Was bedeutet die COVID-19-Pandemie für Menschen mit transplantiertem Organ?8. Oktober 2021 Für Menschen, die ein Organ transplantiert bekommen haben, werden inzwischen drei Dosen COVID19-Vakzine empfohlen. Foto: ©DP – stock.adobe.com Die Impfung gegen COVID-19 gibt Hoffnung, aber keine absolute Sicherheit für Menschen nach Organtransplantation. Eine dritte Dosis kann helfen, auch eine vierte wurde bei der Pressekonferenz zur 30. Jahrestagung der Deutschen Transplantationsgesellschaft (DTG) in Stuttgart diskutiert. Menschen mit einem transplantierten Organ haben ein hohes Risiko, schwer an COVID-19 zu erkranken und zu versterben. Die Impfung gab den Betroffenen Hoffnung auf ein „normales“ Leben. Doch wie sich zeigte, ist die Rate an sogenannten Impfversagern bei Nierentransplantierten hoch, selbst die Drittimpfung führt nur bei zwei Dritteln zu einem ausreichenden Schutz. Die Transplantationsmedizin steht vor der Herausforderung, Impfschemata zu entwickeln, mit denen ihre Patienten besser geschützt sind. Eine weitere, drohende Herausforderung: In Folge der Pandemie könnte der Bedarf an Spenderorganen noch weiter steigen. Höheres Infektionsrisiko Europäische Registerdaten aus dem Jahr 2020 zeigen, dass eine SARS-CoV-2-Infektion für transplantierte Menschen ein größeres Risiko birgt als für die Allgemeinbevölkerung. Während etwa 5% der Allgemeinbevölkerung schwere Verläufe aufwiesen, waren das bei nierentransplantierten Menschen, so die Auswertung der Datenbank der ERA-EDTA (European Renal Association – European Dialysis and Transplant Association) 34%. 19,7% aller nierentransplantierten COVID-19-Patientinnen und -Patienten mussten beatmet werden, auch die Sterblichkeit war bei nierentransplantierten Menschen mit 20% sehr viel höher [1]. Immerhin hatten sich nur verhältnismäßig wenige nierentransplantierte Menschen mit SARS-CoV-2 infiziert hatten, bis Juli waren dem Register 1403 Fälle gemeldet worden. „Es gibt verschiedene Gründe, warum transplantierte Menschen ein höheres Risiko haben könnten. Sie haben mehr Risikofaktoren für einen schweren COVID19-Verlauf, wie z.B. Diabetes mellitus, Hypertonie und andere kardiovaskuläre Risiken, die oft schon vor der Transplantation bestanden haben und sich nach Transplantation fortsetzen. Besonders hervorzuheben ist aber die Immunsuppression, auf die Transplantierte angewiesen sind, die aber eine ‚gesunde‘ Immunantwort auf jegliche Erreger drosselt und die Patientinnen und Patienten anfälliger macht“, erklärte DTG-Generalsekretär Prof. Mario Schiffer, Erlangen, auf der 30. Jahrestagung der Deutschen Transplantationsgesellschaft in Stuttgart. Warum die Infektionsrate bei transplantierten Menschen niedriger als die der Allgemeinbevölkerung war, erklärt der Experte so: „Die Betroffenen wissen um ihre Anfälligkeit und schützen sich besser. Denn wer jahrelang auf ein Spenderorgan gewartet hat und schwer krank war, der setzt in der Regel seine mit dem Organ gewonnene Lebensqualität nicht aufs Spiel, sondern nimmt Hygieneempfehlungen und Kontaktbeschränkungen sehr ernst.“ Drittimpfung und weitere Vorsicht empfohlen Die Impfung gegen SARS-CoV-2 sei von transplantierten Menschen in einem besonderen Maße herbeigesehnt worden, betont die DTG. Mit der Einordnung der Betroffenen in der Prioritätsstufe 2 konnten die meisten auch im Frühjahr 2021 die Impfung erhalten. Allerdings stellte sich im Verlauf heraus, dass sich der Schutz vor COVID-19 nach zweimaliger Impfstoffgabe nicht im gleichen Maße wie bei gesunden Menschen einstellte. Studien, die in Deutschland durchgeführt worden waren [2], zeigten, dass die Immunantwort bei nierentransplantierten Patientinnen und Patienten nur 26% mit BNT162b2 (Biontech/Pfizer) betrug und 49% mit mRNA1273 (Moderna) – und sie war stark abhängig von der Anzahl und Art der verwendeten immunsuppressiven Therapie. Eine Drittimpfung kann die Rate an „Impfversagern“ jedoch deutlich reduzieren. Vier Wochen nach Drittimpfung mit BNT162b2 zeigte sich sowohl für die humorale als auch für die zelluläre Immunantwort ein Ansprechen von mehr als einem Drittel der vorherigen „Impfversager“, was