WPA 2017: Psychiatrieforschung goes future

Führende Wissenschaftler stellen auf dem Weltkongress der Psychiatrie in Berlin zukunftsweisende Forschungsansätze vor, von welchen Patienten schon bald profitieren könnten. Allerdings fordert die DGPPN ein Umdenken in der psychiatrischen Forschungsförderung.

In Berlin tagt derzeit die internationale Forscherszene auf dem Gebiet der psychischen Erkrankungen. Dabei stellen Wissenschaftler aus mehr als 120 Nationen neue Ansätze für die Prävention, Diagnostik und Therapie vor, die schon bald den Weg in die psychiatrischen Praxen und Kliniken in Deutschland finden könnten. „Hochmodernde Forschungsmethoden erlauben einen ganz neuen Blick auf psychische Erkrankungen. Wir stehen heute an der Schwelle zum Durchbruch, um die Ursachen und Mechanismen richtig zu verstehen – und um daraus effektive Therapien zu entwickeln“, sagte DGPPN-Vorstandsmitglied Professor Andreas Meyer-Lindenberg aus Mannheim.

So verfolgen beispielsweise Wissenschaftler mithilfe hochpräziser Bildgebungsverfahren winzige Mengen radioaktiv markierter Moleküle im Körper und sehen dabei, welche neurochemischen Veränderungen der Erkrankung zugrunde liegen und wie sie sich auf die Hirnfunktion auswirken. Diese Einblicke sind fundamental, um gezielt neue Angriffspunkte für Wirkstoffe auszumachen und direkt festzustellen, ob und wie sie wirken.

Genauso zukunftsträchtig sind die Entwicklungen auf dem Gebiet der Bioinformatik und der künstlichen Intelligenz. „Selbsttrainierende Algorithmen spüren in den enormen Mengen an Forschungs- und Untersuchungsdaten Muster auf, die sich für passgenaue Therapien nutzen lassen. Schon jetzt bringen wir für eine einzige Person über zehn Millionen genetische Varianten mit Umwelteinflüssen sowie klinischen und Bildgebungsdaten zusammen. Dieser Big-Data Ansatz hat das Potenzial, unser Verständnis von psychischen Erkrankungen von Grund auf zu verändern“, erklärte Meyer-Lindenberg.

Doch auch außerhalb des Labors bieten sich nach Ansicht der DGPPN durch Datenanalyse neue Chancen – zum Beispiel durch die Tatsache, dass inzwischen nahezu jeder einen Hochleistungscomputer in Form eines Mobiltelefons in der Tasche hat. So gibt es bereits Befunde, die nahelegen, dass sich Demenzen früh aus den Bewegungsmustern von Versuchsteilnehmern erkennen lassen oder dass sich eine neu beginnende manische Episode in einer Zunahme der Aktivität an SMS und Telefonanrufen zeigt.

Ein vielversprechendes Verfahren haben die Wissenschaftler auch im Bereich der Stammzellenforschung in petto: Aus Blutproben oder Haaren von Patienten können sie Nervenzellen züchten. Anschließend reprogrammieren sie diese und versetzen sie in den embryonalen Zustand zurück. Das erlaubt es ihnen, genetische Veränderungen bei bestimmten psychischen Erkrankungen wie etwa Schizophrenie und ADHS zu untersuchen. In einem nächsten Schritt sollen so Wirkstoffe entwickelt werden, die dem Erkrankungsprofil optimal entsprechen.

Doch bis es soweit ist, braucht es Jahre intensiver und kontinuierlicher Forschung. In Deutschland haben sich hierfür leistungsfähige Forschungsnetzwerke gebildet, die durch den Bund gefördert werden. Das Problem dabei: Mit Auslaufen der Förderung verschwinden die durch die Netzwerke erarbeiteten Kompetenzen und Strukturen wieder und müssen bei einer neuen Förderung erst mühsam wieder aufgebaut werden.

Aus Sicht der DGPPN ist deshalb ein Umdenken in der psychiatrischen Forschungsförderung unverzichtbar. „Die passende Lösung steht auch schon bereit: Mit den Deutschen Zentren für Gesundheitsforschung (DZG) hat die Politik schon vor Jahren ein Instrument geschaffen, das sich auch zur strukturellen Förderung im Bereich der psychischen Gesundheit eignet. Für uns ist es unverständlich, warum die Psychiatrie und Psychotherapie in der gegenwärtigen Förderperiode nicht zu den Themenfeldern gehören. Deshalb muss die neue Bundesregierung hier unbedingt eine Kurskorrektur vornehmen und ein Deutsches Zentrum für psychische Erkrankungen (DZP) als kompetitiv ausgeschriebene, vernetzte Struktur mehrerer Standorte einrichten“, forderte Meyer-Lindenberg.

Quelle
Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN)
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