Warum eine gute Ernährung unverzichtbar ist15. Mai 2022 Petra Kölle Foto: © Kölle Interview mit Privatdozentin Dr. Petra Kölle von der LMU München Privatdozentin Dr. med. vet. habil. Petra Kölle ist Fachtierärztin für Reptilien und Fische und führt die Zusatzbezeichnungen Zierfische sowie Ernährungsberatung (Kleintiere). Seit 2010 ist sie an der Medizinischen Kleintierklinik der LMU München tätig und leitet dort als Oberärztin den Bereich Ernährungsberatung. Das Studium der Veterinärmedizin absolvierte sie von 1985-1991 ebenfalls an der LMU München, wo sie 1992 promovierte. Die Habilitation mit Zuerkennung der Lehrbefähigung für Fisch- und Reptilienkrankheiten und Zoologie erfolgte ebenso wie die Ernennung zur Privatdozentin 2001. Sie hat zahlreiche Publikationen und Bücher veröffentlicht und ist weltweit als Referentin bei Fortbildungen und Kongressen gefragt. Das Interview führte Tierärztin Sigrun Grombacher. Es ist in Kompakt 02/2021 erschienen. Frau Dr. Kölle, Hundewelpen – und häufiger noch junge Katzen – erhalten oft kein adäquates Jungtierfutter oder werden vorzeitig auf Futter für adulte Tiere umgestellt. Welche gesundheitlichen Probleme können daraus resultieren? Bei Hundewelpen raten Züchter häufig zur Umstellung auf Futter für erwachsene Hunde, wenn der Welpe zu schnell wächst. Das führt in der Regel zu einer Unterversorgung mit Protein, Mengenelementen – insbesondere Kalzium – und Spurenelementen. Je nach Grad und Art der Unterversogung kann es beispielweise zu Skelett- und Gelenkproblemen kommen. Kleine Katzen werden oft mit Hühnchenfleisch oder Thunfisch verwöhnt – auch in Form von Dosen, die ausschließlich Muskelfleisch ohne Zusätze, die richtigerweise auch als Ergänzungsfuttermittel deklariert sind – und neigen dann dazu, dieses bevorzugt oder nur noch ausschließlich zu akzeptieren. Dies kann zu Skelettproblemen führen, wie unzureichender Mineralisierung der Knochen. Welche speziellen Bedürfnisse muss ein gutes Welpen- bzw. Jungtierfutter erfüllen? Der Bedarf an den verschiedenen Nährstoffen wie Vitaminen, Mengen- und Spurenelementen muss gedeckt sein. Bei einem wachsenden Tier liegt dieser Bedarf sehr viel höher als bei einem erwachsenen Tier im Erhaltungsbedarf. Insofern ist Futter für erwachsene Tiere – und dies betrifft auch Diäten, wie z. B. bei Futtermittelallergie – für Hunde unter 12 Monaten und Katzenwelpen unter 7–8 Monaten in den meisten Fällen ungeeignet. Zum Beispiel liegt der Kalziumbedarf eines 30 kg-Hundes bei 1670 mg pro Tag, eines 12 Wochen alten Welpen, der ein Endgewicht von 30 kg erreichen wird und in diesem Alter auf der Wachstumskurve liegt und nur 10,5 kg wiegt, bei mindestens 5215 mg Kalzium pro Tag. Fazit: Welpen und Jungtiere nicht vorzeitig auf Adult-Futter umstellen. Welpe und adulter Hund haben nicht die gleichen Anforderungen an ein gesundes Futter.Foto: © JacLou – pixabay.com Warum ist es so fatal, wenn ein junger Hund/eine junge Katze bereits „zu viel“ auf die Waage bringt? Bei einem jungen Hund erfolgt bei zu hoher Energiezufuhr ein zu schnelles Wachstum – in der Regel werden Welpen nicht dick. Zu schnelles Wachstum ist eine der Hauptursachen für Skelettprobleme beim Welpen. Bei jungen Katzen hingegen kann es auch zu