zu einem Gesamtansprechen von immerhin 55% führte. Am 24.09.2021 veröffentlichte die STIKO die 11. Aktualisierung der COVID-19-Impfempfehlung [3]. Sie empfiehlt nun bei schwer immundefizienten Personen, zu denen auch organtransplantierte Menschen gehören, zur Optimierung der primären Impfserie bereits vier Wochen nach der zweiten Impfstoffdosis eine dritte Gabe. Insofern ist es nun möglich, allen nierentransplantierten Menschen ein Drittimpfungsangebot zu machen. „Das ist erfreulich, aber wir müssen unsere Patientinnen und Patienten dennoch zur Vorsicht mahnen: Auch nach drei Impfungen ist ein beträchtlicher Teil nicht vollständig geschützt. Die Betroffenen sollten nach wie vor vorsichtig sein, zum Eigenschutz Masken tragen und ihre sozialen Kontakte beschränken. Auch nach der Drittimpfung haben sie leider keine ‚carte blanche‘“, so der Erlanger Transplantationsmediziner. Derzeit laufen Studien, ob und wie weit das Impfansprechen durch eine mögliche vierte Impfung oder durch andere Impfschemata (z.B. Wechsel der Impfstoffe zwischen den Gaben, sogenannte heterologe Impfungen) noch weiter erhöht werden kann. Bedarf an transplantablen Organen könnte durch Pandemie steigen Doch der Schutz der transplantierten Patientinnen und Patienten ist nicht die einzige Herausforderung, vor die SARS-CoV-2 die Transplantationsmedizin stellt. „Wir gehen davon aus, dass die Folgen der Pandemie langfristig auch den Bedarf an Spenderorganen erhöhen werden.“ Erste Daten [4] zeigten beispielsweise, dass das Risiko, schwer nierenkrank zu werden, bei Menschen, die eine COVID-19-Erkrankung durchgemacht haben, deutlich erhöht ist, und zwar um den Faktor 3. „Auch Lunge, Leber und Herz können Schäden davontragen und es ist zu befürchten, dass nach der Pandemie mehr Menschen eine Organtransplantation brauchen. Das würde den jetzt bereits bestehenden, eklatanten Organmangel noch weiter verschärfen“, warnt Schiffer. Literatur:[1] Jager KJ, Kramer A, Chesnaye NCet al. Results from the ERA-EDTA Registry indicate a high mortality due to COVID-19 in dialysis patients and kidney transplant recipients across Europe. Kidney International, 15 Oct 2020, 98(6):1540-1548 [2] Stumpf J, Siepmann T, Lindner T et al. Humoral and cellular immunity to SARS-CoV-2 vaccination in renal transplant versus dialysis patients: A prospective, multicenter observational study using mRNA-1273 or BNT162b2 mRNA vaccine. The Lancet Regional Health. Published: July 22 2021, DOI: https://doi.org/10.1016/j.lanepe.2021.100178 [3] 11. Aktualisierung der COVID-19-Impfempfehlunghttps://www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Archiv/2021/Ausgaben/39_21.pdf?__blob=publicationFile [4] W Bowe B, Xie Y, Xu E et al. Kidney Outcomes in Long COVID. J Am Soc Nephrol 2021 Sep 1; ASN.2021060734. doi: 10.1681/ASN.2021060734. Online ahead of print. (DTG/ms)
Mehr erfahren zu: "Transperineale und transrektale MRT-Ultraschall-Fusionsbiopsie gleichwertig bei Prostatakrebsdetektion" Transperineale und transrektale MRT-Ultraschall-Fusionsbiopsie gleichwertig bei Prostatakrebsdetektion Ein Vergleich der transperinealen mit der transrektalen MRT-Ultraschall-Fusionsbiopsie hat keinen Unterschied bei der Detektion von klinisch signifikantem Prostatakrebs (CS-PCa) ergeben.
Mehr erfahren zu: "Projekt GUARDIAN: KI-gestützter Kampf gegen resistente Bakterien" Projekt GUARDIAN: KI-gestützter Kampf gegen resistente Bakterien Antibiotikaresistente Bakterien, insbesondere aus der Gruppe der Enterobakterien, bedrohen weltweit die öffentliche Gesundheit. Diese Bakterien können ihre Widerstandsfähigkeit gegen Medikamente durch den Austausch von Erbmaterial weitergeben. Diesem Probleme widmet sich […]
Mehr erfahren zu: "Elektronische Patientenakte erfüllt Versprechen der Digitalisierung des Gesundheitssystems bisher nicht" Elektronische Patientenakte erfüllt Versprechen der Digitalisierung des Gesundheitssystems bisher nicht Ein Jahr nach dem Start der Elektronischen Patientenakte (ePA) ist das Angebot breit bekannt, wird aber nur wenig genutzt. So Ergebnisse einer Umfrage im Auftrag von Pharma Deutschland.