Ultraprozessierte Lebensmittel: Möglicher Zusammenhang mit dem Mortalitätsrisiko von Krebsüberlebenden gefunden

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In einer Studie haben Krebsüberlebende, die im Rahmen ihrer normalen Ernährungsgewohnheiten viel ultraverarbeitete Lebensmittel zu sich nahmen, eine signifikant erhöhte Sterbewahrscheinlichkeit insgesamt sowie im Zusammenhang mit einer Krebserkrankung gezeigt.

Ultraprozessierte Lebensmittel können, so erklärt Erstautorin Marialaura Bonaccio, als ungesund angesehen werden. Der Grund: Meist sind sie arm an essenziellen Nahrungsstoffen wie Vitaminen, Mineralien und Ballaststoffen. Zudem kommen bei der industriellen Herstellung Zusatzstoffe, künstliche Aromastoffe, Konservierungsmittel, Emulgatoren sowie größere Mengen von Zucker und ungesunden Fetten hinzu. 

Bonacchio gehört der Forschungseinheit für Epidemiologie und Prävention bei IRCCS Neuromed im italienischen Pozzilli an. Ihre Forschungsergebnisse veröffentlichte das Team um Bonaccio kürzlich im Journal „Cancer Epidemiology, Biomarkers & Prevention“, das von der American Association for Cancer Research (AACR) herausgegeben wird.

Fokus auf den Verarbeitungsgrad, nicht auf Nährstoffe

In vielen Ländern weltweit ist der Konsum ultraprozessierter Lebensmittel auf dem Vormarsch. Es sei aber wichtig besser zu verstehen, ob eine Reduktion solcher Lebensmittel auf dem Speiseplan Krebsüberlebende dabei unterstützen kann, länger und gesünder zu leben. „Was Menschen nach einer Krebsdiagnose essen, kann das Überleben beeinflussen“, erklärt Boacchio. „Doch die Forschung in dieser Population hat sich in der Vergangenheit meist nur auf Nährstoffe konzentriert, und nicht darauf, wie stark die konsumierten Lebensmittel verarbeitet sind.“

Die Wissenschaftlerin ergänzt: „Die Stoffe, die bei der industriellen Herstellung von Lebensmitteln verwendet werden, können Stoffwechselprozesse beeinträchtigen, das Darmmikrobiom stören und Entzündungen fördern. Auch wenn ein ultraprozessiertes Lebensmittel denselben Kaloriengehalt besitzt und auf dem Papier aus denselben Nährstoffen besteht wie ein minimal verarbeitetes oder ‚natürliches‘ Lebensmittel, könnte es trotzdem einen stärkeren negativen Effekt auf den Körper haben.“

Untersuchung anhand der italienischen Molise-Kohorte

In der prospektiven Moli-sani-Studie begleiteten Bonaccio und Kollegen 24.325 Personen von März 2005 bis Dezember 2022. Die Teilnehmer waren zu Studienbeginn mindestens 35 Jahre alt und lebten in der süditalienischen Region Molise. Innerhalb dieser Kohorte identifizierten die Forschenden 802 Krebsüberlebende (476 Frauen, 326 Männer), die im Rahmen der European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition (EPIC) mithilfe eines Fragebogens zur Ernährungshäufigkeit detaillierte Angaben zu ihrer Ernährung gemacht hatten. Die Wissenschaftler verwendeten das NOVA-Klassifizierungssystem, das Lebensmittel anhand des Verarbeitungsgrades und -zwecks in vier Gruppen einteilt.

Der Anteil ultraverarbeiteter Lebensmittel in der Ernährung jedes Teilnehmers wurde anschließend auf zwei Arten berechnet: als Gewichtsverhältnis (Gesamtgewicht der täglich verzehrten ultraverarbeiteten Lebensmittel geteilt durch das Gesamtgewicht aller täglich verzehrten Lebensmittel und Getränke) und als Energieverhältnis (Gesamtkalorien aus ultraverarbeiteten Lebensmitteln geteilt durch die täglich insgesamt aufgenommenen Kalorien). Anhand des Gewichtsanteils der konsumierten ultraverarbeiteten Lebensmittel teilte man die Untersuchten in drei Gruppen ein.

Die Forschenden berücksichtigten zudem verschiedene Faktoren wie demografische Merkmale, Raucherstatus, Body-Mass-Index, körperliche Aktivität in der Freizeit, Krankengeschichte, Krebsart und die allgemeine Ernährungsqualität (gemessen anhand des Mittelmeerdiät-Scores).

Deutlich erhöhte krebsassoziierte Sterberate im oberen Terzil

Während einer medianen Nachbeobachtungszeit von 14,6 Jahren verstarben insgesamt 281 der 802 Krebsüberlebenden. Personen im obersten Drittel der konsumierten ultraverarbeiteten Lebensmittel (nach Gewicht) wiesen eine um 48 Prozent höhere Sterberate insgesamt (unabhängig von der Todesursache) und eine um 57 Prozent höhere krebsassoziierte Sterberate auf als Personen im untersten Drittel.

