Weit über die Grenzen der Augenheilkunde hinaus

Gastredner Jürgen Hambrecht mit DOG-Präsident Lars-Olof Hattenbach (v. l.) bei der Eröffnung des 124. DOG-Kongresses unter dem Motto „Augenheilkunde ohne Grenzen“. Fotos: Schulz/Biermann Medizin

Augenheilkunde ohne Grenzen – dieses Motto des DOG-Kongresses 2026 wurde zu Beginn der Eröffnungsveranstaltung auch optisch in Szene gesetzt: Das „DOG-Auge“ aus dem Logo der Fachgesellschaft umkreiste den Globus und eröffnete die Perspektive eines Astronauten auf die Erde: ein grenzenloser Planet im unendlichen All.

Die optische Einstimmung auf das Generalthema des 124. DOG-Kongresses leitete über sowohl zur Präsidentenrede von Prof. Lars-Olof-Hattenbach (Ludwigshafen) als auch zum Festvortrag von Dr. Jürgen Hambrecht, ehemaliger Vorstandschef und Aufsichtsratsvorsitzender des BASF-Konzerns. Die Impulse beider Vorträge reichten weit über die Grenzen der Augenheilkunde hinaus.

Erfolgsprinzipien in Zeiten des Wandels

„Grenzen überwinden, Wandel meistern – mit Mut und Zuversicht“, so hatte Hambrecht seinen Vortrag überschrieben und damit bereits den Ton gesetzt. Wandel ist kein Grund zum Fürchten, sondern ein Anlass zum Gestalten. Am Beispiel des BASF-Konzerns, den er lange geleitet und auch durch globale Krisen geführt hat, zeigte er drei Erfolgsprinzipien auf – Prinzipien, die auch auf die Medizin insgesamt und die Augenheilkunde übertragbar sind: Wandel früh erkennen, Wandel mutig gestalten sowie Menschen für den Wandel gewinnen und begeistern, damit sie den Weg mitgehen. Grundvoraussetzungen dafür seien Transparenz und klare Führung.

Doch allein der Wille, Zukunft zu gestalten, reiche noch nicht, verdeutlichte Hambrecht. Entscheidend sei, das Umfeld zu verstehen, indem man sich bewege. Zu diesem Umfeld gehörten in der aktuellen Situation etwa der demographische Wandel, Fachkräftemangel, ein sich verschärfender globaler Wettbewerb – auch um medizinische Wirkstoffe – und vor allem Künstliche Intelligenz (KI), die inzwischen nicht mehr nur die industrielle Produktion, sondern den Tertiärsektor breit erfasst habe.

Wandel mit Mut und Verantwortung

Fortschritt brauche immer Mut, unterstrich Hambrecht und ergänzte: Mut und Verantwortung. Gerade die Medizin stehe vor und bereits in einem großen Transformationsprozess: neue Versorgungsmodelle, komplexere Versorgung mit weniger Ressourcen oder Präzisionsmedizin lauteten nur einige der Stichwörter. Es könne also nicht darum gehen, den Status quo zu verteidigen, sondern es gehe vielmehr darum, selbst innovativ zu werden. Überlasse man Innovationen den anderen, mache man sich abhängig, warnte er.

Fünf Empfehlungen für erfolgreiche Transformation

Aus den wiederholten Transformationsprozessen des Unternehmens BASF leitete Hambrecht fünf übergeordnete Empfehlungen ab. Als Erstes betonte er, dass Zukunft nicht aus der Logik der Vergangenheit heraus gestaltet werden könne. So würde Altes allenfalls verbessert, nicht aber Neues geschaffen. Transformation brauche zudem klare Rahmenvorgaben, das mache man nicht ‛mal so.

„Mache Dich unverwechselbar“, hieß sein zweiter Tipp. Damit sei gemeint, nicht überall etwas besser werden zu wollen, sondern sich zur „Speerspitze von Veränderung und Innovation“ zu machen. Man könne nicht in allen Anforderungen gleich gut sein, räumte er ein, entscheidend sei aber, dass jede Gruppe, jede Abteilung wisse, wofür sie stehe.

Der ehemalige BASF-Chef Jürgen Hambrecht gab seinen Zuhörern fünf Empfehlungen für erfolgreiche Transformation mit auf den Weg. Foto: Schulz/Biermann Medizin

Hambrechts dritte Empfehlung: konsequentes Denken vom „Endnutzer“ her – in der Medizin also vom Patienten. Dabei sei es wichtig, sich nicht selbst zu viele Regeln aufzuerlegen, denn jede Regel binde Arbeitszeit. Die Frage für Ärzte müsse daher lauten: Welchen Beitrag leistet eine Regel zur Versorgung? Ebenfalls an die Ärzteschaft gewandt riet der ehemalige Vorstandschef, die Betriebswirtschaft nicht links liegen zu lassen. Betriebswirtschaft sei „kein natürlicher Widerspruch zur Medizin“, hier dürfe man nicht alles allein der Verwaltung überlassen.

