als Pneumologe und Intensivmediziner jedoch ernsthaft die Frage stellen: Beatmen wir die richtigen Patienten? Sollten wir eventuell andere Wege gehen?

Fallzahlen, Mortalität und Kosten, so sagen beide, hätten sie in dieser Höhe doch überrascht. „Wir müssen uns auch die Frage nach dem Warum gefallen lassen“, sagt der DGIIN-Präsident. Beatmung bringe in Deutschland Geld in die Klinik.

Mehr Prävention und weniger Beatmung?

„Haben wir also so viele Beatmungsbetten, weil die Patienten sie brauchen? Oder brauchen wir so viele Patienten in diesen Betten, damit sich die Klinik finanzieren kann?“, fragt Windisch.

DGIIN-Präsident Matthias Kochanek. (Foto: ©Uniklinik Köln)

Gleichzeitig sei Deutschland Schlusslicht bei der Tabakprävention, so der DGP-Präsident. Und Tabakkonsum sei einer der größten Risikofaktoren für viele und schwere Herz- wie auch Lungenerkrankungen, die wiederum die Hauptgründe für Beatmung auf Intensivstationen in Deutschland darstellen. Denn auch in puncto Erkrankung liegen die Daten vor. „Wir sind also in einem ganz ungünstigen Spagat: Wir verhindern die Krankheiten nicht, die wir dann aber maximal mit allem, was geht, behandeln“, so Windisch. Wäre es nicht andersherum deutlich besser?

Die „Lancet“-Studie gibt viele Antworten, wirft aber noch mehr Fragen auf. DGIIN-Präsident wie auch DGP-Präsident sind sich entsprechend einig: „Es ist enorm wichtig, zukünftig noch mehr Studien zur Qualitätssicherung auf den Weg zu bringen! In erster Linie muss jetzt aber mit der Krankenhausreform eine Strukturqualität eingeführt werden, die es bisher nur unzureichend gibt! Wir brauchen vor allem hervorragend ausgebildetes Personal und nicht mehr das Prinzip ‚Jeder macht alles‘.“

Intensivmedizin als Leistungsgruppe abbilden

Gesundheitsökonom Reinhard Busse. (Foto: ©privat)

Es gelte, die Studienergebnisse auch mit der Brille der Krankenhausreform zu betrachten, ordnet der Arzt und Gesundheitsökonom Prof. Reinhard Busse die Ergebnisse ein. Busse ist selbst Letztautor der Studie sowie Mitglied der Regierungskommission für eine moderne und bedarfsgerechte Krankenhausversorgung. „Wir brauchen diese Beatmungsbetten nicht alle!“ Man müsse sich in Deutschland klar werden, dass eine Beatmung einen primär kurativen Ansatz hat, so der Universitätsprofessor für Management im Gesundheitswesen an der Technischen Universität Berlin.

Generell zeige die Studie aber auch, dass die Beatmung, also die Intensivmedizin, derzeit ein wichtiger und ökonomisch relevanter Bereich einer Klinik sei. „Es ist entsprechend sehr wichtig, dass wir bei der Bildung von Leistungsgruppen die Intensivmedizin eigenständig und differenziert in Versorgungsstufen abbilden, um hierüber eigene scharfe und qualitätsorientierte Strukturvoraussetzungen zu definieren. Hier darf es bei der jetzigen Reform keine weitere Verwässerung geben.“