UKL-Unfallchirurg: „Im Herbst jede Woche mehr als 20 Frakturen nach Fahrradunfällen”

Christoph Josten, Direktor der Klinik und Poliklinik für Orthopädie, Unfallchirurgie und Plastische Chirurgie, registriert eine steigende Zahl schwerer Unfälle mit Radfahrern. (Foto: Stefan Straube/UKL)

Schädel-Hirn-Traumata, Knochenbrüche, Gesichtsverletzungen nehmen aufgrund von Radunfällen zu. Darauf hat das Universitätsklinikum Leipzig (UKL) hingewiesen.

Leipzig ist eine Fahrradstadt mit allein fast 30.000 Studenten an der Universität. Doch nicht nur die Zahl der Radfahrer ist in den vergangenen Jahren an der Universitätsstadt spürbar gestiegen, sondern auch die Unfallzahlen mit Radfahrern, vermeldete das UKL.

Fahrräder vor dem UKL (Foto: Stefan Straube/UKL)

„Fahrradunfälle werden unterschätzt”, sagt Prof. Christoph Josten, Direktor der Klinik und Poliklinik für Orthopädie, Unfallchirurgie und Plastische Chirurgie. „Wir verzeichnen sehr viele schwer- und schwerstverletzte Radfahrer”, bilanziert Josten, „dabei sprechen wir von starken Schädel-Hirn-Traumata, Verletzungen der Wirbelsäule, multiplen Knochenbrüchen und schwersten Gesichtsverletzungen.” An regnerischen Herbsttagen, wenn viel nasses Laub auf Straßen und Wegen liegt, verzeichnen die Unfallchirurgen des UKL pro Woche mehr als 20 Frakturen nach Radunfällen.

Die meisten Unfälle geschehen nach Ansicht von Josten durch Unachtsamkeit und seien oft vom Radfahrer selbst verschuldet. Allerdings gerieten diese auch nicht selten in gefährliche Situationen durch das Verhalten rücksichtsloser PKW- oder LKW-Fahrer. Daher appelliert der Mediziner auch an die Verkehrsteilnehmer mehr rücksicht aufeinander zu nehmen.

Schwerere Verletzungen nach einem Unfall bedeuteten in vielen Fällen Komplikationen, stationären Aufenthalt über viele Wochen oder manchmal sogar bleibende Schäden, vor allem am Schädel. „Bei einem Sturz selbst bei nur 20 Kilometer pro Stunde aus einer Fahrradhöhe von etwa einem Meter ist die Reaktionszeit in der Regel zu kurz für eine koordiniert-geschützte Landung”, erläutert Josten, „man fällt meist vornüber und schafft es nicht mehr, die Hände zum Schutz nach vorn zu bringen.” Trotzdem oder gerade deswegen plädiert er, selbst Radfahrer, unbedingt dafür, einen Helm zu tragen: „Der Helm schützt den Schädel”, so der Unfallchirurg.

Aus seiner Erfahrung heraus kann Josten mittlerweile Radfahrer in vier Gruppen einteilen, was deren Gefährdungspotenzial betrifft: Da wären die relativ unauffälligen Kinder und Schüler. Schon gefährdeter seien Senioren, nicht zuletzt durch den Umstand der nachlassenden Koordination mit zunehmendem Alter. Gruppe drei nehmen die gern in größeren Pulks auftauchenden Freizeit-Sportfahrer in Rennkleidung ein – hier sieht der Experte bereits größeres Gefährdungspotenzial. Für diejenigen mit dem höchsten Potenzial findet er nur den Begriff „Fahrrad-Rowdys” passend: in der Regel jünger, männlich, extrem rücksichtsloses Fahrverhalten.

Dass viele mittlerweile ihr Zweirad auch im Winter nutzen, findet Josten „unverantwortlich”. Bei Eis und Schnee habe ein Rad nichts auf den Straßen einer Stadt verloren, so der UKL-Unfallchirurg.