Zusammenhang zwischen sozioökonomischen Faktoren und Krebsinzidenz

Die altersstandardisierte Inzidenz für Krebs gesamt nimmt in allen Deprivationsgruppen über die Zeit ab. Der Rückgang fällt jedoch in stärker deprivierten Regionen geringer aus, sodass die Ungleichheiten mit dem Alter zunehmen. (Bild: © sorapop/stock.adobe.com)

Sozioökonomische Ungleichheit beeinflusst die Krebsinzidenz deutlich. Eine Analyse aus dem Jahr 2023 zeigt wachsende Unterschiede zwischen stärker und weniger deprivierten Regionen – mit deutlichen Krebsart- und Geschlechtsunterschieden.

von Dr. Lina Jansen

Soziale Ungleichheiten zeigen sich deutlich in der Krebsinzidenz. Armut wirkt dabei als zentraler, aber konzeptionell komplexer Risikofaktor. Während Armut häufig als relativer Einkommensschwellenwert definiert wird, nutzen Studien zur Quantifizierung gesundheitlicher Ungleichheiten vor allem den individuellen sozioökonomischen Status oder gebietsbasierte Deprivationsindizes. Letztere erfassen regionale soziale Benachteiligung anhand von amtlichen Statistiken auf Kreis- oder Gemeindeebene. Aufgrund der eingeschränkten Datenverfügbarkeit basieren die Auswertungen zur Krebsinzidenz meist auf Deprivationsindizes. Allerdings ist zu beachten, dass sich aus gebietsbasierten Analysen nicht direkt individuelle Zusammenhänge ableiten lassen (ökologischer Fehlschluss)1. Beide Ansätze sind jedoch essenziell, um Ungleichheiten möglichst breit abbilden zu können.

Der Zusammenhang zwischen sozioökonomischen Faktoren und Krebsinzidenz wird durch Unterschiede in Risikofaktoren und Screeningnutzung vermittelt. In der GEDA-Studie 2019/2020 war ein niedrigerer Bildungsstand mit einer höheren Rauchprävalenz, häufigerer körperlicher Inaktivität, Übergewicht und einem geringeren Verzehr von Gemüse und Obst assoziiert2. Eine Studie auf Basis des European Health Interview Surveys 2013-2015 zeigte einen starken Zusammenhang zwischen individuellem Einkommen und Bildung mit der Inanspruchnahme von Mammographie-, Darmkrebs- und Gebärmutterhalskrebs-Screening3.

Sozioökonomische Unterschiede in der Krebsinzidenz steigen mit dem Alter

Mittlerweile liegen zahlreiche Studien zu Zusammenhängen zwischen Krebsinzidenz und sowohl individuellen sozioökonomischen Faktoren als auch gebietsbasierter Deprivation vor4-6. Die Richtung des Zusammenhangs ist dabei von der betrachteten Krebsart abhängig. Im Folgenden wird die Studie von Jansen et al. (2023) vorgestellt, die die Entwicklung des Zusammenhangs zwischen gebietsbasierter Deprivation und der altersstandardisierten Krebsinzidenz in acht Bundesländern im Zeitraum 2007-2018 für Krebs gesamt sowie die vier häufigsten Krebsarten einzeln untersuchte.

Anhand der deutschlandweiten Quintile des German Index of Multiple Deprivation7 wurden die Kreise in fünf Deprivationsgruppen eingeteilt. Die Studie zeigte, dass die altersstandardisierte Inzidenz für Krebs gesamt in allen Deprivationsgruppen über die Zeit abnahm. Der Rückgang fiel jedoch in stärker deprivierten Regionen geringer aus, sodass die Ungleichheiten zunahmen. Während die Krebsinzidenz in Regionen mit höchster im Vergleich zu geringster Deprivation im Jahr 2007 noch um sieben Prozent höher lag, stieg der Unterschied bis 2018 bei Männern auf 23 Prozent und bei Frauen auf 20 Prozent. Krebsartspezifisch zeigten sich bei Männern und Frauen eine um 18 Prozent bzw. 21 Prozent höhere Darmkrebsinzidenz sowie eine um 82 Prozent bzw. 88 Prozent höhere Lungenkrebsinzidenz in den am stärksten deprivierten Regionen. Für Prostata- und Brustkrebs ergab sich kein signifikanter Zusammenhang.

Geschlechtsspezifischer Effekt während der Pandemiejahre

In einem Update der Studie mit Daten bis zum Diagnosejahr 2022 wurde ein geschlechtsspezifischer Effekt während der Pandemiejahre ersichtlich: Von 2019 auf 2020 sank die Krebsinzidenz bei Männern in stärker deprivierten Regionen deutlicher, wodurch sich die Ungleichheiten verringerten (Abb. 1A). Diese Veränderungen zeigten sich insbesondere bei Darm- und Prostatakrebs. Beim Prostatakrebs kehrte sich der Zusammenhang schließlich um, sodass im Jahr 2022 die Inzidenz mit zunehmender Deprivation abnahm. Für Lungenkrebs bei Männern und generell bei Frauen (Abb. 1B) waren diese Effekte nicht zu beobachten.

