Unkomplizierter Speiseplan der Nilgans macht „Daueraufenthalt“ möglich14. Oktober 2026 Die invasive Nilgans ist ein opportunistischer Esser – und potenzieller Parasitenträger. Foto: © Senckenberg/Dörge Die ursprünglich aus Afrika stammende Nilgans gilt als invasive Art von europaweiter Bedeutung. Welche ökologischen und wirtschaftlichen Auswirkungen ihre Ausbreitung haben kann, haben Forschende des Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrums und der Goethe-Universität Frankfurt über vier Jahre untersucht. Die Analyse von 100 Nilgänsen aus der Wetterau zeigt eine opportunistische, überwiegend pflanzliche Ernährung und eine überraschend vielfältige Parasitenfauna. Sieben Parasitenarten wurden von dem Forschungsteam erstmals für Nilgänse in Europa nachgewiesen. Die Studie ist im Rahmen des Verbundprojekts ZOWIAC erschienen. Die Nilgans wurde eingeführt – um zu bleiben, wie es scheint Rund 11.000 bis 15.500 Paare der Nilgans (Alopochen aegyptiaca) brüten in Deutschland. Zu diesem Ergebnis kommt eine bundesweite Erhebung aus den Jahren 2017 bis 2022. Die ursprünglich aus Afrika stammende Wasservogelart wurde zwischen dem 17. und 20. Jahrhundert als Zier- und Parkvogel nach Europa eingeführt. Seit 2017 steht sie auf der EU-Liste der invasiven Arten von unionsweiter Bedeutung. „Auch aus Hessen sind Nilgänse längst nicht mehr wegzudenken. Ob in Parks, Freibädern, wie dem Frankfurter Brentanobad, oder auf landwirtschaftlichen Flächen in der Wetterau – wo viele dieser invasiven Tiere zusammenkommen, können Konflikte entstehen. Gleichzeitig fehlen wichtige Daten, um die Auswirkungen der wachsenden Population besser einzuschätzen und geeignete Managementmaßnahmen zu entwickeln. Es ist aber sowohl im Bundesnaturschutzgesetz als auch auf EU-Ebene zwingend vorgeschrieben, heimische Ökosysteme vor den Auswirkungen invasiver Arten zu schützen“, erklärt Prof. Sven Klimpel vom Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum und der Goethe-Universität Frankfurt.Ein Forschungsteam um den Frankfurter Parasitologen und Infektionsbiologen hat daher insgesamt 100 Nilgänse aus der Wetterau im Rahmen des Verbundprojektes ZOWIAC (Zoonotische und wildtierökologische Auswirkungen invasiver Carnivoren) untersucht. Vier Jahre lang nahmen die Forschenden jedes Jahr 25 Nilgänse aus demselben Gebiet nahe Nieder-Wöllstadt und Dortelweil unter die Lupe. Die Tiere wurden im Rahmen der regulären Bejagung beprobt und anschließend auf ihre Ernährung und ihren Parasitenbefall analysiert. Das Untersuchungsgebiet ist geprägt von landwirtschaftlich genutzten Flächen, darunter zahlreiche Maisfelder, und erstreckt sich teilweise entlang des Flusses Nidda.„Für die Nahrungsanalyse haben wir den Kropfinhalt der Nilgänse untersucht. Da die Nahrung dort noch weitgehend unverdaut ist, lässt sich so besonders gut nachvollziehen, was die Tiere fressen“, erläutert die Erstautorin der Studie Dr. Anna Viktoria Schantz von der Goethe-Universität Frankfurt. Auch Regenwürmer und Muschelreste wurden gefunden Die Ergebnisse zeigen, dass über alle Untersuchungszeiträume hinweg Mais, Getreide und Gräser den größten Anteil der Nahrung der Nilgänse ausmachten.Die Studie belegt zudem, dass sich die eigentlich als Vegetarier geltenden Halbgänse zu einem gewissen Anteil von tierischen Nahrungsbestandteilen ernähren. Neben der pflanzlichen Nahrung fanden die Forschenden beispielsweise auch Regenwürmer und Muschelreste. „In einem Untersuchungsjahr wurden zudem Erdbeeren in den Nilgans-Kröpfen nachgewiesen. Da diese zum Zeitpunkt der Probenahme noch keine natürliche Reifezeit hatten, könnte es sich dabei um eine vom Menschen bereitgestellte oder anderweitig zugängliche Nahrungsquelle gehandelt haben“, fügt Schantz hinzu. Die Untersuchung der Nilganskröpfe gibt Hinweise auf deren Ernährung und Lebensweise. Foto: © Senckenberg Die Nahrungsanalyse zeigt, dass Nilgänse zu bestimmten Zeiten intensiv anthropogene Ressourcen nutzen. So bestanden insgesamt 46 Prozent der Kropfinhalte aus Mais, was 58 Prozent des Gesamtgewichts der Nahrung ausmachte. Besonders deutlich zeigte sich dies im Untersuchungszeitraum 2021/2022. Hier wurde Mais bei 95 Prozent der untersuchten Nilgänse nachgewiesen. „Unsere Ergebnisse zeigen deutlich, dass Nilgänse die Nahrungsbestandteile nutzen, die reichlich vorhanden und leicht verfügbar sind – was da ist, wird gefressen“, so Klimpel. „Kommt das nur sporadisch vor, hat das auch keine großen Auswirkungen und bedeutet nicht unbedingt, dass Ernteschäden, zum Beispiel beim Maisanbau, entstehen. Kommt es jedoch zu sehr großen Ansammlungen von Nilgänsen, die ebendiese Flächen frequentieren, dann kann das unter Umständen zu Konflikten mit der Landwirtschaft führen.“ Im Ursprungsgebiet der Nilgans sind negative Einflüsse auf den Ernteertrag bereits bekannt. Insgesamt 17 Parasitenarten in Nilgänsen nachgewiesen Ebenfalls im Fokus des Forschungsteams stand die Untersuchung der Nilgänse auf das Vorkommen von Ekto- und Endoparasiten. „Anhand der teilweise sehr spezifischen Lebenszyklen und Anpassung an bestimmte Wirte können Parasiten als verlässliche Indikatoren für die Ernährung und Lebensweise der Wirtstiere dienen“, legt Schantz dar. Bei etwa der Hälfte der untersuchten Nilgänse wiesen die Forschenden beispielsweise den Kratzwurm Polymorphus minutus nach, einen Parasiten, der den Dünndarm von Wasservögeln befällt. Die Parasitenart nutzt Flohkrebse als Zwischenwirte für ihre Entwicklung. Die infizierten Nilgänse müssen diese Flohkrebse demnach aufgenommen haben, um sich selbst mit dem Parasiten zu infizieren. Insgesamt identifizierte das Forschungsteam 17 Parasitenarten bei den untersuchten Nilgänsen. Sieben davon wurden erstmals als Nilgans-Parasiten in Europa nachgewiesen.„Unsere neue Studie zeigt, dass Nilgänse nicht nur in Parks und Freibädern für Konflikte sorgen, sondern auch landwirtschaftliche Flächen als Nahrungsquelle nutzen und dadurch wirtschaftliche Risiken entstehen können. Gleichzeitig tragen die invasiven Vögel verschiedene Parasiten in sich, die auch für Haus- und Zuchtgeflügel relevant sind. Um die Auswirkungen der Nilgans und ihre Rolle im Ökosystem noch besser zu verstehen, wären ganzjährige Untersuchungen wichtig. Denn Ernährung und Parasitenbefall ändern sich je nach Jahreszeit, Lebensraum und klimatischen Bedingungen“, gibt Klimpel einen Ausblick.
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