Urologen sehen ambulante Medizin von der Politik vernachlässigt

Michael Stephan-Odenthal
Michael Stephan-Odenthal, Geschäftsführer der Uro-GmbH. Foto: Uro-GmbH

Hygienekosten, Impfprioritäten und Schutzschirme – für die Urologen der Uro-GmbH Nordrhein zeigt sich nach einem Jahr unter Pandemiebedingungen die Ungleichbehandlung von Kliniken und ambulanten Praxen durch die Politik deutlich.

Die Urologen mahnen, dass bei gleichbleibendem politischem Kurs in einem Land mit überalterter Bevölkerung und ebenso überaltertem medizinischen Personal schon in fünf bis zehn Jahren gewaltige Probleme für die medizinische Versorgung auf heutigem Niveau auftauchen würden. Dies würde zwangsläufig irgendwann zur Verstaatlichung der ambulanten Medizin führen, die jetzt schon als Bürgerversicherung von einigen politischen Akteuren propagiert werde.

Unterschiedliche Priorisierung von Klinken und Praxen

Schon zu Beginn der Pandemie zeigte sich laut Dr. Michael Stephan-Odenthal, Geschäftsführer der Uro-GmbH Nordrhein und Landesvorsitzender des Berufsverbandes der Urologen, die unterschiedliche Priorisierung von Klinken und Praxen durch die Politik. Planbare Behandlungen wurden ambulant wie stationär verschoben, um Ressourcen für eine Infektionswelle frei zu halten. Ab Ende April habe die Politik richtigerweise unter anderem den Aufbau von Intensiv-/Beatmungs-Kapazitäten in den Kliniken mit 50.000 Euro pro Beatmungsbett unterstützt und verschobene Elektiv-Operationen in den Kliniken mit bis zu 350 euro pro Tag ausgeglichen.

Auch im ambulanten Bereich wurde ein „Schutzschirm“ eingerichtet. In Nordrhein gab es im Frühjahr 2020 eine Umsatzgarantie von 90 Prozent im Vergleich zum gleichen Quartal des Vorjahres für Leistungen aus dem Regelleistungsvolumen und extrabudgetäre Leistungen. Allerdings sollte sie – im Unterschied zu anderen Wirtschaftsbetrieben – mit anderen Finanzhilfen verrechnet werden. Jüngst wurde eine Fortsetzung des Schutzschirms zunächst nur für Leistungen des Regelleistungsvolumens garantiert. Extrabudgetäre Leistungen sollen jedoch aus den Rückstellungen der regionalen KVen bezahlt werden.

Unter dem Strich bedeutet dies für Stephan-Odenthal, dass die niedergelassenen Ärzte Ihren „Schutzschirm“ selber im Sinne eines innerärztlichen Solidaritätsfonds zahlen müssten. Gleichzeitig stiegen die Preise für einfachste Hygieneschutzmittel um das Drei- bis Fünffache an und mussten von den Praxen auf eigene Kosten beschafft werden. „Doch Forderungen an die Kassen, nun die seit Jahren steigenden Hygienekosten auszugleichen, werden ausgerechnet in der Pandemie weiter hartnäckig ignoriert“, verdeutlicht der Leverkusener Urologe.

Niedergelassene Ärzte als Impflinge zweiter Ordnung

Im Herbst mit der Impfstoffzulassung setzte sich nach Ansicht der Uro-GmbH die Ungleichbehandlung weiter fort. Bei wesentlich zu knappen Impfstoffmengen sei richtigerweise eine Priorisierung festgelegt worden: Zuerst Menschen mit dem höchsten Risiko für einen schweren Verlauf der COVID19-Erkrankung, dann sollten vor allem diejenigen geschützt werden, die jeden Tag mit infizierten und potenziell infizierten Patienten umgehen. „Nun sind die Hochbetagten in den Seniorenheimen durchgeimpft, die Mehrzahl der 80-Jährigen in Deutschland hat mindestens einen Impftermin und Mitarbeiter in Kliniken werden geimpft“, zählt Dr. Stephan-Odenthal auf. „Ärztinnen und Ärzte in der Praxis allerdings werden in der neuesten politisch erlassenen Impfverordnung erst in der zweiten Kategorie priorisiert.“ Dabei sei das Infektionsrisiko in der Praxis genauso hoch wie in der Klinikambulanz. Unter logischen Gesichtspunkten sei sie sogar bei einem Zahnarzt, HNO-Arzt oder Lungenfacharzt in der Praxis deutlich höher.

Auch in urologischen Praxen sei mit der notwendigen körperlichen Untersuchung und bei invasiven Maßnahmen ein Selbstschutz durch Maskentragen nur bedingt möglich, geben die Urologen der Uro-GmbH zu bedenken. Zudem würden viele Urologinnen und Urologen regelmäßig Altenheime versorgen und hätten damit ein ähnlich hohes Risiko wie Pflegekräfte. Ein Jahr unter Pandemiebedingungen zeige deutlich, was sich schon seit Jahren abzeichne: Obwohl die Arztpraxen in Deutschland den bei weitem größten Anteil der medizinischen Versorgung leisten, gebe es eine klare politische Priorisierung zum Vorteil der Kliniken.

Urologen sehen bei Politik Desinteresse an ambulanter Medizin

Für die Zukunft der medizinischen Versorgung in Deutschland sei eine solche Schwerpunktsetzung aufgrund der Altersstruktur fatal, betonen die Urologen. Die Folgen seien schon heute aus den Zahlen zur Bevölkerungsentwicklung berechenbar. Die Urologen aus Nordrhein werfen der Politik Desinteresse an ambulanter Medizin und eine Aushöhlung der Selbstverwaltung vor; damit sei keine langfristige Sicherstellung der medizinischen Versorgung möglich.

Wenn die gesetzlichen Krankenkassen die Sicherstellung übernähmen, dürfe bezweifelt werden, „dass dann alles besser und vor allem billiger wird”, so Stephan-Odenthal. “Für Ärztinnen und Ärzte werden jedoch als Angestellte des Staates oder der Kassen sichere Zeiten anbrechen. Die Nachfrage nach Ärztinnen und Ärzten wird groß sein, die Gehaltsforderungen werden durchsetzbar sein, geregelte Arbeitszeit, kompensierter Krankheitsausfall, Urlaubsgeld, kein betriebswirtschaftliches Risiko und keine Organisationsverantwortung mehr. Die Gesundheitspolitiker sollten sich im Superwahljahr die Folgen ihrer bisher falschen Politik noch einmal genau überlegen“, schließt der Urologe.

(Uro-GmbH/ms)