Insgesamt zeigte sich im Jahr 2022 weiterhin eine erhöhte Krebsinzidenz in Regionen mit höchster Deprivation (Krebs gesamt: Männer +12%, Frauen +8%; Abb. 1C). Der Zusammenhang war für Lungenkrebs am stärksten (Männer +108%, Frauen +97%), zeigte sich aber auch für Darmkrebs (Männer +18%, Frauen +21%) und Brustkrebs (+6%) signifikant. Beim Prostatakrebs lag die Inzidenz in Regionen mit höchster Deprivation um zwölf Prozent niedriger.

Abb. 1: A) Altersstandardisierte Inzidenz von Krebs gesamt bei Männern in den Jahren 2015 bis 2022 nach Deprivationsquintil. B) Altersstandardisierte Inzidenz von Krebs gesamt bei Frauen in den Jahren 2015 bis 2022 nach Deprivationsquintil. C) Inzidenzratenverhältnis zwischen dem am stärksten (Q5) und dem am wenigsten deprivierten Quintil (Q1) in den Jahren 2019 und 2022 für Krebs gesamt, Darm-, Lungen-, Prostata- und Brustkrebs nach Geschlecht (M = Männer, F = Frauen)

Diese Entwicklungen erfordern eine weiterführende Untersuchung der zugrundeliegenden Mechanismen. Insbesondere wäre eine Analyse unter Einbezug weiterer Krebsregister wünschenswert, da dies die derzeitige Dominanz einzelner Bundesländer in den Deprivationsquintilen reduzieren und eine bessere Trennung von bundeslandspezifischen und Deprivationseffekten ermöglichen würde.

Fazit

Zusammenfassend belegen die Ergebnisse konsistent einen substanziellen Zusammenhang zwischen sozioökonomischen Faktoren und der Krebsinzidenz. Um diese Ungleichheiten adäquat zu erfassen und gezielt adressieren zu können, ist eine verbesserte Datengrundlage unerlässlich, insbesondere durch die systematische Verknüpfung sozioökonomischer Individualdaten mit Krebsregisterdaten. Darüber hinaus sollten messbare Equity-Ziele verbindlich im Nationalen Krebsplan verankert werden. Die Reduktion sozial bedingter Krebsungleichheiten erfordert eine konsequente intersektorale Zusammenarbeit zwischen Gesundheitswesen, Sozialpolitik, Kommunen und weiteren gesellschaftlichen Akteuren.

Highlight-Sitzung „Krebserkrankungen in unterrepräsentierten Gruppen
Freitag, 20.02. 09:15 bis 10:30 Uhr, Raum A5


Dr. Lina Jansen ist Wissenschaftlerin am Deutschen Krebsforschungszentrum. Bereits 2014 gewann sie den Wissenschaftspreis „Regionale Gesundheitsversorgung“ des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi) für ihre Studie über Zusammenhänge zwischen sozioökonomischen Bedingungen am Wohnort und Krebsüberleben in Deutschland.

Referenzen

1. Lancaster G et al. Deprivation, Ill-Health and the Ecological Fallacy. Journal of the Royal Statistical Society Series A: Statistics in Society. 2002;165(2):263-78.

2. Richter A et al. Health-promoting behaviour among adults in Germany – Results from GEDA 2019/2020-EHIS. J Health Monit. 2021;6(3):26-44.

3. Bozhar H et al. Socio-economic inequality of utilization of cancer testing in Europe: A cross-sectional study. Prev Med Rep. 2022;26:101733.

4. Jansen L et al. Trends in cancer incidence by socioeconomic deprivation in Germany in 2007 to 2018: An ecological registry-based study. Int J Cancer. 2023;153(10):1784-96.

5. Brinkwirth S et al. Individual- and area-level socioeconomic inequalities in cancer incidence in the working-age population – a cohort study based on German statutory health insurance data, 2015 to 2019. BMC Public Health. 2025;26(1):119.

6. Tetzlaff F et al. Widening socioeconomic inequalities in cancer incidence and related potential to reduce cancer between 2008 and 2019 in Germany. Sci Rep. 2025;15(1):32232.

7. Maier W. [Indices of Multiple Deprivation for the analysis of regional health disparities in Germany : Experiences from epidemiology and healthcare research]. Bundesgesundheitsblatt Gesundheitsforschung Gesundheitsschutz. 2017;60(12):1403-12.