„Führe klar und eindeutig“, gab Hambrecht seinen Zuhörern im Auditorium von Graefe als vierte Empfehlung mit auf den Weg. Organisationsstrukturen gewöhnten sich schnell an ineffiziente Zustände. „Das haben wir schon immer so gemacht“, rief er seinen Zuhörern den altbekannten Satz des Verharrens in Erinnerung. Daher werde für den Wandel immer Führung gebraucht – gute Führung, was bedeute, immer voll und ganz die Verantwortung zu tragen.

Die Bedeutung funktionierender Teams

Sein fünfter und letzter Merksatz: „Suche und entwickle das beste Team, nutze die Erfahrung anderer.“ Im Sport gewinne selten der beste Einzelspieler, verdeutlichte Hambrecht die Bedeutung funktionierender Teams. Und so sei auch in der Medizin die beste Versorgung immer grenzüberschreitend und interdisziplinär ausgerichtet. Zu einem „besten Team“ zählten zudem die jungen Talente. Diese seien weiter auszubilden und dann auch zu halten! Des Weiteren müsse der Blick immer über den eigenen Tellerrand hinaus gerichtet werden. „Suchen Sie sich echte ,Sparringspartner‛ – Menschen, die mehr wissen als Sie“, appellierte er.

Wandel, so Hambrechts Fazit, sei kein Ausnahmezustand, sondern Normalität. Der Umgang damit sei, worauf es ankomme: „Wir können ihn verwalten oder gestalten“, machte er Mut, alte Grenzen zu überwinden, denn: „Gelungener Wandel entscheidet in der Medizin über bessere Versorgung.“

Präsidentenrede von Lars-Olof Hattenbach

Wie das Überschreiten alter Grenzen die Versorgung in der Augenheilkunde verbessern kann, zeigte DOG-Präsident Hattenbach in seiner Rede auf: Wichtige Beispiele hierfür seien die Einführung der Anti-VEGF-Therapie oder die gentherapeutischen Strategien für erbliche Netzhauterkrankungen, die lange als unbehandelbar galten. Heute – so das aktuellste Beispiel – sei man erstmals in der Lage, verlorene Sehfunktion bei Geographischer Atrophie auf technischem Weg in Teilen wiederherzustellen, verwies er auf das kürzlich in Europa zugelassene Prima-Netzhautimplantat. „Damit kommen wir einem alten Menschheitstraum erstmals einen entscheidenden Schritt näher: Dem Traum vom künstlichen Sehen!“ Was gestern noch Science Fiction gewesen sei, werde heute Realität, zeigte Hattenbach ein eindrucksvolles Bild: die zum Prima-System gehörende Spezialbrille und daneben der bekannte Visor aus der Serie Star Trek.

DOG-Präsident Lars-Olof Hattenbach blickte in seiner Kongress-Rede weit über die Grenzen der Ophthalmologie hinaus. Foto: Schulz/Biermann Medizin

DOG … von Anbeginn an international

„,Augenheilkunde ohne Grenzen‛ – Als wir dieses Motto gewählt haben, konnten wir nicht ahnen, wie aktuell es heute sein würde“, hatte der DOG-Präsident seinen Vortrag mit einem Blick auf die Weltlage begonnen. In diesen Zeiten würden Grenzen leider wieder sichtbarer, politisch, ökonomisch, kulturell, technologisch und wissenschaftlich. Dabei seien gerade die Augenheilkunde und die Fachgesellschaft von Anbeginn an gekennzeichnet von Austausch und Zusammenarbeit. „Und von der Überzeugung, dass Erkenntnis niemandem allein gehört.“ Diese Idee sei für die heutige DOG daher keineswegs neu. „Ja, sie gehört vielmehr zu ihrer DNA!“

Die Fachgesellschaft sei im Übrigen schon immer international gewesen, ergänze Hattenbach, denn sie habe „irgendwie international“ sein müssen, habe es doch beim ersten Treffen 1857 kaum deutsche Augenärzte gegeben. Die Augenheilkunde in Deutschland sei damals gerade erst im Begriff gewesen, sich als eigenständiges Fach von der Chirurgie zu lösen. Und mit Blick auf heute: Von 8565 Mitgliedern (Stand September 2026) kommen 1065 nicht aus Deutschland.

