Wie Jahreszeiten die Immunantwort gegen Gerinnungsfaktor VIII beeinflussen

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Die Jahreszeit beeinflusst die Reaktion dendritischer Zellen, wie eine aktuelle Studie zeigt. So reagierten Immunzellen von gesunden Blutspendenden im Frühling besonders stark auf eine Kombination aus Gerinnungsfaktor VIII und einem bakteriellen Gefahrensignal.

Das Wissen um solche Unterschiede könnte bei der Planung und Anpassung der Behandlung von Hämophilie A helfen, um das Risiko für Inhibitorbildung zu verringern. Das Team aus Forschenden des Paul-Ehrlich-Instituts hat seine Ergebnisse in „Research and Practice in Thrombosis and Haemostasis“ veröffentlicht.

Ergebnisse für die Behandlung der Hämophilie A relevant

„Unsere Forschung zeigt, dass die Immunzellen eines Menschen nicht zu jeder Jahreszeit gleich reagieren. Wir sehen erstmals klare saisonale Muster, die beispielsweise für die Behandlung von Blutern mit Faktor-VIII-Gerinnungsfaktoren relevant sein könnten,“ fasste Studienleiterin Prof. Zoe Waibler die Studienergebnisse zusammen.

In der aktuellen Untersuchung analysierten Forschende des Paul-Ehrlich-Instituts unter Leitung von Waibler, kommissarische Vizepräsidentin des Paul-Ehrlich-Instituts und Dr. Martina Anzaghe, Fachgebiet Forschung Immunologie des Paul-Ehrlich-Instituts, zwischen 2012 und 2023 gewonnene Blutspenden gesunder Personen. Dabei werteten die Forschenden insgesamt über 400 Blutproben aus und untersuchten, wie stark bestimmte Immunzellen auf die Kombination aus Faktor‑VIII‑Präparat und einem bakteriellen Gefahrensignal (Lipopolysaccharid, LPS) reagierten und welche Faktoren diese Reaktion beeinflussen.

Das überraschende Ergebnis: Die Stärke der Immunreaktion hing weder vom Geschlecht der spendenden Person noch vom Faktor-VIII-Präparat ab. Auch individuelle Unterschiede zwischen Spendenden traten nicht auf. Stattdessen war der Zeitpunkt der Blutspende entscheidend – und dieser korrelierte klar mit der Jahreszeit.

Was beeinflusst die Immunreaktion gegen Gerinnungsfaktor VIII

Besonders im Frühling reagierten die dendritischen Zellen stärker. Verantwortlich dafür war ein niedrigerer Ausgangswert des Oberflächenmoleküls CD86, das für die Kommunikation zwischen Immunzellen äußerst wichtig ist. Dieser Wert schwankte je nach Jahreszeit und korrelierte mit der Aktivierung der Zellen und der Ausschüttung von Zytokinen wie TNF-α. Teilweise wirkte sich dies auch auf die Aktivität der T-Helferzellen aus.

Die Forschenden vermuten, dass Faktoren wie Sonnenlicht, der Vitamin-D-Spiegel, saisonale Infekte und Pollenbelastung die Immunantwort gegen Faktor VIII beeinflussen. So ist bekannt, dass Vitamin D in den Sommermonaten am höchsten und im Winter sowie Frühjahr am niedrigsten ist – und dass es bestimmte Immunreaktionen dämpfen oder fördern kann.

Bedeutung für die Therapie: Risiko für Antikörperbildung verringern

Die Standardtherapie bei Hämophilie A besteht in der Gabe von Faktor-VIII-Präparaten. Diese könne entweder aus Blutplasma (plasmaderiviert) gewonnen oder gentechnisch hergestellt werden (rekombinant). Eine große Herausforderung dieser Therapie ist jedoch die Bildung von Antikörpern gegen Faktor VIII. Rund 25 bis 35 Prozent der Betroffenen mit schwerer Ausprägung der Bluterkrankheit entwickeln solche Inhibitoren. Auslöser sind oft bestimmte Situationen, in denen das Immunsystem besonders alarmiert ist, etwa in zeitlicher Nähe zu Operationen, Infektionen oder Impfungen.

Die Ergebnisse zeigen, dass die Bildung von Antikörpern gegen Faktor‑VIII‑Präparate ein komplexer Prozess ist, den viele Einflüsse bestimmen. Offenbar spielt auch die Jahreszeit eine Rolle, da Immunzellen je nach Saison unterschiedlich stark aktivierbar sind.

Solche Unterschiede könnten bei der Planung und Anpassung der Therapie von Hämophilie-A-Patienten helfen, um das Risiko für eine Antikörperbildung zu verringern. Künftig könnten möglicherweise auch der Vitamin‑D‑Spiegel und bestimmte Immunzellmarker Hinweise geben, wie sich die Behandlung individueller und wirksamer gestalten lässt.