Vielfalt der Parkinson-Krankheit: Brauchen wir neue Diagnosekriterien?

Wenn beim Morbus Parkinson erste motorische Symptome auftreten, ist die Neurodegeneration schon weit fortgeschritten. (Foto: ©Orawan- stock.adobe.com)

Zum Zeitpunkt des Auftretens individuell variabler Symptome besteht der Morbus Parkinson meist schon seit Jahren oder Jahrzehnten. Um rechtzeitig entsprechende Therapien beginnen zu können, muss Parkinson früh erkannt und klar diagnostiziert werden. Dies wurde auf dem Deutschen Kongress für Parkinson und Bewegungsstörungen 2022 deutlich.

Im klinischen Alltag haben sich die internationalen Diagnosekriterien der UK Parkinson’s Disease Society Brain Bank (1998) und der International Movement Disorder Society (MDS, 2015) bewährt. Sie beruhen jedoch allein auf dem Vorliegen motorischer Symptome sowie dem positiven Ansprechen auf die Dopamin-Vorstufe L-Dopa. „Dabei weist in den letzten zehn Jahren eine zunehmende Zahl gut belegter Studien darauf hin, dass bereits zum Diagnosezeitpunkt die Anzahl nichtmotorischer Symptome eine erhebliche Rolle spielt“, erklärte Prof. Claudia Trenkwalder, Leiterin des Kompetenznetzwerks Parkinson und Bewegungsstörungen an der Paracelsus-Elena-Klinik in Kassel, anlässlich des Deutschen Kongresses für Parkinson und Bewegungsstörungen 2022. Zudem hätten neue Erkenntnisse zu potenziellen Biomarkern sowie genetischer Prädisposition und die Optimierung bildgebender Verfahren wie Magnetresonanztomographie wesentlich zur Früherkennung und Prognoseabschätzung beigetragen. „Wir müssen daher die Diagnosekriterien erweitern, um sogenannte Biomarker einzubeziehen und die Variabilität unter den Patientinnen und Patienten zu berücksichtigen.“

Parkinson-Diagnose: Nichtmotorische Symptome stärker berücksichtigen

Für die Diagnose der Parkinson-Krankheit sind motorische Symptome wie Akinese, Rigor oder Tremor sowie ein positives Ansprechen auf L-Dopa von zentraler Bedeutung. Zum Diagnosezeitpunkt sollten laut Auffassung der Expertin jedoch auch nichtmotorische Symptome stärker berücksichtigt werden. Das Spektrum ist groß und umfasst beispielsweise Riechstörungen, autonome Störungen wie gastrointestinale Störungen (Obstipation, Magenentleerungs-Störungen), aber auch Störungen der Schweißdrüsen- und Talgsekretion, orthostatische Hypotonie, kognitive Störungen aller Schweregrade bis zur Demenz und psychiatrische Störungen wie Depression und Halluzinationen sowie Schlafstörungen, insbesondere die Traum-Schlaf-Verhaltensstörungen (RBD), aber auch Tagesschläfrigkeit. Kognitive Störungen und psychiatrische Störungen können sich auch wechselseitig beeinflussen. „Beeinträchtigungen der Kognition begünstigen scheinbar depressive Symptome bei PatientInnen mit Parkinson, sodass eine frühe Aufklärung und spezifische Interventionen nötig sind“, empfahl Trenkwalder.

Neue Biomarker zur Früherkennung von Parkinson

Darüber hinaus wurden in den vergangenen zehn Jahren zahlreiche Biomarker bei Parkinson entdeckt, die eine frühe Diagnose der Parkinson-Erkrankung ermöglichen. Als neue Biomarker mit diagnostischer Relevanz werden derzeit zum Beispiel Alpha-Synuclein-Messungen aus der Zerebrospinalflüssigkeit (Liquor) zur Früherkennung bei Parkinson diskutiert. „Neben Liquor-basierten Biomarkern werden derzeit auch andere Kandidaten aus Blutproben, Haut und anderen Geweben erforscht, um die diagnostischen Möglichkeiten zur Früherkennung von Parkinson weiter auszubauen“, schilderte Trenkwalder.

Auch spezielle Untersuchungen mit bildgebenden Verfahren wie Magnetresonanztomographie und nuklearmedizinische Methoden können die Diagnose Parkinson bestätigen, ebenso wie molekulargenetische Ansätze. Die Genetik kann eine Diagnose der Erkrankung nicht nur bestätigen, sondern manchmal auch verschiedene Ausprägungsgrade und Verläufe prognostizieren. So wurden aktuell verschiedene Genloki aufgedeckt, die im Zusammenhang mit einem erhöhten Demenzrisiko und Progression bei Parkinson stehen. „Es wird immer deutlicher, dass die Diagnose einer Parkinson-Erkrankung weit über die Einschränkung des Patienten in seiner Beweglichkeit und das Zittern hinausgeht und viele Bereiche der Lebensqualität individuell beeinträchtigt sind. Diagnosekriterien jedoch sollten in einfacher Weise ein komplexes Krankheitsbild unter Berücksichtigung neuer Biomarker für die praktische Anwendung abbilden“, schlussfolgerte Trenkwalder.