VSOU 2018: Osteoporose – die unverändert zu wenig beachtete Risikokonstellation1. Mai 2018 Stürze bei Osteoporose können fatale Folgen haben – bis hin zur Pflegebedürftigkeit. (Foto: Picture-Factory, Fotolia.com) Trotz Fortschritten in der flächendeckenden Versorgung, der Entwicklung neuer Medikamente und der zunehmenden Beachtung der Schnittstellenprobleme zwischen den Versorgungssegmenten nimmt die Inzidenz von osteoporosebedingten Fragilitätsfrakturen weiter zu. Prof. Franz Jakob forderte auf dem VSOU in Baden-Baden dazu auf, gegen restriktive Maßnahmen in der konservativen Versorgung genauso intensiv vorzugehen wie die Bedingungen für die Alterstraumatologie verbessert werden müssten. Zudem forderte er den Einsatz von Lotsenfunktionen nach der Entlassung aus der stationären Versorgung, um die Aufmerksamkeit für das Krankheitsbild und die Effizienz der Therapie zu verbessern. „Es braucht bei der Osteoporose nur ein Alltags- und kein größeres Trauma, bis es zu gefährlichen Brüchen kommt“, erklärte der Leiter Schwerpunkt Osteologie/Osteoporose an der Orthopädischen Klinik König-Ludwig-Haus, Würzburg. Zu Beginn der Osteoporose würden meist nur kleinere Frakturen auftreten, aber nach zehn Jahren müsse man auch mit komplizierteren Frakturen rechnen. Hier stellt nach Jakob zum Beispiel die hüftnahe Fraktur ein besonderes Risiko mit einer deutlich erhöhten Mortalität dar. „Ein Drittel der Patienten versterben nach der osteoporosebedingten OP im ersten Jahr, ein weiteres Drittel der Personen droht nach der stationären Versorgung der Verlust der Selbstständigkeit. Sie könnten oft nicht mehr nachhause und sind pflegebedürftig. Und nur das weitee Drittel der Patienten erlangt das Niveau der vorherigen Mobilität zurück“, fasste der Experte die derzeitige Situation zusammen. Dabei senke eine leitliniengerechte Therapie nach der hüftnahen Fraktur die Mortalität um bis zu 30 Prozent, so Jakob weiter. Er verwies auf die kürzlich vom Dachverband Osteologie DVO ratifizierte und veröffentlicht Leitlinie 2017. Die fachgerechte medikamentöse Versorgung in Kombination mit multimodalen Konzepten besonders im höheren Alter führt zu einer Reduktion der Frakturinzidenz zwischen 50 und 80 Prozent. Das Management der medikamentösen Therapie sei jedoch vielschichtig; es seien individuelle Strategien oft über Jahrzehnte erforderlich und Medikamente müssten sequentiell eingesetzt werden, da eine lebenslange Behandlung mit einem einzelnen medikamentösen Prinzip nicht möglich ist. Jakob betonte, dass zwar inzwischen eine flächendeckende Versorgung von Osteoporosepatienten existiere, aber trotz intensiver Aufklärung und ärztlicher Fort- und Weiterbildung weiterhin die Inzidenz von Frakturen steigt. Ein Grund für die geringen Therapieerfolge sieht Jakob bei den Betroffenen selbst, die Ängste vor medikamentösen Nebenwirkungen haben. „Die Adhärenz zu den verordneten Medikamenten beträgt nach einem Jahr vielfach nur noch zwischen 20 und 50 Prozent“, berichtete der Experte. Doch auch die Versorger tragen seiner Meinung nach zum geringen Behandlungserfolg bei. „Beim Wunsch Polypharmazie zu reduzieren, kommt es zur unangemessenen Triage.“ Dabei spiele auch die Angst vor Regressen eine Rolle. „Die medikamentöse Therapie zum Knochenaufbau ist aber sehr wichtig und die damit verbundenen Kosten sind auch vertretbar, auch weil dadurch die hohen Kosten vermieden werden, die erst durch osteoporotische Katastrophen entstehen“, so Jakob weiter. Laut des Experten eröffnet die Zukunft in der Versorgung der Osteoporose wie in vielen anderen Segmenten die Möglichkeit einer zunehmenden Individualisierung und damit einer Präzisierung der medizinischen Versorgung des Einzelnen. Die individuelle genetische und epigenetische Signatur wird in die Diagnostik und das Risiko-Assessment einfließen und wir werden in zunehmendem Maße den Knochen nicht isoliert betrachten, sondern Probleme der Muskulatur wie die Sarkopenie mit einbeziehen. „Bereits jetzt sind wir in der Osteologie in der Lage, mit anabolen Strategien Geweberegeneration zu fördern. Diese Möglichkeiten werden im Zuge der Entwicklung neuer Medikamente zunehmen“, ist sich Jakob sicher. Zudem betonte er, dass das Problem der Multimorbidität älterer PatientInnen immer wichtiger wird, z.B. durch Störungen der Kognition, die zu gefährlichen Stürzen führen. Die Versorgung von Osteoporose werde insgesamt komplexer. Dabei müsse ein Ziel die Erhaltung selbstständiger Lebensführung sein und somit schließlich den auf lange Sicht höheren Pflegekosten entgegenzuwirken. „Wir hoffen, dass bald ein Disease-Management-Programm für die Osteoporse kommt, wissen aber noch nicht genau wann und wie es aussehen wird“, schloss Jakob. (hr)
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