Schmerz, Misstrauen, Fehldiagnose: Wie Rassismus die Gesundheitsversorgung beeinträchtigt24. März 2026 Symbolbild: ©New Africa/stock.adobe.com Forschende analysierten erstmals systematisch, wie Betroffene Rassismus im deutschen Gesundheitssystem erleben und was das für ihre Versorgung bedeutet. Ein Leitfaden gibt Handlungsempfehlungen für stationäre Gesundheitseinrichtungen. Rassistische Erfahrungen im Gesundheitswesen sind kein Einzelfall – das haben Forschende des Lehrstuhls für Versorgungsforschung der Universität Witten/Herdecke (UW/H) herausgefunden. Dafür haben sie rund 800 Beiträge auf verschiedenen Bewertungsplattformen wie jameda.de und klinikbewertungen.de sowie auf YouTube und TikTok analysiert. Die Posts wurden sowohl quantitativ nach häufig genannten Themen als auch qualitativ nach ihren Inhalten und emotionalen Erfahrungen ausgewertet. Die Untersuchung entstand im Zusammenhang mit dem vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) geförderten Projekt „Rassismus im Gesundheitswesen“ (RiGeV). Das Verbundprojekt zielt darauf ab, Rassismus im deutschen Gesundheitssystem aus verschiedenen Perspektiven zu untersuchen. Die Studienergebnisse wurden sowohl auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention (DGSMP) 2024 in Dresden vorgestellt als auch in Form eines Kapitels in dem im Dezember 2025 veröffentlichten Buch „Business Ethics in the Healthcare Industry“ (Springer; ISBN: 978-3-032-07648-9) publiziert. Laut Universität Witten/Herdecke sind weitere Veröffentlichungen geplant. Diskriminierung aufgrund von Sprache und Herkunft Den Ergebnissen zufolge berichteten Patientinnen und Patienten besonders häufig von Benachteiligungen aufgrund von Sprache und Herkunft. Demnach führten Verständigungsprobleme in einigen Fällen dazu, dass Beschwerden nicht ernst genommen oder falsch eingeschätzt wurden – mit Folgen für Diagnose und Behandlung. Weitere wiederkehrende Themen waren: rassistische Stereotype, die Behandlungsentscheidungen beeinflussten fehlende kulturelle Sensibilität im Umgang mit Patienten Misstrauen in das gesamte Gesundheitssystem als Folge der Diskriminierungserfahrungen Emotionale Berichte machen das Ausmaß sichtbar Auffällig war für die Forschenden die Intensität vieler Beiträge. Zwar war die Zahl der Posts und Kommentare zu Rassismus im Gesundheitswesen insgesamt geringer als bei anderen Gesundheitsthemen, wie zum Beispiel Krebsprävention oder die COVID-19-Pandemie – die veröffentlichten Erfahrungsberichte seien jedoch oft besonders ausführlich und emotional gewesen, erklären die Forschenden. „Die Menschen schildern ihre Erfahrungen sehr detailliert – offenbar auch, weil sie sonst kaum Gehör finden“, sagt Dr. Tuğba Aksakal, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Versorgungsforschung. „Diese Berichte zeigen auch, wie stark Diskriminierung das Vertrauen in das Gesundheitssystem erschüttern kann.“ Mehr Diversität und klare Antidiskriminierungsstrukturen nötig Die Studie zeigt außerdem, dass Diskriminierung nicht nur auf persönlicher Ebene stattfindet. Auch institutionelle und strukturelle Faktoren spielen eine Rolle – etwa wenn Patientinnen und Patienten wegen fehlender Dolmetschangebote wichtige Informationen nicht verstehen, wenn Formulare und Aufklärungsbögen nur auf Deutsch vorliegen oder wenn kulturelle Unterschiede im medizinischen Alltag wenig berücksichtigt werden. Solche Strukturen können dazu führen, dass Menschen schlechter informiert sind und dadurch benachteiligt werden. Aus den Ergebnissen leiten die Forschenden mehrere Empfehlungen ab: verpflichtende Trainings zu interkultureller Kompetenz für Gesundheitsberufe transparente Antidiskriminierungsrichtlinien und Beschwerdeverfahren mehr Diversität in Führungspositionen im Gesundheitswesen. Diese Maßnahmen könnten dazu beitragen, Vorurteile abzubauen und die Versorgung für alle Patientinnen und Patienten zu verbessern. Zum Abbau von Rassismus in der Gesundheitsversorgung wurden von dem Verbundprojekt RiGeV Handlungsempfehlungen entwickelt. Sie basieren auf den Ergebnissen aller Teilprojekte und richten sich insbesondere an Leitungskräfte und Verantwortliche in Einrichtungen der stationären Gesundheitsversorgung.
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