Von Sehnen und Senkungsbeschwerden

Heike M. und Prof. Dr. med. Amadeus Hornemann, MPH vor dem DGD-Krankenhaus Sachsenhausen. Foto: © DGD-Krankenhaus Sachsenhausen/Bostelmann

Hinter vielen Frauen mit Senkungsbeschwerden des Beckenbodens liegt ein langer Leidensweg. Eine neue Methode soll jetzt helfen.

Heike M. gehört zu der Hälfte der Frauen, die im Laufe ihres Lebens an Senkungsbeschwerden des Beckenbodens leiden. Sie wollte sich über ein neues OP-Verfahren informieren, das ihre Gebärmuttersenkung mit körpereigenem Gewebe behandeln könnte. Prof. Dr. med. Amadeus Hornemann, seit Juni 2020 Chefarzt der Klinik für Operative Gynäkologie (Krankenhaus Sachsenhausen) und Entwickler des Verfahrens, beriet Frau M. und klärte sie über den Eingriff auf.

Schon länger plagten Heike M. Senkungsbeschwerden. Mit ihrer zierlichen Statur hat sie zwei stattliche Kinder auf natürlichem Wege geboren, mit einem Geburtsgewicht von rund 4600 und 3900 Gramm. Beckenbodentraining stand fest auf ihren Sportplan – das half und ermöglichte ihr, ein aktives Leben zu führen. Zumindest bis zum Tag des Umzugs. Zunächst verspürte sie nur ein ungewohntes Ziehen im Unterleib, doch schon bald kamen Schmerzen dazu. Diese Schmerzen wurden immer stärker. Sie suchte ihre Frauenärztin auf und ließ sich beraten. Der Befund lautete: Deszensus uteri, eine Gebärmuttersenkung, im fortgeschrittenen Stadium 2.

„Weiter so leben war für mich ein No-Go!“

Ihre Frauenärztin empfahl ihr zunächst einen sogenannten „Pessar“ zur Behandlung der Beschwerden. Aber für Heike M. war schnell klar, das dies kein Dauerzustand sein sollte. Zu belastend war der Zustand, für Körper, Seele und Partnerschaft. „Weiter so leben war für mich ein No-Go! Das Problem musste aus der Welt, ich wollte wieder aktiv leben und reinen Tisch machen. Diese Senkungsbeschwerden beeinflussen einfach das ganze Leben.“ Gesagt, getan und sie machte einen Termin im DGD-Krankenhaus Sachsenhausen.

„Auf Dauer werden die Netze verschwinden“

„Früher galt es als optimal, eine Gebärmuttersenkung mit einem Kunststoffnetz zu beheben. Das kann im Rahmen eines minimal-invasiven Eingriffs gemacht werden“, erklärt ihr Hornemann. In der Tat werden in Deutschland jährlich mehr als 20.000 Operationen in der Deszensuschirurgie durchgeführt, bisher überwiegend mit Kunststoffnetzen – und in aller Regel sind die Operationen auch erfolgreich. „Allerdings liegt es auf der Hand: Ein solches Netz bleibt immer ein Fremdkörper.“ „Auch wenn es selten ist: Mitunter führt ein solches Kunststoffnetz zu Unverträglichkeiten – in einigen Fällen mit schwerwiegenden Komplikationen, von Schmerzen über Blutungen und Infektionen bis zum Einwachsen in benachbarte Organe. In solchen Fällen muss das Netz operativ entfernt werden“, warnt der Experte.

Und: Da sich der Körper mit dem Netz vereint und Gewebe durch das Netz durchwächst, lässt es sich schon kurze Zeit später nicht wieder vollständig entfernen. Daher wurden die Netze in einigen Ländern bereits verboten. So hat in den USA die zuständige Zulassungsbehörde den Vertrieb von Kunststoffnetzen zur transvaginalen Behandlung von Organsenkungsbeschwerden im Jahr 2019 untersagt. Einige Hersteller von Kunststoffnetzen haben es inzwischen mit hohen Schadensersatzforderungen zu tun. Mehr als 100.000 Frauen haben Klage eingereicht, da sie unter anderem mit chronischen Schmerzen, Infektionen oder Blutungen zu kämpfen haben. „Auf Dauer werden diese Netze daher ganz sicher verschwinden“, ist Hornemann überzeugt.

Kniekehle statt Kunststoff

Vor diesem Hintergrund entwickelte Hornemann sein neues Verfahren: „Aus gynäkologischer Sicht ist es ein klarer Vorteil, bei der Fixierung der Gebärmutter statt eines Kunststoffnetzes eine Sehne zu verwenden. Mein neuer Ansatz kombiniert lediglich zwei etablierte Methoden: Die Sehnenentnahme aus der Kniekehle und Verfahren, um den Beckenboden anzuheben.“

Doch wie läuft die OP genau ab. „Zunächst werden alle relevanten Bereiche desinfiziert und steril abgedeckt. Dann nehme ich eine Bauchspiegelung vor, also einen Eingriff durch das sogenannte Schlüsselloch, in der die Implantation der Sehne in den Bauchraum vorbereitet wird. In diesem Zuge stelle ich sicher, dass die Technik tatsächlich angewendet werden kann. Erst wenn ich sicher weiß, dass es funktionieren wird, beginne ich mit der Entnahme der Sehne.“

Nun wird in der gewählten Kniekehle ein horizontaler Hautschnitt über der meist tastbaren Sehne gesetzt, der rund drei Zentimeter groß ist. „Die Entnahme der Sehne dauert keine zehn Minuten. Die Haut wird dann mit ein oder zwei Einzelknopfnähten verschlossen. Jetzt wird die Sehne in den Bauchraum eingebracht. Dort befestige ich die Sehne an den zu fixierenden Strukturen, im Prinzip genauso, wie ich es früher mit einem Kunststoffnetz gemacht habe. Transplantation und Fixierung beanspruchen etwa 40 Minuten. In aller Regel sind weitere Schritte notwendig, daher plane ich immer mit einer Gesamtzeit von etwa zwei Stunden.“

„Die Genesung geht schnell vonstatten, die Entlassung ist meistens am zweiten oder dritten Tag nach der Operation möglich“, erklärt Hornemann. „Mit Sport, zum Beispiel Joggen, können Sie dann nach etwa sechs Wochen wieder starten. „Übrigens entferne ich meistens nur die halbe Breite der Sehne. Daher gibt es kaum funktionelle Einschränkungen durch die Entnahme. Binnen zwei Jahren regeneriert sich die Sehne dann vollständig.“ Bislang waren laut DGD-Krankenhaus alle Patientinnen sehr zufrieden und gaben an, dass sie das Verfahren anderen betroffenen Frauen uneingeschränkt empfehlen würden.