Urin-Gentest kann Blasenkrebs Jahre vor der Diagnose vorhersagen15. März 2023 In einer Urinprobe kann viel Information über Blasenkrebs stecken. Foto: Giovanni Cancemi – stock.adobe.com Ein Urintest auf genetische Mutationen kann Blasenkrebs erkennen, lange bevor sich klinische Symptome zeigen. Das belegen aktuelle Forschungsergebnisse, zu denen die Verantwortlichen am 11.03.2023 auf dem Jahreskongress der European Association of Urology (EAU) in Mailand referierten. Die Studie von Forschern aus Frankreich, dem Iran und den USA identifizierte Mutationen in zehn Genen, die in der Lage waren, die häufigste Art von Blasenkrebs bis zu 12 Jahre vor der Diagnose vorherzusagen. Blasenkrebs ist keine seltene Krankheit – er ist die fünfthäufigste Krebsart in der Europäischen Union mit über 200.000 Fällen pro Jahr. Nur etwa die Hälfte der Patienten, bei denen die fortgeschrittene Krankheit diagnostiziert wird, überlebt länger als fünf Jahre, hauptsächlich aufgrund der späten Diagnose und des Wiederauftretens der Krankheit. Wird der Krebs hingegen im Frühstadium erkannt, überleben mehr als 80% der Patienten mindestens fünf Jahre. Die leitende Forscherin Dr. Florence Le Calvez-Kelm von der International Agency for Research on Cancer (IARC) in Lyon (Frankreich) sagte: „Die Diagnose von Blasenkrebs beruht auf teuren und invasiven Verfahren wie der Zystoskopie, bei der eine Kamera in die Blase eingeführt wird. Ein einfacher Urintest, der Blasenkrebs Jahre im Voraus genau diagnostizieren und sogar die Wahrscheinlichkeit vorhersagen kann, dass sich Blasenkrebs entwickelt, könnte dazu beitragen, mehr Krebserkrankungen in einem frühen Stadium zu erkennen und unnötige Zystoskopien bei gesunden Patienten zu vermeiden.“ Gentest von 60 auf 10 Gene reduziert Die Studie basierte auf dem UroAmp-Test, einem allgemeinen Urintest, der Mutationen in 60 Genen identifiziert. Er wurde von der Firma Convergent Genomics, einer Ausgründung der der Oregon Health Science University in Portland (Oregon, USA) entwickelt. Das Forschungsteam stützte sich auf frühere Forschungen zur Identifizierung genetischer Mutationen im Zusammenhang mit Blasenkrebs und grenzte das Feld untersuchter Gene ein, um sich auf Mutationen in nur zehn Genen zu konzentrieren. In Zusammenarbeit mit Kollegen der Teheran University of Medical Sciences im Iran erprobten sie den potenziellen neuen Test mit Proben aus der Golestan-Kohortenstudie, in der die Gesundheit von mehr als 50.000 Teilnehmern über zehn Jahre verfolgt wurde, die alle bei der Rekrutierung Urinproben zur Verfügung gestellt hatten. 40 Personen in der Studie erkrankten in diesem Zeitraum an Blasenkrebs, und das Team konnte Urinproben von 29 von ihnen zusammen mit Proben von 98 anderen ähnlichen Teilnehmern als Kontrollen testen. Von den 29 Teilnehmern der Golestan-Kohorte, die an Blasenkrebs erkrankt waren, konnte der Test bei 19 (66%) einen zukünftigen Blasenkrebs vorhersagen, obwohl die Urinproben bis zu 12 Jahre vor der klinischen Diagnose abgegeben worden waren. Bei 14 dieser Teilnehmer wurde innerhalb von 7 Jahren nach der Urinabgabe Blasenkrebs diagnostiziert, und der Test war in der Lage, Blasenkrebs bei 12 (86%) von ihnen vorherzusagen. Der Test war bei 94 der 98 Teilnehmer (96%), die in Zukunft keinen Krebs entwickeln würden, negativ. Bei denjenigen, bei denen der Test negativ war, die aber schließlich Blasenkrebs entwickelten, wurde bis mindestens 6 Jahre nach Abgabe der Urinprobe kein Krebs diagnostiziert. Der Test wurde zusätzlich am Massachusetts General Hospital und der Ohio State University (beide USA) überprüft. Die dortigen Forscher verwendeten Proben von 70 Blasenkrebspatienten und 96 Kontrollpersonen, die vor einer Zystoskopie entnommen wurden. Im Gegensatz zur Golestan-Studie wurden einige dieser Proben von Krebspatienten am Tag ihrer Diagnose bereitgestellt und nicht viele Jahre zuvor.Mutationen wurden in Urinproben von 50 der 70 Patienten (71%) gefunden, deren Tumore während der Zystoskopie sichtbar waren. Einige davon waren Neudiagnosen und andere betrafen ein Rezidiv. Bei 90 der 96 (94%) Patienten mit negativer Zystoskopie wurden keine Mutationen gefunden. Dr. Le Calvez-Kelm glaubt, dass diese Ergebnisse das Potenzial eines genetischen Urintests zur Früherkennung von Blasenkrebs demonstrieren. Sie sagte: „Wir haben eindeutig die wichtigsten erworbenen genetischen Mutationen identifiziert, die das Krebsrisiko innerhalb von 10 Jahren signifikant erhöhen können. Unsere Ergebnisse waren über 2 sehr unterschiedliche Gruppen hinweg konsistent – diejenigen mit bekannten Risikofaktoren, die sich einer Zystoskopie unterziehen, und Personen, von denen angenommen wird, dass sie gesund sind.” Die Forscherin schätzt, dass Urintests auf diese Mutationen ein routinemäßiges Screening für Hochrisikogruppen wie Raucher oder Personen mit Karzinogenexposition ermöglichen könnten. Auf dem Weg zur Krebsüberwachung durch Flüssigbiopsie Dr. Joost Boormans, Mitglied des EAU Scientific Congress Office und Urologe am Erasmus University Medical Center Rotterdam, kommentierte: „Forschungen dieser Art sind sehr ermutigend. Sie zeigen, dass sich unsere Möglichkeiten ständig verbessern, molekulare Veränderungen, die Krebs anzeigen könnten, in Flüssigbiopsien wie Urin zu identifizieren.” Der Experte hält ein Massen-Screening-Programm auf Blasenkrebs jedoch für unwahrscheinlich. Ein Urintest auf genetische Mutationen hat seiner Einschätzung zufolge aber eine Bedeutung dabei, Zystoskopien und Scans bei Blasenkrebspatienten zu reduzieren. Das gelte sowohl für Patienten, die zur frühzeitigen Erkennung eines Rezidivs überwacht werden als auch bei solchen, die wegen Blut im Urin weiter untersucht werden. “Ein Urintest wäre für Patienten viel einfacher als invasive Verfahren oder Scans, und für das Gesundheitswesen wäre er weniger kostspielig“, so Boormans. (EAU/ms)
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