Verbesserte Notfallversorgung im Niemandsland zwischen Rettungsdienst, Notaufnahme und Hausarzt26. März 2026 Foto: Cordula Boll/TH Mannheim Der Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses fördert das Projekt VERINET (Vernetzte und Integrierte Notfallversorgungs- und Einsatzsteuerung) an der Technischen Hochschule Mannheim mit sieben Millionen Euro. Es soll zur Verbesserung der Notfallversorgung führen. Die Notfallversorgung in Deutschland steht vor einem strukturellen Problem: Wer die 112 anruft, bekommt häufig einen Rettungswagen – auch dann, wenn eigentlich ein Arztbesuch am nächsten Tag ausreichen würde. Wer die 116117 des ärztlichen Bereitschaftsdienstes wählt, hat Kontakt mit dem „Hausarzt“, obwohl vielleicht ein pflegerisches Problem vorliegt. Viele Menschen begeben sich daher aus Unsicherheit in die nächste Notaufnahme, die aber eigentlich nur der Zugang zur stationären Krankenhausbehandlung sein sollte. Zwischen den vielen Welten der Notfallversorgung gibt es bislang keine verlässliche Brücke. Die Folge: Es kommt zu Fehlsteuerung. Rettungswagen fahren vermeidbare Einsätze, Notaufnahmen sind überfüllt und Patienten erhalten nicht immer die Versorgung, die ihrer Situation tatsächlich entspricht, erläutert das Institut für Gesundheits- und Life-Sciences-Recht an der TH Mannheim, das das Reformprojekt VERINET leitet. Die Lösung: Eine Leitstelle, die wirklich steuert Im Kern gehe es darum, Hilfesuchende künftig nicht einfach nur an den Rettungsdienst weiterzuleiten, sondern aktiv in die jeweils passende Versorgung zu steuern. Zusätzlich nähmen besonders geschulte medizinische Fachkräfte (Case-Manager) in den Leitstellen bei Bedarf dafür eine qualifizierte Einschätzung vor – unterstützt durch digitale Werkzeuge – und vermittelten die Betroffenen gezielt dorthin, wo ihnen am besten geholfen wird: zum Hausarzt, in eine Videosprechstunde, zum pflegerischen Notdienst, zur Palliativversorgung oder – bei Bedarf – weiterhin in die Notaufnahme. Dabei gelte der Grundsatz: die richtige Versorgung, am richtigen Ort, zum richtigen Zeitpunkt, durch die richtige Fachkraft. Stadt und Land: Zwei Modellregionen, ein Konzept Das Projekt wird laut TH Mannheim an zwei Standorten erprobt, die unterschiedlicher kaum sein könnten: im urbanen Umfeld Mannheims und im ländlichen Raum der Region Ems-Vechte in Niedersachsen. So werde sichergestellt, dass das Konzept nicht nur in Ballungsräumen funktioniert, sondern auch dort, wo Versorgungsstrukturen dünn gesät sind. Als zentrales Element bauen die Integrierte Leitstelle Mannheim gGmbH und die Leitstelle Ems-Vechte AöR jeweils regionale Akutversorgungsnetzwerke auf, in denen alle Leistungserbringer der Notfallversorgung, wie Ärzte, Pflegekräfte, sozialpsychiatrische Dienste, Apotheken oder Krankenhäuser, verbindlich zusammenarbeiten sollen, sodass eine zielgerichtete Patientensteuerung erfolgen kann, heißt es weiter. „Die Notfallversorgung bedarf einer grundlegenden Reform, da sind sich alle Experten einig. Wir sind sehr stolz, uns aber zugleich auch der Verantwortung bewusst, die Reformideen in die Praxis umsetzen zu dürfen“, sagt Prof. Andreas Pitz von der Fakultät für Sozialwesen der TH Mannheim und Projektleiter VERINET. Hintergrund: Neben der Leitung verantwortet das Institut für Gesundheits- und Life-Sciences-Recht der Technischen Hochschule Mannheim auch die gesundheitsrechtliche Begleitung, während die Universität Maastricht mit ihrem Care and Public Health Research Institute die versorgungswissenschaftliche Begleitung übernimmt. Die wissenschaftliche Evaluation wird durch das Wiesbaden Institute for Healthcare Economics and Patient Safety (WiHelP) der Hochschule RheinMain durchgeführt. Vonseiten der Krankenkassen wird das Projekt vom Verband der Ersatzkassen e. V. (vdek) begleitet. Das Vorhaben folgt den Empfehlungen der Regierungskommission für eine moderne und bedarfsgerechte Krankenhausversorgung. Auch der Sachverständigenrat Gesundheit und Pflege schätzt das mit VERINET verfolgte Ziel als Ansatz mit „besonders hohem Potenzial“ ein. Ebenso greift der aktuelle Referentenentwurf von Gesundheitsministerin Nina Warken zur Reform der Notfallversorgung das Grundkonzept von VERINET auf. Das Projekt hat eine Laufzeit von drei Jahren.
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