Wie der „Gollum-Effekt“ Forschung und wissenschaftliche Karrieren behindert28. Mai 2025 Foto: momius/stock.adobe.com Daten und Erkenntnisse werden in der Wissenschaft nicht immer freimütig geteilt. Das zeigt eine Befragung von 563 Forschenden aus 64 Ländern. Demnach behindert der sogenannte „Gollum-Effekt“ Kooperationen und schadet Karrieren des Forschungsnachwuchses. Wissenschaftliche Forschung soll dem Wohle der Menschheit dienen, deshalb werden Daten nicht unter Verschluss gehalten und Erkenntnisse freimütig geteilt. „Diesem Ideal wird die akademische Welt leider nicht immer gerecht. Besitzdenken, Abgrenzung und das Horten von Daten, Ressourcen und Ideen sind ein weit verbreitetes Problem“, erklärt Dr. Jose Valdez, Biodiversitätsforscher an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) und am Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv). Bekannt ist das Phänomen unter dem Namen „Gollum-Effekt“, ein von den Forschenden selbst geprägter Begriff, der an die tragische Figur aus „Der Herr der Ringe“ erinnert: eine Gestalt, die so besessen von einem magischen Ring ist, dass sie durch ihre Obsession in den Abgrund gerissen wird. „In der Wissenschaft gefährdet besitzergreifendes Verhalten den wissenschaftlichen Fortschritt und benachteiligt insbesondere junge und weniger etablierte Forschende“, so Valdez. Um mehr über die Dimensionen des Gollum-Effekts im Wissenschaftsbetrieb herauszufinden, hat er gemeinsam mit Dr. Sandeep Sharma von der MLU und vom iDiv sowie Dr. John Gould von der University of Newcastle (Australien) 563 Forscher aus 64 Ländern zu ihren Erfahrungen befragt. Die meisten forschten selbst in den Bereichen Ökologie, Biodiversitätsschutz und Umweltwissenschaften. Das Ergebnis: Fast die Hälfte der Befragten gab an, das Phänomen selbst erlebt zu haben. Zwei Drittel der Betroffenen berichteten von wiederholten Erlebnissen im Laufe ihrer Karriere. „Die Erfahrungen reichen von verweigertem Zugriff auf Quellen und Daten über den Diebstahl von Forschungsideen bis hin zur Sabotage der Forschungsarbeit. Bei einigen der Befragten führten die Erlebnisse sogar zu erheblichen psychischen Problemen, die medizinische Hilfe erforderten“, fasste Valdez die Studienergebnisse zusammen. Systemisches Problem mit gravierenden Folgen Die Behinderungen gingen den Befragten zufolge häufig von etablierten Forschern und sogar von den eigenen wissenschaftlichen Betreuern aus, aber auch von Kollegen innerhalb der eigenen Forschungsgruppe und von konkurrierenden Laboren. Leidtragende sind überdurchschnittlich oft Forschende am Beginn ihrer wissenschaftlichen Karriere und Personen aus benachteiligten Gruppen. Valdez: „Unsere Ergebnisse zeigen, dass der Gollum-Effekt ein systemisches Problem ist, das durch den übertriebenen Wettbewerb um Positionen und begrenzte Mittel noch verstärkt wird.“ Die Folgen des Gollum-Effekts können gravierend sein. Über zwei Drittel der betroffenen Befragten berichteten von erheblichen Karriereeinbrüchen. Viele waren gezwungen, Forschungsthemen aufzugeben, Forschungsgruppen und -institute zu wechseln oder sogar die Wissenschaft ganz zu verlassen. Nur ein Drittel der vom Gollum-Effekt Betroffenen gab an, sich jemals zur Wehr gesetzt zu haben. Fast ein Fünftel der Befragten gab sogar zu, selbst – oft unbeabsichtigt – ein Gollum-ähnliches Verhalten an den Tag gelegt zu haben. „Wenn die Wissenschaft zu einem feindseligen Umfeld wird, geht es nicht nur um berufliche Rückschläge. Es geht um nicht verwirklichte Ideen, zerstörtes Selbstvertrauen und verlorenes Potenzial“, führte Co-Autor Sandeep Sharma aus. In der Umfrage hatten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auch die Möglichkeit, Lösungsvorschläge für das Problem zu benennen. Zu den am häufigsten genannten Strategien gehören die Sensibilisierung für das Problem, die Belohnung ethischen Verhaltens und die Förderung einer Kultur der Offenheit und Zusammenarbeit. Angeregt wurden institutionelle Reformen, beispielsweise eine stabilere Finanzierung insbesondere für Nachwuchsforscher, Anreize für Teamarbeit und Mentoring sowie klare Richtlinien für Datenaustausch und Autorenschaft. Valdez konstatierte: „Den Gollum-Effekt zu erkennen und zu benennen war der erste Schritt für uns Forscher, die das Phänomen in unserer akademischen Laufbahn selbst erlebt haben. Wir möchten eine offene Diskussion anregen, die zu einer gerechteren und kollaborativeren Wissenschaft führt.“
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