Fettablagerungen kommen. Außerdem wird damit der Grundstein zu Übergewicht bis hin zur Fettleibigkeit bereits im jungen Erwachsenenalter gelegt. Einmal dick geworden, wird die Ernährung leicht zum Spießrutenlauf. Was raten Sie Tierärzten, die Besitzer motivieren möchten, den geliebten pummeligen Vierbeiner abspecken zu lassen? Eines der Hauptargumente, einen Besitzer zur Gewichtsreduktion bei seinem Vierbeiner zu motivieren, sind die längere Lebenserwartung und die verbesserte Lebensqualität. Adipositas verkürzt bei Hund und Katze die Lebenserwartung – nach einer neueren Studie von Salt et al. (2019) sogar bis zu 2,5 Jahre bei kleineren Hunden. Außerdem vermindert Übergewicht die Lebensqualität der Tiere. Als Folge sind häufig Diabetes und andere endokrinologische Erkrankungen, Osteoarthritiden, Harnsteine u.a. zu sehen. Auch hilft es oft, einem Besitzer mit einem kranken Tier klar zu machen, dass das Tier gesundheitlich von einer Gewichtsabnahme profititert, wie z.B eine diabetische Katze, die nach erfolgter Gewichtsreduktion nicht mehr insulinpflichtig ist oder der Hund mit Osteoarthrosen, der wieder lauffreudiger und lebhafter wird. Laut einer Studie (Pearl R L et al., Who’s a good boy? Effects of dog and owner body weight on veterinarian perceptions and treatment recommendations, Int J Obes (Lond) 2020 Dec;44(12):2455-2464., DOI: 10.1038/s41366-020-0622-7) sind auch Tierärzte nicht ganz frei von Vorurteilen. Was können wir tun, um die Kommunikation zu verbessern? Tatsächlich korreliert häufig der Body Condition Score des Tieres mit dem BMI des Besitzers, das ist auch wissenschaftlich bestätigt. Allerdings sehen wir bei uns in der „Spezialsprechstunde Idealgewicht“ durchaus auch Fälle, wo schlanke bis sehr schlanke Besitzer ein übergewichtiges Tier präsentieren. Wichtig ist es, den Besitzern keinen Vorwurf zu machen – die meisten wissen selbst, dass sie mehr oder weniger „schuld“ am Übergewicht ihres Tieres sind – sondern anhand einer eingehenden Anamnese und einer computergestützten Rationsüberprüfung die Quellen der überschüssigen Kalorien zu identifizieren und ihnen zu helfen, in Zukunft ihr Tier adäquat zu füttern. Das Übergewicht eines Tieres sollte ganz sachlich z.B. anhand eines BCS Posters thematisiert werden („Ihr Tier weist einen BCS von 8 auf, ideal wäre ein BCS von 5“). Auch die Verwendung eines haptischen Modells, ersatzweise ein idealgewichtiger Hund, an dem die Besitzer das Tastgefühl dann an ihrem Hund vergleichen können, erzeugt oft ein „Aha“- Erlebnis. Außerdem sollte man die positiven Wirkungen eines reduzierten Körpergewichtes bei dem jeweiligen Patienten eingehend besprechen. Bewegung allein erzielt einen nur geringen/keinen Effekt, wenn es um Gewichtsreduzierung geht, wie eine Studie bewiesen hat. (Chapman M et al., An open-label randomised clinical trial to compare the efficacy of dietary caloric restriction and physical activity for weight loss in overweight pet dogs, Vet J 2019 Jan;243:65-73, DOI: 10.1016/j.tvjl.2018.11.013 ) Auf was kommt es vor allem an beim Abnehmen? Die wichtigste Maßnahme besteht in der Reduktion der Energiezufuhr auf 60% der benötigten Energie bei Idealgewicht. Damit sollte eine Gewichtsabnahme von ca. 1% des