Ein höherer Anteil ultraverarbeiteter Lebensmittel an der aufgenommenen Energie brachte ähnliche Ergebnisse hinsichtlich der Krebssterblichkeit zu Tage, jedoch nicht hinsichtlich anderer Todesursachen.

„Manche Lebensmittel haben ein hohes Gewicht, liefern aber wenige Kalorien, oder umgekehrt. Daher können die Ergebnisse je nach Messmethode variieren“, erklärt Bonaccio. „Die Tatsache, dass der Zusammenhang zwischen hochverarbeiteten Lebensmitteln und der Gesamtmortalität auch nach Berücksichtigung der allgemeinen Ernährungsqualität bestehen blieb, deutet darauf hin, dass die negativen gesundheitlichen Auswirkungen nicht allein durch ein ungünstiges Nährstoffprofil erklärt werden können. Vielmehr haben die Art und der Umfang der industriellen Lebensmittelverarbeitung selbst einen eigenständigen Einfluss auf die langfristigen Gesundheitsergebnisse.“

Untersuchung potenzieller biologischer Mechanismen

Um die potenziellen biologischen Mechanismen zu untersuchen, die durch hochverarbeitete Lebensmittel beeinflusst werden könnten, analysierten Bonaccio und Kollegen Entzündungs-, Stoffwechsel- und Herz-Kreislauf-Biomarker anhand von Proben und Daten der Studienteilnehmer. Die Berücksichtigung von Entzündungswerten und Ruheherzfrequenz führte zu einer Abschwächung des Zusammenhangs zwischen hochverarbeiteten Lebensmitteln und der Gesamtmortalität um 37,3 Prozent.

Bonaccio erläutert: „Diese Ergebnisse legen nahe, dass erhöhte Entzündungswerte und eine erhöhte Herzfrequenz in Ruhe den Zusammenhang zwischen höherem Konsum hochverarbeiteter Lebensmittel und erhöhter Sterblichkeit teilweise erklären. Die Resultate tragen zur Klärung der Frage bei, wie die Lebensmittelverarbeitung selbst zu schlechteren Behandlungsergebnissen bei Krebsüberlebenden beitragen kann.“

Sieben Gruppe hochverarbeiteter Lebensmittel untersucht

Um besser zu verstehen, ob der Nährstoffgehalt hochverarbeiteter Lebensmittel einen Unterschied macht, erfassten und analysierten die Forschenden Daten zu sieben Gruppen solcher Lebensmittel. Dabei handelte es sich um künstlich und zuckergesüßte Getränke, Süßstoffe und Spirituosen sowie Milch- und Käseprodukte und verarbeitetes Fleisch. Weitere Gruppen bildeten salzige Snacks und herzhafte Speisen sowie fetthaltige Brotaufstriche und Soßen und stärkehaltige Lebensmittel. Zuckerhaltige Lebensmittel und Süßigkeiten stellten die siebte Gruppe dar.

Einige Gruppen wurden mit einer höheren Sterblichkeit in Verbindung gebracht, während bei anderen kein eindeutiges Muster erkennbar war. Die Interpretation einzelner hochverarbeiteter Lebensmittel sei jedoch schwierig, und sie sollten besser als Teil eines Ernährungsmusters und nicht als isolierte Produkte betrachtet werden, erklärt Bonaccio.

Gesamtkonsum macht den Unterschied

Die Wissenschaftler fasst die Forschungsergebnisse so zusammen: „Die wichtigste Botschaft für die Öffentlichkeit ist, dass der Gesamtkonsum hochverarbeiteter Lebensmittel weitaus wichtiger ist als jedes einzelne Produkt. Die Ernährung als Ganzes zu betrachten, den Konsum von hochverarbeiteten Lebensmitteln insgesamt zu reduzieren und stattdessen vermehrt frische, minimal verarbeitete und selbst zubereitete Speisen zu bevorzugen, ist der sinnvollste und gesundheitsförderndste Ansatz. Ein praktischer Weg, dies umzusetzen, ist das Überprüfen der Zutatenliste: Lebensmittel mit mehr als fünf Zutaten oder auch nur einem einzigen Zusatzstoff sind wahrscheinlich hochverarbeitet.“

Zu den Einschränkungen dieser Studie gehört, dass aufgrund des beobachtenden Charakters keine Kausalzusammenhänge abgeleitet werden können. Zudem beruhten die Angaben zur Nahrungsaufnahme auf Selbstauskünften der Probanden und waren daher anfällig für falsche Angaben. Die Wissenschaftler weisen auch darauf hin, dass sich die Ernährungsgewohnheiten im Laufe des Beobachtungszeitraumes verändert haben könnten und dass die Studie einem Selektionsbias unterliegt, da die Ernährung durchschnittlich 8,4 Jahre nach der Krebsdiagnose erfasst wurde. Darüber hinaus war die Anzahl der Todesfälle gering, was die statistische Aussagekraft einschränkt. Auch fehlten Daten zum Krebsstadium zum Zeitpunkt der Diagnose.

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