Welchen Einfluss hat Lichttherapie bei Jugendlichen mit Depressionen?

Mit einer Lichttherapie-Brille in der Hand: (v.l.) Prof. Martin Holtmann, Ärztlicher Direktor und Prof. Tanja Legenbauer, Leiterin der Forschung & Testdiagnostik an der LWL-Universitätsklinik Hamm, stellen die Ergebnisse der Lichtherapiestudie vor. (Foto: LWL/Suilmann)

Hilft Lichttherapie bei der Behandlung von Depressionen? Dieser Frage gingen Forschende der kinder- und jugendpsychiatrischen LWL-Universitätsklinik in Hamm in einer groß angelegten Studie nach. Ergebnis: Auch wenn die jungen Studienteilnehmer während der Behandlung deutliche Stimmungsverbesserungen zeigten, konnte kein zusätzlicher Effekt der Lichttherapie nachgewiesen werden.

Im Interview erklären Prof. Tanja Legenbauer, Leiterin der Forschungsabteilung und Testdiagnostik, und Prof. Martin Holtmann, Ärztlicher Direktor der LWL-Klinik, die Hintergründe und Ergebnisse der Lichttherapie-Studie, an der insgesamt 227 jugendliche Patienten mit mittel bis schwer ausgeprägten depressiven Symptomen im Alter zwischen zwölf und 18 Jahren teilgenommen haben. Die Studie, die in „JAMA Psychiatry“ erschienen ist, wurde an vier universitären kinder- und jugendpsychiatrischen Kliniken durchgeführt, darunter die LWL-Fachklinik in Hamm.

Warum ist Licht für uns so wichtig?
Martin Holtmann: Das Licht wirkt als wichtigster und stärkster Zeitgeber, den wir kennen. Helles Licht morgens führt dazu, dass die Produktion von Melatonin als wichtigstem Schlafhormon beim Menschen tagsüber unterdrückt und erst am Abend angeregt wird. Der Gegenspieler ist das Cortisol, das uns über den Tag wach und fit macht. Gerät dieser Mechanismus aus dem Gleichgewicht, kann es zu Schlafstörungen und auch Stimmungsbeeinträchtigungen kommen. Bei Erwachsenen mit Depressionen beispielsweise hat es sich bewährt, Lichttherapie als einen Baustein in der Behandlung einzusetzen. Bei Jugendlichen ist die Befundlage weniger klar, es gab bislang nur wenige Studien mit kleinen Teilnehmerzahlen.

Wie wurde die Lichttherapie-Studie in der LWL-Universitätsklinik Hamm durchgeführt?
Tanja Legenbauer: Wir haben an vier universitären Kinder- und Jugendpsychiatrien insgesamt 227 jugendliche Patienten mit mittel bis schwer ausgeprägten depressiven Symptomen im Alter zwischen zwölf und 18 Jahren mit morgendlicher Lichttherapie behandelt. Die Lichttherapie erhielten die Jugendlichen zusätzlich zur regulären Behandlung im stationären Rahmen. Die Teilnehmer trugen über vier Wochen, aber mindestens an 20 Tagen morgens nach dem Aufstehen für 30 Minuten eine Lichtbrille. Um herauszufinden, welchen zusätzlichen Effekt zur regulären Behandlung die Lichtbrille hat, gab es eine Brille mit blauem Licht einer starken Lichtintensität und eine Brille mit rotem Licht und einer schwächeren Lichtintensität. Die Idee war, dass das blaue, starke Licht besonders effektiv ist und zusätzliche Effekte zur Verbesserung von Stimmung und Schlaf bringt.

Welche Ergebnisse erzielte die Studie?
Legenbauer:
Sehr erfreulich war, dass alle Studienteilnehmer durch die Behandlung sich in ihrer Stimmung deutlich verbessert zeigten. Ein zusätzlicher Effekt der Lichttherapie konnte allerdings nicht belegt werden. Wir glauben, dass dies zum einen durch die besondere Form des stationären Settings mit seinen vielen Therapiebausteinen und intensiven Behandlungsangeboten und auch durch die Schwere der Erkrankung zu erklären ist.

Wird Lichttherapie weiterhin für die Patient:innen in der Klinik eingesetzt?
Legenbauer:
Eine Erkenntnis aus unseren eigenen Studien ist, dass Lichttherapie im stationären Setting zwar ein nebenwirkungsarmes und gut einsetzbares Therapiemittel ist, aber bei sehr schwer ausgeprägten Depressionen möglicherweise die Wirkung nicht voll entfalten kann. Daher wollen wir uns nun damit beschäftigen, wer von Lichttherapie eventuell besser profitieren könnte und daher Patienten mit leichteren Depressionsformen untersuchen. Auch wenn die Studie keine eindeutigen Effekte für die zusätzliche Behandlung mit einer Lichtbrille zeigte, ist es dennoch zu empfehlen, Lichttherapie auszuprobieren, da die Behandlung wenig aufwendig und nebenwirkungsarm ist. Immerhin würden mehr als 90 Prozent der Studienteilnehmer die Behandlung weiterempfehlen und erwarteten eine Besserung durch die Lichtbrille.