Weibliche Genitalverstümmelung: Erhebliche Folgen20. Juni 2018 Foto: © kamasigns – fotolia.com Weibliche Genitalverstümmelung erhöht das Risiko für seelische Erkrankungen und verändert die körperlichen Reaktionen auf Stress. Weibliche Genitalverstümmelung (Female Genital Mutilation, FGM) ist bereits seit 1992 offiziell von den Vereinten Nationen als Menschenrechtsverletzung anerkannt. Dennoch sind die Erfolge, Verstümmelung von Neugeborenen und jungen Mädchen zu verhindern, oft begrenzt. Ein Schnitt in die Klitoris oder deren vollständige Entfernung (FGM I) sowie die Beschneidung (FGM II) und das Zusammennähen der äußeren Schamlippen (FGM III) stellen verschiedene Schweregrade dar. Zusammengewachsene Schamlippen werden durch Geschlechtsverkehr oder das Gebären eines Kindes oft brutal auseinander gerissen und anschließend mitunter wieder zusammengenäht. Unter der Leitung des Konstanzer Neuropsychologen Prof. Thomas Elbert analysierten Dr. Anke Köbach und Dr. Martina Ruf-Leuschner erstmals in einer umfassenden wissenschaftlichen Studie systematisch die Folgen von FGM auf Körper und Psyche. Die Untersuchungen fanden in den äthiopischen Somali-Region unter den Volksgruppen der Somalis, Amhara und Oromo statt und damit in einem kulturellen Umfeld, in dem diese Tradition praktiziert wird. 176 Frauen nahmen an der Untersuchung teil. Dabei bestätigte sich, dass die Frauen nicht nur körperlich, sondern auch psychisch verletzt werden. In jedem Fall werden sie verletzlicher für Trauma-Folgestörungen wie Posttraumatische Belastungsstörung und Depression. Die Folgen sind besonders gravierend in der Gruppe von Frauen, die unter den invasivsten Formen von FGM leiden müssen (Typ II/III). So haben fast 20 Prozent dieser jungen Frauen im Alter von durchschnittlich 32 Jahren eine posttraumatische Belastungsstörung. Dabei treten massive Folgen der Traumatisierung insbesondere bei Personen auf, die weitere Bedrohungen für Leib und Leben erfahren mussten. Auch die Stressregulation des Körpers präsentiert sich bei diesen Frauen in veränderter Form. Dies konnte das Team der Konstanzer Arbeitsgruppe Klinische Psychologie und Klinische Neuropsychologie anhand der Dichte des Stresshormons Kortisol untersuchen, das sich in Haaren angereichert hatte. Frauen mit schweren Formen von FGM weisen erhöhte Werte auf. Aber auch bei Frauen, die FGM I im Säuglingsalter erleben mussten, finden sich erhöhte Werte. Köbach stellt fest: „Auch wenn sich Frauen nicht bewusst an den Vorgang der Beschneidung erinnern können, so tragen sie doch die Erinnerung in ihrem biologischen System ein Leben lang mit sich.“ Über Kortisol wird die Bereitstellung von Sauerstoff, Glukose und anderen Nährstoffen heraufgesetzt. Darüber hinaus dämmt die Ausschüttung von Kortisol die akute Stressantwort durch Adrenalin und Noradrenalin ein. Gleichzeitig wird aber auch die Darmaktivität sowie die Entzündungs- und Immunantwort gehemmt. Übergewicht, Muskel- und Gewebsschwäche und auch veränderte Gehirnentwicklungen können dadurch begünstigt werden. „Nicht nur dem medizinischen Personal, das die Praxis von FGM unterstützt, sollten diese Befunde zu denken geben“, sagt Elbert. Originalveröffentlichung: Anke Köbach, Martina Ruf-Leuschner, Thomas Elbert: “Psychopathological sequelae of female genital mutilation and their neuroendocrinological associations. BMC Psychiatry, 13. Juni 2018. https://doi.org/10.1186/s12888-018-1757-0
Mehr erfahren zu: "Umbrella-Review bestätigt: Bewegung hilfreich bei einer Vielzahl von Schmerzerkrankungen" Umbrella-Review bestätigt: Bewegung hilfreich bei einer Vielzahl von Schmerzerkrankungen Die bislang umfassendste Übersichtsarbeit zum Thema Bewegung zur Schmerzlinderung verdeutlicht: Bewegung kann akute und chronische Schmerzen unterschiedlichster Genese wirksam lindern. Leichtere Übungen scheinen dafür sogar besser geeignet als ein sehr […]
Mehr erfahren zu: "Neue Methode zum Einsetzen der Spirale verringert Schmerzen" Weiterlesen nach Anmeldung Neue Methode zum Einsetzen der Spirale verringert Schmerzen Einer neuen Studie des Karolinska-Instituts (Schweden) zufolge kann eine einfache Methode unter Verwendung einer Lokalanästhesie in der Gebärmutter die Schmerzen beim Einsetzen einer Spirale verringern.
Mehr erfahren zu: "Sexuelle Gesundheit nach Brustkrebs bleibt häufig unbeachtet" Sexuelle Gesundheit nach Brustkrebs bleibt häufig unbeachtet Sexuelle Gesundheit und Intimität geraten bei der Genesung nach Brustkrebs häufig aus dem Blick. Eine qualitative Studie australischer Forschender zeigt, dass viele Frauen auch nach Abschluss der Behandlung mit sexuellen […]