Wie Erdmännchen ihre sozialen Bindungen stärken3. Februar 2026 Eine Gruppe Erdmännchen während des morgendlichen Sonnenbads Quelle: © Vlad Demartsev Erdmännchen pflegen ihre sozialen Bindungen nicht nur durch Körperkontakt, sondern auch durch stimmliche Laute. Wie das geschieht, erforschte ein Team der Universität Konstanz und des Max-Planck-Instituts für Verhaltensbiologie. Wenn die Sonne über der Kalahari-Wüste aufgeht, kommen Erdmännchen-Gruppen aus ihren Höhlen und genießen gemeinsam die Wärme der ersten Lichtstrahlen. In den ruhigen Morgenstunden wärmen die Tiere nicht nur ihren Körper auf. Es ist auch die Zeit für ein besonderes Sozialverhalten dieser äußerst gemeinschaftsorientierten Säugetiere.Ein Team von Forschenden der Universität Konstanz, des Max-Planck-Instituts für Verhaltensbiologie und der Universität Zürich untersuchte, wie Erdmännchen durch Lautäußerungen soziale Bindungen aufrechterhalten und ihre komplexen Gruppenhierarchien handhaben. Die vor kurzem in der Zeitschrift „Behavioural Ecology“ veröffentlichte Studie erforscht das Konzept der „stimmlichen Kontaktpflege“ (engl. vocal grooming). Dabei handelt es sich um eine Form der sozialen Bindung, die durch Laute statt durch körperlichen Kontakt erreicht wird. „Beziehungspflege auf Distanz“ Erdmännchen (Suricata suricatta) leben in Gemeinschaften, die durch eine strenge Dominanzhierarchie strukturiert sind. Sie werden in der Regel von einem dominanten Paar angeführt und von rangniedrigeren Tieren unterstützt. Letztere helfen bei der Aufzucht des Nachwuchses, der Verteidigung des Territoriums und der Aufrechterhaltung der sozialen Stabilität helfen. Wir wissen von der physischen Körperpflege (engl. grooming) – wenn Tiere gegenseitig ihr Fell oder die Haut pflegen und Parasiten oder Schmutz entfernen –, dass es soziale Bindungen stärkt. Doch diese Pflege braucht Nähe und Zeit. Beides kann in großen oder weit verstreuten Gruppen knapp sein.Vlad Demartsev, Postdoktorand am „Centre for the Advanced Study of Collective Behaviour (CASCB)“ der Universität Konstanz und dem Konstanzer Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie, und seine Kollegen fanden heraus, dass Erdmännchen möglicherweise Laute als alternative, einfache Möglichkeit nutzen, um sozial in Kontakt zu bleiben und ihre Gruppenhierarchie zu managen. Sogenannte „Sonnenrufe“ (engl. sunning calls) – sanfte, tonale Laute, die die Tiere während der morgendlichen Sonnenbäder erzeugen – ermöglichen es ihnen, soziale Beziehungen ohne direkten Körperkontakt zu pflegen. Obwohl diese Rufe den unterwürfigen Lautäußerungen ähneln, die typischerweise mit Konfliktreduzierung verbunden sind, deutet ihr Auftreten im friedlichen Kontext des gemeinsamen morgendlichen Sonnenbads darauf hin, dass sie hier als eine Form der sozialen Interaktion dienen. Vermutlich nutzen die Erdmännchen die leisen Sonnenrufe nämlich zur „Beziehungspflege auf Distanz“.Um die soziale Rolle der Sonnenrufe zu untersuchen, führte das Forschungsteam „Playback-Experimente“ in der Kalahari-Wüste durch. Bei diesen beobachteten sie Erdmännchengruppen während ihrer morgendlichen Sonnenbäder. Die Forschenden zeichneten Laute von einzelnen Tieren auf, deren sozialen Status in der Gruppe sie zuvor beobachtet hatten. Diese Laute wurden dann anderen Gruppenmitgliedern vorgespielt und ihre Antworten aufgezeichnet und gemessen. Es zeigten sich klare soziale Muster, die sich mit früheren Arbeiten zur Gruppendynamik und hierarchischen Struktur der Erdmännchen decken. Soziale Faktoren beeinflussen die Reaktionsbereitschaft Untergeordnete Erdmännchen erhöhten ihre Rufaktivität deutlich, wenn sie Rufe von dominanten Tieren hörten. Die wiederum reagierten kaum auf Rufe von rangniedrigeren Tieren. Diese Asymmetrie deutet darauf hin, dass der stimmliche Austausch intensiver wird, wenn er sich an ranghöhere Tiere richtet. Möglicherweise dient er der Beschwichtigung oder der Pflege von Beziehungen zu höhergestellten Gruppenmitgliedern dient. Weibchen reagierten stärker auf die aufgezeichneten Laute als Männchen, was auf geschlechtsspezifische Unterschiede bei den sozialen Strategien hinweist. Obwohl die Stärke der sozialen Bindung das Rufverhalten beeinflusste, war die Wirkung nuanciert. Ursprünglich hatten die Forschenden erwartet, dass die Tiere stark auf eng verbundene Gruppenmitglieder reagieren würden. Die Ergebnisse deuten jedoch auf das genaue Gegenteil hin. Rangniedrigere Tiere reagierten eher auf Laute der dominanten Tiere, zu denen sie eine schwächere Bindung hatten. Somit könnte der stimmliche Austausch zur Stabilisierung oder Verbesserung wichtiger, aber schwacher sozialer Beziehungen dienen. Stimmliches Grooming stärkt soziale Bindungen Insgesamt stützen diese Ergebnisse die Hypothese der „stimmlichen Kontaktpflege“, d. h. der Annahme, dass der Lautaustausch ähnliche soziale Funktionen erfüllen kann wie die gegenseitige Körperpflege. Durch diese subtilen stimmlichen Interaktionen könnten Erdmännchen Spannungen abbauen, Konflikte verhindern und soziale Bindungen ohne physischen Kontakt stärken.„Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass es sich bei diesen Lauten nicht um zufälliges Geplapper handelt, sondern um einen strategischen Teil des sozialen Lebens der Erdmännchen“, so Vlad Demartsev. „Kontinuierliche wechselseitige Interaktion kann Kooperation und Engagement signalisieren, was wiederum ein tolerantes Miteinander fördern und die soziale Verbundenheit verbessern kann. Für rangniedrigere Erdmännchen sind stabile Beziehungen zu den dominanten Tieren von entscheidender Bedeutung, und der stimmliche Austausch könnte ein Mechanismus sein, um dies zu erreichen.“Mit dieser Studie zur Funktion von Lauten zur Pflege sozialer Beziehungen, im Vergleich zu körperlichem Kontakt, liefert das Forschungsteam neue Hinweise darauf, dass stimmliche Kommunikation eine zentrale Rolle bei der sozialen Bindung bei vielen Arten spielt. Die Ergebnisse bieten neue Einblicke in die Art und Weise, wie Tiere sich in komplexen sozialen Systemen verhalten, wenn die Möglichkeiten zu physischen Interaktionen eingeschränkt sind.
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