Vielversprechende Phase-III-Ergebnisse geben Patienten mit Myelodysplastischem Syndrom Hoffnung

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Für Menschen mit bestimmten Blutkrebsarten, einschließlich des Myelodysplastischen Syndroms mit geringerem Risiko (LR-MDS), gibt es derzeit nur begrenzte wirksame Behandlungsmöglichkeiten. Dies gilt insbesondere für MDS-Patienten, die auf eine Transfusion von Erythrozyten angewiesen sind (RBC-TD) und auf Erythropoese-stimulierende Substanzen (ESAs) nicht ansprechen oder für diese nicht geeignet sind.

In einer als IMerge bekannten Phase-III-Studie versuchten Forschende, die Rate der RBC-Transfusionsunabhängigkeit (RBC-TI) mit Imetelstat bei Patienten mit RBC-TD LR-MDS mit der RBC-TI-Rate mit Placebo zu vergleichen. Imetelstat wird derzeit von der US-amerikanischen Food and Drug Administration auf die Zulassung zur Behandlung transfusionsabhängiger Anämie bei Patienten mit MDS mit geringerem Risiko geprüft, die keine die ESAs erhalten können. Auch bei der European Medicines Agency wurde die Zulassung beantragt und Imetelstat wird voraussichtlich im Laufe des Jahres 2024 zur Behandlung zur Verfügung stehen.

Das Studienmedikament Imetelstat ist ein Telomerase-Inhibitor. Bei der Zellalterung spielt das Enzym Telomerase eine entscheidende Rolle – es erneuert immer wieder die Schutzkappen an den Enden der Chromosomen, was für gesunde Zellen eine wichtige Funktion darstellt. Krebszellen allerdings teilen sich viel häufiger als gesunde und die Telomerase führt dazu, dass die bösartigen Zellen verlangsamt absterben. Telomerase-Inhibitoren blockieren die Telomerase aktiv und haben somit das Potential, die Vermehrung der kranken Zellen einzuschränken und verstärkt zu eliminieren. Bei MDS ist Imetelstat der erste Wirkstoff in dieser Medikamentenklasse.

„Imetelstat bietet einen neuartigen Wirkmechanismus bei der Therapie von Patientinnen und Patienten die in die Niedrigrisiko-Kategorie der MDS fallen und nicht auf die Standardbehandlung mit dem Medikament Epoetin alfa reagieren“, erläuterte Studienleiter und Erstautor Prof. Uwe Platzbecker, Direktor der Klinik für Hämatologie, Zelltherapie, Hämostaseologie und Infektiologie am Universitätsklinikum Leipzig und Professor für Hämatologie an der Universität Leipzig.

Prof. Uwe Platzbecker. Foto: ©Stefan Straube/Universitätsklinikum Leipzig

„Eine tiefe Anämie, die bei Patienten mit MDS mit geringerem Risiko regelmäßige Transfusionen erfordert, ist ein Hauptgrund für die erhöhte Morbidität und Mortalität dieser Patienten sowie für eine beeinträchtigte Lebensqualität und eine erhöhte Inanspruchnahme und Kosten der Gesundheitsversorgung“, erklärte Seniorautor Amer Zeidan, MBBS, außerordentlicher Professor für Medizin (Hämatologie) an der Yale School of Medicine und Direktor der Hematology Early Therapeutics Research am Yale Cancer Center.

Die IMerge-Studie wurde an insgesamt 118 Standorten, darunter Universitätskliniken, Krebszentren und Ambulanzen, in 17 Ländern durchgeführt und von der Pharmafirma Geron gesponsert. Um an der Studie teilnehmen zu können, mussten die Patienten transfusionsabhängig sein, d. h. sie mussten über einen Zeitraum von acht Wochen in den 16 Wochen vor Beginn der Studie mindestens vier Einheiten abgepackter roter Blutkörperchen (RBCs) benötigen. 40 Prozent der mit Imetelstat behandelten Patienten sprachen auf die neue Therapie an, verglichen mit 15 Prozent der Personen, die ein Placebo erhielten.

Die am 1. Dezember in der Zeitschrift „The Lancet“ veröffentlichten Datenergebnisse der Phase-III-Studie zeigten, dass die Transfusionsunabhängigkeit (TI) für mindestens acht aufeinanderfolgende Wochen bei Patienten, die Imetelstat einnahmen, signifikant höher war, wobei die mediane TI-Dauer fast ein Jahr betrug. Auch der Hämoglobinspiegel bei mit Imetelstat behandelten Patienten stieg im Laufe der Zeit im Vergleich zu den Patienten in der Studie, die Placebos erhielten, deutlich an.

„In der bahnbrechenden randomisierten Phase-III-Studie IMerge haben wir gezeigt, dass Imetelstat, als Telomerase-Inhibitor der erste seiner Klasse, zu einer dauerhaften Unabhängigkeit von der Transfusion roter Blutkörperchen und einer signifikanten Verbesserung der Anämie bei stark transfundierten MDS-Patienten mit geringerem Risiko führt, über das gesamte Mutationsspektrum hinweg“, fügte Zeidan hinzu.

Ungefähr 68 Prozent der Patienten, die Imetelstat erhielten, litten unter Neutropenie und 62 Prozent der Patienten hatten eine niedrige Anzahl von Thrombozyten im Blut. Es wurden keine behandlungsbedingten Todesfälle gemeldet.

„Neben den bereits etablierten Therapien wird nach der Zulassung von Imetelstat eine weitere Option zur Verfügung stehen, um Anämie, die eines der vorherrschenden Krankheitszeichen der MDS darstellt, zu behandeln und damit Bluttransfusionen, die für die Patientinnen und Patienten sehr belastend sind, zu vermeiden oder hinauszuzögern“, unterstrich Platzbecker, der sich seit mehr als 20 Jahren mit klinischer Forschung zu Myelodysplastischen Neoplasien beschäftigt.

„Die wichtigsten unerwünschten Ereignisse, nämlich Neutropenie und Thrombozytopenie, waren zwar häufig, aber im Allgemeinen reversibel und erträglich“, sagte Zeidan, der auch Interimsleiter der Abteilung für hämatologische Malignome am Yale Cancer Center ist. „Ich hoffe, dass die Ergebnisse der IMerge-Studie zur Zulassung von Imetelstat durch die Aufsichtsbehörden führen werden und dass das Medikament im Jahr 2024 als wichtige Therapieoption für unsere Patienten verfügbar sein wird.“