Wirkweise von Psilocybin bei Depression geklärt

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Die natürlich in Pilzen vorkommende psychedelisch wirkendende Substanz Psilocybin scheint bei Personen mit behandlungsresistenten Depressionen die funktionale Konnektivität von Netzwerken im Gehirn zu erhöhen. Zu diesem Schluss kommt ein Team um den britischen Psychologen und Neurowissenschaftler Robin Carhart-Harris aus London. 

Psychedelika sind halluzinogen wirksame psychotrope Substanzen, die in höheren Dosierungen einen psychedelischen Rauschzustand auslösen können und deshalb als Freizeitdrogen verwendet werden. Ihre therapeutische Wirkung wurde bereits in einigen Studien zur Therapie von Depression, Zwangsstörungen, Suchterkrankungen und anderen psychiatrischen Erkrankungen untersucht. Diese Untersuchungen weisen darauf hin, dass die Behandlung wirksam und sicher ist, wenn der Einsatz der Psychedelika medizinisch und psychotherapeutisch begleitet wird.

Herkömmliche Antidepressiva müssen über einen längeren Zeitraum regelmäßig eingenommen werden, um die depressiven Symptome zu lindern. Bei einer psychedelischen Therapie hingegen scheint schon die Einnahme weniger Dosen der Substanz bleibende Veränderungen im Gehirn und eine Linderung der Symptome zu bewirken. Manche Forschende argumentieren, dass die besondere Erfahrung bei einer psychedelischen Behandlung den Patienten ermöglicht, festgefahrene Denkmuster aufzubrechen und so eine emotionale Befreiung entsteht.

Um den Mechanismus von Psilocybin im Gehirn zu verstehen, analysierten die britischen Forschenden Magnetresonanzbilder der Gehirne von Probanden in zwei unabhängigen klinischen Studien zur Wirkung von Psilocybin. Sie stellten fest, dass die positive Wirkung von Psilocybin auf die Linderung depressiver Symptome mit einer Zunahme der funktionalen Konnektivität zwischen den Netzwerken des Gehirns korrelierte. Diese Veränderungen wurden bei Patienten, die als Kontrolle das Antidepressivum Escitalopram erhielten, nicht beobachtet.

Anderer Wirkmechanismus als bei klassischen Antidepressiva

„Die erhöhte funktionelle Verbindung könnte einer beschriebenen subjektiven erhöhten Flexibilität und emotionaler Entspannung entsprechen. Zu bemerken ist, dass auch die akute subjektive angenehme Wirkung von Psilocybin sehr gut mit dem therapeutischen Effekt korreliert. Man könnte also genauso gut die Patienten mittels Fragebogen befragen, wie das Erlebnis war, und das als Marker für die Therapieantwort verwenden. Das fMRI (funktionale Magnetresonanztomographie-Bildgebung; Anm. d. Red.) zeigt aber durchaus Mechanismen auf, welche für Psilocybin typisch sein könnten. So wurden die beschriebenen erhöhten funktionellen Verbindungen nur nach Behandlung mit Psilocybin und nicht nach einer Behandlung mit dem klassischen Antidepressivum Escitalopram gefunden. Psilocybin wirkt also anders als ein klassisches Antidepressivum. Zudem wirkte es auch stärker antidepressiv als Escitalopram“, sagte Dr. Matthias Liechti, Professor für klinische Pharmakologie am Universitätsspital Basel, Schweiz, der nicht an der Studie beteiligt war.

Bisherige klinische Studien haben den Effekt von Psilocybin an kleinen Stichproben und oft ohne eine geeignete Placebo-Kontrolle untersucht. „Neu ist also nur die Beschreibung der Bildgebungsdaten und ihre Verbindung mit dem therapeutischen Effekt. Leider fehlt eine Analyse zur Korrelation zwischen akuter Wirkung und anhaltender Wirkung von Psilocybin und auch eine Analyse der Korrelation zwischen akuter subjektiver Wirkung und der Bildgebung. Denkbar ist, wie schon erwähnt, dass die Bildgebung wenig Zusatznutzen bringt und schon die subjektive Akutwirkung den Langzeiteffekt vorhersagen kann. Auch ist nach wie vor nicht klar, was die erhöhte funktionelle Verbindung nach der Einnahme von Psilocybin genau bedeutet oder reflektiert. So wurde in anderen Studien gezeigt, dass ähnliche Veränderungen auch durch andere serotonerge Substanzen ausgelöst werden können und möglicherweise nicht spezifisch für Psychedelika sind. Wichtig ist die Erkenntnis, dass Psilocybin möglicherwiese spezielle Aspekte einer Depression – zum Beispiel kognitive Probleme – besser behandelt als ein Antidepressivum. Zukünftige Studien müssen nun die klinische Wirkung mit Kontrollgruppen und auch bei verschiedenen Störungsbildern weiter bestätigen”, schätzt Liechti die Bedeutung der Studienergebnisse ein.

Biomarker für Vorhersage der Response fehlt bislang

Der Nachweis, dass die Behandlung mit Psilocybin Veränderungen in der Informationsverarbeitung im Gehirn – gemessen als funktionale Konnektivität – herbeiführt, die mit einer Reduktion der Symptome einhergehen, ist auch nach Einschätzung von PD Dr. Katrin Preller, Leiterin der Arbeitsgruppe Pharmaco-Neuroimaging and Cognitive-Emotional Processing am Institut für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik der Universität Zürich, Schweiz, von besonderem Interesse. „Allerdings bleiben trotzdem noch wichtige Fragen offen: Erstens lassen sich die Veränderungen, die in diesem Paper gezeigt wurden, nicht vor der Behandlung vorhersagen. Es wäre jedoch wichtig, einen Biomarker zu entwickeln, der schon vor der Behandlung darauf schließen lässt, ob ein Patient von der Therapie profitieren kann oder nicht”, sagte Preller.

Darüber hinaus sei keine signifikante Interaktion zwischen der Psilocybin- und der Kontrollgruppe gezeigt worden. Es seien daher weitere Studien notwendig, die aktive und passive Placebogruppen einschließen. Damit Psychedelika in der Therapie von Depressionen zugelassen werden können, fehlen daher noch größere Phase-III-Studien, die die Wirksamkeit überprüfen.

In Deutschland läuft gerade eine erste größere klinische Phase-II-Studie mit 144 depressiven Probanden (EPIsoDE Studie).