Verletztenversorgung bei NATO-Bündnisfall-Übung: Verzahnung militärischer und ziviler Strukturen

first aid bandage on burnt wound victim

Die regionalen TraumaNetzwerke (TNW) Berlin und Brandenburg bringen ihre fachliche Expertise aktiv in die Nato-Bündnisfall-Übung „Medic Quadriga 2026“ ein. Sie findet in dieser Woche in Berlin statt, vermeldet die DGOU. Das in Arbeit befindliche „Weißbuch 3K“, das die Voraussetzungen für die chirurgische Versorgung in Krise, Katastrophe und Krieg darstellt, soll im April der Politik übereicht werden.

Bei der Übung testen der Sanitätsdienst der Bundeswehr und zivile Stellen das Zusammenspiel bei der nahtlosen medizinischen Versorgung vom Gefecht bis in die heimatnahe Klinik. In die Übung sind ein Bundeswehrkrankenhaus und zivile Kliniken eingebunden.

„Wir bringen unsere langjährige Erfahrung aus der zivilen Schwerverletztenversorgung gezielt in die Nato-Bündnisfall-Übung ein. Die Rettungskette vom Einsatzgebiet bis in die heimatnahe Klinik unter realitätsnahen Bedingungen zu testen und dabei militärische und zivile Strukturen eng zu verzahnen, ist ein wichtiger Impuls – auch für die Weiterentwicklung der Initiative TraumaNetzwerk DGU“, sagt Prof. Frank Hildebrand, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU).

Circa 1000 Kriegsverletzte pro Tag: „Ohne die aktive Beteiligung der Kliniken der TraumaNetzwerke ist dies nicht zu schaffen“

Die Übung simuliert die komplette Rettungskette in einem Artikel-5-Szenario, dem Nato-Bündnisfall, vom Verwundetentransport im Einsatzgebiet bis zur abschließenden Weiterverteilung in deutsche Kliniken. Bei „Medic Quadriga 2026“ trainieren Sanitätskräfte der Bundeswehr gemeinsam mit internationalen Partnern die medizinische Versorgung unter extremen Bedingungen. Grundlage für die Übung ist die Annahme eines militärischen Konflikts an der Nato-Ostgrenze. Im Zuge der Kampfhandlungen wird davon ausgegangen, dass pro Tag etwa 1000 Verwundete deutschlandweit in einen sicheren Bereich verlegt und dort behandelt werden müssen.

„Gemeinsam mit der zentralen Koordinierungsstelle der Bundeswehr sichten wir als Vertreter der TNW täglich rund 200 simulierte Behandlungsfälle und koordinieren deren Verteilung in die Traumazentren der TNW Berlin und Brandenburg. Durch die Einbindung unserer Traumanetzwerkstruktur werden verfügbare Kapazitäten, fachliche Expertise und individuelle Bedarfe zusammengeführt. Das sichert die medizinisch fundierte und bedarfsgerechte Versorgung“, sagt Prof. Gerrit Matthes, Vorsitzender des Ausschusses TraumaNetzwerk DGU und Chefarzt der Klinik für Unfall- und Wiederherstellungschirurgie am Klinikum Ernst von Bergmann in Potsdam; überregionales Traumazentrum im TNW Berlin. Matthes ist mit seiner Klinik an der Übung beteiligt.

Ergänzend erläutert Oberstarzt Prof. Axel Franke, stellvertretender Leiter der DGU-Sektion Einsatz-, Katastrophen- und Taktische Chirurgie: „Betrachtet man die prognostizierten Zahlen von Kriegsverletzten, die grundsätzlich täglich auch auf Deutschland zukommen könnten, so wird eines schnell klar: Hier müssen alle ran – ohne die aktive Beteiligung der Kliniken der TraumaNetzwerke ist dies nicht zu schaffen. Nur mit etablierter unfallchirurgischer Expertise lässt sich die große Zahl verletzter Patienten zuverlässig sichten und unter fachlichen Gesichtspunkten in die passenden Kliniken weiterleiten.“ Das TraumaNetzwerk DGU stelle dafür das notwendige Know-how bereit: Mit Fachberatung bei der Verteilung und seinen zertifizierten TraumaZentren sorge es für eine belastbare, gut organisierte Versorgungsstruktur. „Die Zentren sind untereinander vernetzt, sodass Patienten gezielt in die Kliniken gebracht werden können, die optimal auf ihre Behandlung vorbereitet sind – selbst bei einem sehr hohen Patientenaufkommen, wie es in Krisensituationen zu erwarten ist“, so Franke.

Erkenntnisse der Übung werden allen Kliniken der TraumaNetzwerke zur Verfügung gestellt

Die Übung gibt den Fachgesellschaften zufolge wichtige Einblicke in die Rettungskette. Dabei zeige sich, dass Deuschland mit der Initiative TraumaNetzwerk DGU über ein bundesweit abgestimmtes und in dieser Form einzigartiges System zur Versorgung Schwerverletzter verfüge. Klare Qualitätsstandards, feste Strukturen und eine koordinierte Verteilung sorgten dafür, dass Patientinnen und Patienten schnell in das jeweils geeignete Traumazentrum gelangen. Von dieser bewährten Organisation profitierten nicht nur Unfallopfer im Alltag, sondern auch Verwundete aus Krisengebieten. Die Erkenntnisse aus der Übung werden laut DGOU ausgewertet und über rund 50 TraumaNetzwerke mit über 700 beteiligten Kliniken direkt in die Versorgungspraxis übertragen.

Krise, Katastrophe und Krieg: In Arbeit befindliches „Weißbuch 3K“ soll im April der Politik übergeben werden

Unfallchirurgen erarbeiten derzeit ein „Weißbuch 3K“, das die Voraussetzungen für die chirurgische Versorgung in Krise, Katastrophe und Krieg (3K) zusammenfasst. „Im Fokus steht dabei das TraumaNetzwerk DGU, dessen zertifizierte Traumazentren eine belastbare und vernetzte Struktur bieten, die gerade in Krisen- und Konfliktsituationen zur bestmöglichen Patientenversorgung genutzt werden kann“, so Prof. Sascha Flohé, DGU-Generalsekretär und stellvertretender DGOU-Generalsekretär. Das „Weißbuch 3K“ soll aufzeigen, wie vorhandene Strukturen und Ressourcen für außergewöhnliche Lagen weiter gestärkt werden können. Die Veröffentlichung und Übergabe an die Politik ist für April 2026 geplant.

Weitere Infos zur Übung Medic Quadriga 2026:
www.bundeswehr.de/de/auftrag/uebungen/quadriga/quadriga-2026/medic-quadriga