Von Landärzten und Milchkannen: BFAV kritisiert AOK-Initiative “Stadt. Land. Gesund.”

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Die  AOK hat unter dem Slogan „Stadt. Land. Gesund.“ eine Initiative für eine bessere ländliche Versorgung gestartet.* Eine von der AOK in Auftrag gegebene forsa-Umfrage** mit rund 2000 Befragten zeigt nach Angaben der Kasse, dass den Deutschen unter allen Infrastruktureinrichtungen die Gesundheitsversorgung am wichtigsten sei. Der Bayerische Facharztverband (BFAV) nimmt die Vorstellung der AOK-Initiative und Umfragedaten zum Anlass, die Kampagne zu kritisieren, da sie unter anderem die Substitution von Fachärzten vorsehe.

Der AOK-Bundesverband wolle künftig unter dem Slogan „Stadt. Land. Gesund.“ die ärztliche Versorgung auf dem Land stärken, aber gleichzeitig teils durch nicht ärztliche Assistenten substituieren. Für die niedergelassenen Fachärzte habe die Krankenkasse in diesem System offenbar keine Verwendung mehr, meint der BFAV in einer Stellungnahme zum Kampagnenstart der Kasse. Zugleich wirft der Verband AOK-Chef Martin Litsch vor, dieser habe bei der Pressekonferenz “einen schrägen Vergleich zum Breitbandausbau” gezogen: Man brauche nicht an jeder Milchkanne einen Augenarzt – so jedenfalls heißt es in der BFAV-Mitteilung. 

Im Zentrum der BFAV-Kritik steht die Interpretation der Umfrageergebnisse, wonach die Bevölkerung die hausärztliche Versorgung grundsätzlich für wichtiger halte als den „Facharzt an der Milchkanne“.
Die geringere Zufriedenheit mit der fachärztlichen Betreuung (nur 55% der Befragten war mit den Fachärzten zufrieden**) sei nach Ansicht der BFAV-Vorsitzenden Ilka Enger „mit hoher Wahrscheinlichkeit dem Umstand geschuldet, dass man eben keine schnellen Termine bekommt und die Fachärzte dann – wegen des hohen Durchsatzes – nicht mal genügend Zeit haben, sich mit dem Patienten intensiver zu befassen.“ Sei kein Facharzt vor Ort verfügbar, wie im ländlichen Bereich, dann sei auch die Zufriedenheit mit der fachärztlichen Betreuung niedriger.

„Man scheint also die fachärztliche Betreuung schmerzlich zu vermissen,“ erklärt BFAV-Vorstand Wolfgang Bärtl das Ergebnis. Ein ähnliches Ergebnis zeige die Statistik zur Verschlechterung der ärztlichen Versorgung. Nicht bei den Hausärzten, sondern vor allem bei den Fachärzten werde die Verschlechterung deutlich und gravierender wahrgenommen – und zwar sowohl im städtischen als auch im ländlichen Bereich. Die Hausärzte und Assistenzberufe könnten diesen Verlust nicht kompensieren, erklärt der Facharztverband.

„Auch wenn man mit dieser Marketingbefragung vermutlich etwas ganz anderes erreichen wollte, so wird doch klar, dass die Fachärzte anscheinend mehr vermisst werden als die Hausärzte“, zieht Enger das Fazit für den BFAV, und Bärtl zeigt sich verwundert über „die ideologische Verblendung“ der AOK-Verantwortlichen. „Für den fachärztlichen Bereich werden die Pläne der AOK eher „Stadt, Land, Schluss“ bedeuten – und die betroffenen Patienten werden die Fachärzte vermissen und die Schuld dann hoffentlich bei den Verantwortlichen der Krankenkassen suchen.“

*Link zur AOK-Initiative: https://aok-bv.de/engagement/stadt_land_gesund/

**Link zu den Umfrageergebnissen: https://aok-bv.de/imperia/md/aokbv/engagement/stadt_land_gesund/04_aok_pk_laendliche_versorgung_04_forsa_umfrageergebnisse_pdf.pdf

Quellen:  BFAV, AOK Bundesverband