Körpergewichtes pro Woche erzielt werden. Wichtig ist, dass das Volumen des Futters groß genug ist und auf keinen Fall geringer als das der bisher verfütterten Ration. Dies kann mit kommerziellen Reduktionsdiäten, deren Rohfaseranteil hoch ist oder bei selbst zusammengestellten Rationen durch Zugabe von Zellulose, Gemüse und Obst gut erreicht werden. Flankierende Maßnahmen, wie Verabreichung des Futters mittels Futterball, Verwendung von Futterautomaten und natürlich auch Animation zu mehr Bewegung unterstützen das Abnehmprogramm. Klassische Folgeerkrankungen einer jahrelangen Adipositas stellen Krankheiten der unteren Harnwege, Arthrose und Diabetes mellitus dar. Wie lauten Ihre Empfehlungen bei Diabetes mellitus? Gerade bei Katzen sollte unbedingt auch eine Gewichtsreduktion durch eine geringere Energiezufuhr angestrebt werden. Generell sollte eine Diabetes-Diät protein- und faserreich sein und moderat im Kohlenhydrat- und Fettanteil. Ein noch immer großes Thema ist das BARFEN. Welche Risiken sind mit dieser Ernährungsform verbunden? Hier besteht das ziemlich hohe Risiko von Nährstoffimbalanzen, wenn kommerzielle BARFprodukte oder selber zusammengestellte Rationen verfüttert werden und die Ration nicht von einem entsprechend spezialisierten Tierarzt erstellt wurde. Hiervon sind besonders Kalzium, das Ca:P- Verhältnis, die Spurenelemente Jod, Kupfer, Zink und Mangan, sowie Vitamin A und D zu nennen. Einige Hunde zeigen auch Probleme bei der Verfütterung von Knochen in Form von Knochenkot, Obstipation oder Traumata durch eingespießte Knochenteile. Außerdem besteht die Gefahr von Infektionen wie z.B. Salmonellen oder Listerien über das rohe Fleisch auf den Vierbeiner und/oder den Menschen. Gerade in den gewolften Paketen, wie sie die meisten Besitzer bevorzugen, kann nicht nachvollzogen werden, welche Fleischsorten enthalten sind. Dillitzer wies z.B. in 10% der untersuchten kommerziellen BARF-Rationen mittels PCR Schweinefleisch nach, was ja das Risiko einer Aujeszky-Infektion beeinhaltet. Bei welchen Patienten würden Sie das BARFEN empfehlen und unter welchen Bedingungen? Eigentlich bei keinem Patienten. Die ganzen Vorteile des Barfens können auch mit einer gekochten Ration erzielt werden, ohne dass eine Infektionsgefahr besteht – und häufig sind unsere Patienten ja auch immunsupprimiert, sei es durch hohes Alter oder durch die Gabe von Glukokortikoiden. Wir erstellen sehr viele BARF-Rationen, jedoch auf ausdrücklichen Wunsch des Besitzers und immer mit dem Hinweis, dass das Risiko besteht, dass über rohes Fleisch Infektionen auf Mensch und Tier übertragen werden können. Weitere Ernährungstrends bei Hund und Katze sind: CORF (convenient raw food), Prey (engl. Beute, das Verfüttern ganzer Beutetiere), vegetarisch, vegan, getreidefrei … Wie geeignet bzw. wie riskant schätzen Sie diese Ansätze in der Fütterung ein? Prinzipiell sind ganze Beutetiere, wie z. B. Mäuse für Katzen bedarfsdeckend. Bei sämtlichen selbst zusammengestellten Rationen – egal ob roh oder gekocht – sind meistens massive Nährstoffimbalanzen festzustellen, die sich nicht selten in klinischen Symptomen manifestieren. Eine vegane Fütterung ist für Katzen nicht möglich, da diese einige Besonderheiten im