Uro-Onkologie in Zeiten der COVID-19-Pandemie

Axel Haferkamp, Frank König und Jürgen Gschwend (v.l.) diskutierten beim Magdeburger Symposium über die Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf die uro-onkologische Versorgung und Forschung. Fotos: Medienzentrum Chirurgie/UMM; König; Schmitz (v.l.)

Welche Auswirkungen haben die COVID-19-Pandemie und die verordneten Einschränkungen auf die Uro-Onkologie? War oder ist die Versorgung gefährdet? Diese Fragen diskutierten Experten beim Magdeburger Interdisziplinären Symposium zu Kontroversen in der Uro-Onkologie online am 29.01.2021.

Prof. Axel Haferkamp, Direktor der Klinik und Poliklinik für Urologie und Kinderurologie an der Universitätsmedizin Mainz, schilderte die Verhältnisse zunächst aus Sicht des klinisch tätigen Urologen. Der Pandemie-Monitor der Deutschen Gesellschaft für Urologie (DGU) spiegelt die Herausforderungen wider (Erhebungszeitraum 16.11.–22.11.2020): 76 Prozent der Kliniken klagten über Mitarbeiterausfälle. Eine Reduktion der OP-Kapazitäten für selektive Operationen gaben 58 Prozent an, für dringliche OPs etwa 35 Prozent. Die Gründe dafür sind vielfältig: Auswirkungen der Landesverordnung, Versetzen von Mitarbeitern in andere Einsatzbereiche, Erkrankung mit COVID-19, Quarantäne oder die Umwandlung des Operationssaals in eine Intensivstation. Für die Zeiträume vom 06.–12.04. und 13.–19.04.2020 gaben aber fast alle Kliniken an, dass sie Notfälle zu 100 Prozent versorgen konnten, die meisten konnten ebenfalls zu hohen Prozentsätzen dringliche Operationen durchführen. Nur noch etwa die Hälfte gaben dies für semi-dringliche Operationen an, und elektive OPs konnte nur noch eine Minderheit zu 100 Prozent anbieten, ein gutes Drittel überhaupt nicht mehr.

Was Tumorerkrankungen betrifft, gibt es vor allem Daten aus den USA. Demnach haben die diagnostischen Leistungen um 25,7 Prozent abgenommen, Tumoroperationen haben sich um 38,7 Prozent verringert, und auch die Verabreichung von antineoplastischen Medikamenten und Chemotherapie hat sich um 19,7 Prozent reduziert. In der Universitätsmedizin Mainz wurden laut Haferkamp 26 Prozent weniger Prostatektomien und zwölf Prozent weniger Zystektomien durchgeführt. „Uroonkologische Patienten sind durch COVID-19 massiv gefährdet“, betonte Haferkamp – zum einen durch die Verzögerung von kurativen und palliativen Therapien, zum anderen aber auch durch die Lungenkrankheit selbst, denn 94 Prozent der Tumorpatienten haben Risikofaktoren für einen schweren Verlauf.

Die uro-onkologische Versorgung ist nicht gefährdet – oder doch?

Positiver sieht es der niedergelassene Urologe Prof. Frank König vom Aturo Berlin, Vorstandsmitglied des Deutsche Uro-Onkologen e.V.: „Ist die uro-onkologische Versorgung gefährdet? Nein!“ Anhand des DGU-Pandemie-Monitors belegte König, dass zwar im April vermehrt Notfälle auftraten und weniger elektive Diagnostik/Therapie sowie Vorsorgeleistungen durchgeführt wurden, dass alles aber aktuell wieder das gleiche Niveau erreicht hat. Eine Umfrage von d-uo und DGU zeigt dann aber doch Probleme auf: Immerhin 66 Prozent der befragten Urologen gaben an, onkologisch notwendige Operationen protrahiert zu haben. Sogar 86 Prozent zögerten den Start der onkologischen Therapie hinaus. 74 Prozent änderten die onkologische Therapie oder passten sie an. 37 Prozent gaben an, Patienten hätten notwendige geplante Termine selbst abgesagt oder verschoben. Ein Drittel glaubt, dass sich die Patientenversorgung verschlechtert habe.

„Die Ergebnisse der Befragungen entsprechen oft einem ‚Bauchgefühl‘, und die Stichprobe ist möglicherweise nicht repräsentativ“, erklärte König die offensichtlichen Widersprüche. „Durch Flexibilität der Praxen wird die Versorgung onkologischer Patienten grundsätzlich aufrechterhalten, aber ein harter Lockdown kann zu Therapieverzögerungen und Änderungen von üblichen Therapieprotokollen führen“, resümierte er dann doch recht nachdenklich.

Einschränkungen für die Forschung

Auch Prof. Jürgen Gschwend, Direktor der Klinik und Poliklinik für Urologie am Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München, berichtete über Veränderungen der Versorgung. Laut „Deutschem Ärzteblatt“ wurden in über einem Drittel aller Rückmeldungen Veränderungen bei der bildgebenden Diagnostik, der Systemtherapie, den Tumoroperationen und der Palliativmedizin beschrieben. Bezüglich Systemtherapien solider Tumore wurden Therapien aufgeschoben beziehungsweise Therapiezyklen modifiziert, sofern es klinisch vertretbar war, zum Beispiel bei Erhaltungstherapien. In den verschiedenen Bereichen der onkologischen Versorgung gab es Einschränkungen besonders in den weniger dringend erscheinenden, „weichen“ Faktoren: Psychologische Unterstützung, Ernährungsberatung, Anleitung zu Bewegung und Soziales wurden zwischen Kalenderwoche 13 und 32 um 20 bis 40 Prozent reduziert, die Nachsorge war bis Kalenderwoche 18 um mindestens die Hälfte eingeschränkt und war in Kalenderwoche 32 immer noch um etwa ein Drittel reduziert.

Auch auf die klinisch-onkologische Forschung hatte die COVID-19-Pandemie Auswirkungen, wie Gschwend sagte. „Nahezu alle Comprehensive Cancer Centers (CCCs) berichteten über Einbrüche bei der Neurekrutierung von Patienten in klinische Studien aufgrund geringerer Fallzahlen und veränderter Ressourcenallokation.“ Bevorzugt wurden Studien fortgesetzt, von denen man sich eine Veränderung der Praxis versprach. Zwar hätten im April die Rekrutierung wie auch die Initiierung neuer Studien wieder sukzessive eingesetzt, „aber selbst nach zehn Befragungsrunden berichteten in Kalenderwoche 32 sechs der 18 CCCs noch immer von einer geringeren Neurekrutierung bei klinischen Studien“, so Gschwend.

Fazit: Offenbar hat die uro-onkologische Versorgung durch Anstrengung aller Beteiligten die wesentlichen Herausforderungen der Krise gemeistert, ohne dass eine dramatische Verschlechterung konstatiert werden müsste. Dennoch weiß keiner, wie lange die Einschränkungen noch anhalten und wie lange das System auch die Versorgung der uro-onkologischen Patienten weiterhin sichern kann.

(ms)