Grenzen überwinden, auch selbst gesetzte

Grenzen überwinden könne auch bedeuten, über Grenzen hinweg gemeinsame Standards zu schaffen, machte Hattenbach auf einen weiteren Aspekt des Internationalen aufmerksam. Ein besonders schönes Beispiel dafür sei die Erfolgsgeschichte der europäischen augenärztlichen Weiterbildung seit der Gründung des European Board of Ophthalmology. Von anfänglich 44 Prüflingen (1995) sei die Zahl auf nunmehr rund 1000 gestiegen – aus bis zu 30 Ländern Europas.

Eine selbst gesetzte, inzwischen aber längst überwundene Grenze sei der den Frauen verwehrte Zugang zum Medizinstudium und damit auch zu Fachgesellschaften gewesen, erinnerte Hattenbach. Erst 1911 sei mit Clara Knieper das erste weibliche Mitglied in die DOG aufgenommen worden und erst im Jahr 2001 sei mit Gabriele Lang erstmals eine Frau Präsidentin der DOG gewesen. Hattenbach: „Was gestern noch als unverrückbare Grenze erschien, erscheint uns heute absurd.“

Innovationen, die Grenzen verschieben

Grenzen verschieben, Grenzen überwinden – hierzu, so Hattenbach, gehöre auch „das ganz große Thema“, das die Augenheilkunde schon längst erreicht habe: KI. Im Rückblick auf die Sprunginnovation des Buchdruckes von Gutenberg, die nicht nur ein technisches Verfahren, sondern das Leben der Menschen nachhaltig verändert habe, zog der DOG-Präsident Parallelen zwischen dem 15. und dem 21. Jahrhundert. „So wie Gutenberg vorhandene Technologien miteinander verknüpfte und im Ergebnis etwas völlig Neues schuf, verbindet KI heute Technologien und Wissen in einer vorher nicht gekannten Dimension und verändert damit, wie wir dieses Wissen erschließen, miteinander verbinden und anwenden.“

Der Buchdruck habe damals eine der mächtigsten Grenzen seiner Zeit überschritten – die des Zugangs zu Wissen, betonte Hattenbach. Nun habe KI speziell mit Blick auf die ophthalmologische Bildgebung auch eine entscheidende Grenze verschoben. KI könnte den Augenärzten künftig nicht nur helfen festzustellen, was sie heute sehen, sondern vorherzusagen, was sie morgen sehen werden. Damit verschiebe sich die Grenze in der Bildgebung von der Beschreibung hin zur Vorhersage.

Worum es im Kern geht: Das Bewahren des Sehens

Dass KI auch selbst Grenzen überschreite, hätten die jüngsten eigenständig ausgeführten Cyberangriffe auf mehrere Websites gezeigt, führte Hattenbach weiter aus. Das KI-System habe „gedacht“, diese seien Teil des Tests. KI sei also nicht plötzlich „böse“ geworden, sondern hätte ein vorgegebenes Ziel konsequent weiterverfolgt, ohne jene Grenze zu erkennen, die für einen Menschen selbstverständlich gewesen wäre.

Aber genau darin könnte eine wichtige Lehre auch für die Medizin liegen, meinte der DOG-Präsident: Man dürfe KI zwar viel zutrauen, ihr aber „niemals die letzte Verantwortung übertragen“. Und diese Erkenntnis zeige, dass auch in einer KI-Zukunft der Arzt weiterhin gebraucht werde. Zudem ergäben Umfragen immer wieder, dass Patienten nicht von einer KI erfahren möchten, dass sie etwa Krebs hätten oder ihr Augenlicht verlieren könnten.

„Denn am Ende behandelt nicht ein Algorithmus einen Menschen. Wir behandeln einen Menschen – ob mit oder ohne Algorithmus“, betonte Hattenbach und appellierte an seine Zuhörer: „Bei aller Faszination für technischen Fortschritt sollten wir uns also immer wieder daran erinnern, warum wir all das tun: Es geht um das Sehen!“ Und dieses zu bewahren, sei der gemeinsame Auftrag – mit Wissen, chirurgischem Geschick, Wissenschaft und Forschung sowie neuen Medikamenten und Technologien. Die Grenzen des heute Möglichen seien dabei nicht zwangsläufig die Grenzen des morgen Machbaren, ermutigte der DOG-Präsident, Grenzen immer wieder verantwortungsvoll zu überwinden. (dk/BIERMANN)