Gegensatz zum Hund aufweisen, wie z.B. dass sie aus Carotinoiden kein Vitamin A im Körper synthetisieren können, so dass sie darauf angewiesen sind, das Vitamin aus der Leber ihrer Beutetiere aufzunehmen. Ebenso benötigen sie Taurin und Arachidonsäure, was in Pflanzen nicht vorkommt. Eine vegetarische Ernährung, also inklusive Ei und Milchprodukten, scheint bei Katzen und Hunden im Erhaltungsbedarf – also nicht während Wachstum, Gravidität oder Laktation – mit entsprechender Supplementierung der fehlenden Nährstoffe möglich zu sein. Leider gibt es zu dieser Thematik bei Hund und Katze noch kaum wissenschaftliche Studien, um eine abschließende Beurteilung vornehmen zu können. Studien (Kaplan JL et al., Taurine deficiency and dilated cardiomyopathy in golden retrievers fed commercial diets. PLOS ONE 13(12): e0210233., DOI: 10.1371/journal. pone.0209112; Darcy A et al., Echocardiographic phenotype of canine dilated cardiomyopathy differs based on diet type, J Vet Cardiol 2019 Feb;21:1–9., DOI: 10.1016/j. jvc.2018.11.002 und weitere) legen nahe, dass eine getreidefreie Ernährung negative Auswirkungen auf die Herzgesundheit haben kann. Welche Rolle spielt Taurin in diesem Kontext? Wie lauten Ihre Empfehlungen hinsichtlich getreidefreier Fütterung? Leider weiß man nicht genau, warum eine getreidefreie Fütterung, egal ob mit kommerziellen Produkten oder bei selbst zusammengestellten Rationen mit Herzerkrankungen assoziiert ist – da gibt es verschiedene Theorien. Taurinmangel konnten wir in einzelnen Fällen bei gebarften Hunden, die in der Regel ohne Getreide ernährt werden – im Rahmen einer noch nicht publizierten Studie feststellen. (Anmerk.: Mittlerweile ist die Studie publiziert worden: Hajek V et al., Computer-aided ration calculation (Diet Check Munich©) versus blood profile in raw fed privately owned dogs J Anim Physiol Anim Nutr (Berl) 2022 Mar;106(2):345-354., https://doi.org/10.1111/jpn.13601) Aber häufig sind bei diesen getreidefreien Rationen auch Imbalanzen bei der Nährstoffversorgung festzustellen, wodurch nicht auszuschließen ist, dass diese an der Entstehung von Herzerkrankungen beteiligt sein können. Frau Dr. Kölle, herzlichen Dank für das Gespräch.
Mehr erfahren zu: "Der letzte Stachelbilch Europas" Der letzte Stachelbilch Europas Ein Team des Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment an der Universität Tübingen und der Ludwig-Maximilians-Universität München findet einen 11,6 Millionen Jahre alten Nachweis des Nagetiers in der Fundstelle […]
Mehr erfahren zu: "Welche Lehren Experten aus der Vogelgrippe-Welle ziehen" Welche Lehren Experten aus der Vogelgrippe-Welle ziehen Mehr als 500.000 Tiere sind allein in Sachsen der Vogelgrippe zum Opfer gefallen. Warum Experten mit weiteren Ausbrüchen rechnen und warum auch flächendeckende Impfungen das Töten nicht verhindern.
Mehr erfahren zu: "Braunvieh-Dame Veronika kratzt sich am Allerwertesten und sorgt für Kuh-Hype" Braunvieh-Dame Veronika kratzt sich am Allerwertesten und sorgt für Kuh-Hype Mit der Zunge greift die österreichische Kuh Veronika zum Schrubber und kratzt sich ausgiebig. Sie setzt dabei erstaunlich filigrane Techniken ein. Von wegen „dumme Kuh“: Warum Veronika’s Intelligenz Zweifel an […]