Was bislang über Long Covid bekannt ist9. August 2021 Foto: © Dzmitry – stock.adobe.com Eine aktuelle Auswertung von insgesamt 28 Studien zeigt, dass hospitalisierte COVID-19-Patientinnen und -Patienten deutlich häufiger von Long Covid betroffen sind als ambulant behandelte Erkrankte. Die Bandbreite der Symptome variiert zudem stark. Meist ist eine Corona-Infektion bei Menschen, die nicht im Krankenhaus behandelt werden mussten, nach etwa zwei Wochen vorbei. Bei Hospitalisierten dauert die akute Krankheitsphase oft deutlich länger. Einige Menschen sind nach einer überstandenen Infektion aber weder geheilt noch belastbar, sie klagen auch nach Monaten über Symptome wie Erschöpfung, Müdigkeit, Kopfschmerzen, Bluthochdruck, Geruchs- und Geschmacksstörungen oder Atemwegsprobleme, auch Long Covid genannt. Um zu klären, wie hoch die Prävalenz von Long Covid nach einer bestätigten oder vermuteten SARS-CoV-2-Infektion ist, welche Symptome wie häufig auftreten und einen Überblick über mögliche Risikofaktoren zu geben, hat das Austrian Institute for Health Technology Assessment (AIHTA) in Zusammenarbeit mit dem Belgian Health Care Knowledge Center (KCE) die aktuelle Datenlage zu Long Covid analysiert. Mit Stand Mai 2021 konnten insgesamt 28 geeignete Studien identifiziert werden, um die vorhandene Evidenz des Krankheitsbildes zusammenzufassen. „Schwere COVID-19-Verläufe gehen den Studien zufolge häufiger mit Long Covid einher“, sagt Studienleiterin Sarah Wolf vom AIHTA, „der Blick auf mehrere Studien zeigte aber auch, dass der Range der einzelnen Symptome sehr groß ist.“ Demnach traten bei 39 bis 72 Prozent der stationär aufgenommen COVID-19-Erkrankten innerhalb von ein bis drei Monaten nach der akuten SARS-CoV-2-Infektion Long-Covid-Symptome auf; in der Gruppe der ambulant behandelten Patientinnen und Patienten waren es 5 bis 36 Prozent. Selbst nach über sechs Monaten berichteten noch bis zu 60 Prozent der ehemals Hospitalisierten über Müdigkeit, Erschöpfung, kognitive Beeinträchtigungen und/oder Atemwegsprobleme; in der Kohorte der ambulant behandelten SARS-CoV-2-Fälle traf diese Symptomatik auf 13 bis 25 Prozent zu. Vielfältige Symptomatik Zu den häufigsten Symptomen unter Long-Covid-Patientinnen und -Patienten zählten bis zu drei Monate nach dem Beginn der akuten SARS-CoV-2-Infektion Müdigkeit/Erschöpfung mit 16 bis 98 Prozent, gefolgt von Kurzatmigkeit (10 bis 93 Prozent) und Kopfschmerzen mit 9 bis 91 Prozent. Über Husten klagten innerhalb der ersten drei Monate nach dem akuten Infekt 11 bis 34 Prozent der Long-Covid-Patientinnen und -Patienten, von Brustschmerzen waren zwischen 10 und 86 Prozent betroffen, kognitive Schwierigkeiten hatten je nach Studie zwischen 4 und 89 Prozent der Befragten. Nach drei bis sechs Monaten zählten Müdigkeit/Erschöpfung (16 bis 78 Prozent) und kognitive Beeinträchtigungen (13 bis 55 Prozent) zu den häufigsten Long-Covid-Symptomen. Darüber hinaus hatten 16 bis 21 Prozent mit Atemwegsproblemen zu kämpfen. Potenzielle, aber nicht bestätigte Risikofaktoren Zwölf der insgesamt 28 Studien untersuchten auch mögliche Risikofaktoren. Die Ergebnisse von sechs Studien deuten darauf hin, dass das weibliche Geschlecht die Entstehung von Long Covid möglicherweise begünstigt. „Der Unterschied der Erkrankungshäufigkeit zwischen Männern und Frauen könnte aber auch andere Gründe als das biologische Geschlecht und die damit im Zusammenhang stehende Immunantwort haben. So ist etwa bekannt, dass es geschlechterspezifische Unterschiede im Gesundheitsverhalten gibt, wonach Frauen in Umfragen beispielsweise häufiger einen schlechteren Gesundheitszustand angeben als Männer“, betont Studienleiterin Sarah Wolf. Ein weiterer potenzieller Risikofaktor für Long Covid, der ebenfalls noch nicht bestätigt werden konnte, ist die hohe Anzahl an Symptomen während der akuten Infektionsphase. Auch ein höheres Alter der Infizierten erhöht nicht per se die Wahrscheinlichkeit an Long Covid zu erkranken. „Die genauen Ursachen und Risikofaktoren, welche zur Entwicklung von Long-Covid-Symptomen führen, sind derzeit nicht bekannt. Aufgrund der großen Vielfalt unterschiedlichster Symptome ist anzunehmen, dass mehrere Ursachen miteinander verwoben sind“, heißt es im KCE- und AIHTA-Bericht. So haben etwa Menschen mit schweren COVID-19-Verläufen, die künstlich beatmet werden mussten, ein erhöhtes Risiko Long-Covid-Symptome zu entwickeln. Bei diesen Erkrankten könnten mögliche Organschäden, die beispielsweise durch die intensivmedizinische Behandlung hervorgerufen wurden, die Ursache von Long Covid sein. Davon abzugrenzen sind Long-Covid-Symptome, die nicht auf eine Organschädigung zurückzuführen sind. „In den Studien wird jedoch nicht zwischen Long-Covid-Symptomen aufgrund von Organschäden und anderen Ursachen unterschieden“, erklärt Wolf. Die Studiengruppe betont deshalb, „dass es für zukünftige Studien eine genauere Charakterisierung und Klassifizierung von Long-Covid-Symptomen und deren Ursachen benötigt, um Behandlungsstrategien für unterschiedliche Long-Covid-Patientengruppen effizient zu gestalten.“ Darüber hinaus wird eine einheitliche Definition von Long-Covid benötigt, um die Symptomatik von anderen Erkrankungen (z.B. das „Post-Intensive-Care-Syndrom) oder Ursachen (z.B. psychische Probleme aufgrund der langen Lockdowns/psychische Probleme als Folgewirkung der Maßnahmen zur Pandemiebekämfpung) abzugrenzen.
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