Urologen warnen vor Ärztemangel, Demotivation und Stillstand24. Juni 2019 Michael Stephan-Odenthal. Foto: Uro-GmbH Die Urologen aus Nordrhein, die in der Kölner Uro GmbH organisiert sind, vermissen in der Gesundheitspolitik des Ministers Jens Spahn sinnvolle Lösungsansätze für den drohenden Ärztemangel, die medizinische Versorgung der alternden Gesellschaft und die sich verändernden Ansprüche der jüngeren Ärztegeneration. Die Urologen klagen über aufgezwungene Telematikinfrastruktur, sinnlose Festlegung der Mindestarbeitszeit für Kassenärzte und überbordende Bürokratie. Durch das Inkrafttreten des Terminservice- und -versorgungsgesetzes (TSVG) werde die Liste der Zwangsmaßnahmen für Ärzte weiter fortgesetzt, heißt es in einer aktuellen Mitteilung. Die Heraufsetzung der Mindestarbeitszeiten für Kassenärzte sei beschlossen worden, obwohl alle Daten zeigten, dass bisher schon wesentlich mehr Sprechstunden für GKV-Patienten geleistet würden. Diese würden nach Angaben der Uro-GmbH zu zehn bis 30 Prozent aufgrund von Budgetierungen nicht bezahlt. “Bürokratischer Kontrollwahn” „Die öffentlichkeitswirksam angekündigte extrabudgetäre Vergütung für diese ‚Mehrarbeit‘ versuchen die Kassen, von der breiten Öffentlichkeit unbemerkt, nun in den Selbstverwaltungsgremien mit einer Unzahl von bürokratischen Hürden und bürokratischem Kontrollwahn zurückzudrehen“, sagt Dr. Stephan-Odenthal, Geschäftsführer der Uro-GmbH Nordrhein. „Und der Minister schaut dabei ruhig zu.“ Dies ist für ihn der falsche Schritt, um der Überalterung der Gesellschaft und den steigenden Möglichkeiten und Ansprüchen an die Medizin zu begegnen. Unstrittig ist, dass die Zahl der Behandlungsfälle in den nächsten 20 Jahren massiv ansteigen wird. Dem gegenüber steht eine sinkende Zahl der Arztstunden, weil die jüngeren Generationen eine grundsätzlich andere Auffassung von Arbeit und Familienleben haben und mit steigendem Ärztinnenanteil die Vereinbarkeit von Familie und ärztlichem Beruf einen wesentlich höheren Stellenwert bekomme als früher. „Die älteren Ärztegenerationen sind durch Arbeitsverdichtung und überbordende Bürokratie in zunehmendem Maße demotiviert“, meint Stephan-Odenthal. Zusätzlich bestehe ein massiver Nachwuchsmangel, der erheblich zum Tragen komme, wenn die heutige Generation der Ärzte aus den Babyboomer-Jahrgängen in Rente gehe. „Es gibt in absehbarer Zeit keine anderen Ärzte als die, die wir heute in Kliniken und Praxen haben oder die, die aktuell Medizin studieren!“, betont der Urologe. „Wer das nicht kapiert, hat offensichtlich keinen Plan für die Versorgung der Patienten in den nächsten 20 Jahren.“ Technologien mit Künstlicher Intelligenz (KI) würden dabei ebenso wenig helfen, wie Überlegungen zu neuen ärztlichen Hilfsberufen. Diese könnten auf absehbare Zeit nur Ergänzungen, aber keineswegs Ersatz für ärztliche Tätigkeit sein. KV, MDK und G-BA … Zudem hätten heute die zunehmenden bürokratischen Instanzen im Gesundheitssystem erheblichen Einfluss auf die Behandlung von Patienten, beklagt der Leverkusener Urologe. Als Beispiele nennt Stephan-Odenthal Krankenkassen, die Rabattverträge schließen, KV und Prüfstellen, die Verordnungen überwachen und sanktionieren, den Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK), der Behandlungen bewertet und Honorarkürzungen empfiehlt, den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA), der Beschlüsse zur Leistungszulassung und -erstattung trifft, das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG), das wissenschaftliche Bewertungen abgibt, “aus dem Elfenbeinturm”, wie der Uro-GmbH-Chef findet. Weder diese Instanzen noch Anbieter von KI-Programmen seien für ihre Entscheidungen haftbar zu machen, falls Patienten Schaden nehmen, gibt er zu bedenken. Haftbar gemacht würden in diesem System bisher ausschließlich Ärzte oder Anbieter von Gesundheitsdienstleistungen oder Produkten. „Die Gesundheitspolitik in diesem Land muss sich grundlegend ändern“, fordern die Urologen der Uro-GmbH. Ihrer Meinung nach braucht es deutlich weniger Bürokratie und deutlich mehr Verantwortlichkeit der von Versichertenbeiträgen bezahlten außerärztlichen Funktionäre im Gesundheitssystem. Nach Auffassung der Urologen sind klare, faktenbasierte Entscheidungen in der Politik erforderlich, wobei ärztliche Belange mehr Gehör finden sollten. Nur wenn Zwang, Budgets und Reglementierungen zurückgenommen würden, steige die ärztliche Motivation und nur dann könnte die zukünftige Morbiditätslast bewältigt werden. „Ohne ärztliche Motivation und letztlich ohne Ärzte hat dieses Land keine Zukunft. Es ist höchste Zeit für ein Umdenken!“, schließt Stephan-Odenthal. (Uro-GmbH/ms)
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