“Zwei-Klassen-Medizin für alle?”

Stephan-Odenthal
Michael Stephan-Odental. Foto: Uro-GmbH

Die SPD-Mitglieder haben der Großen Koalition zugestimmt, und Jens Spahn (CDU) soll neuer Bundesgesundheitsminister werden. Die Diskussion um die Systemfrage dürfte damit trotzdem nicht vorbei sein, befürchten offenbar die niedergelassenen Urologen des Netzwerks Uro-GmbH Nordrhein und kritisieren kurz vor der Regierungsbildung noch einmal die Wahlkampfforderungen der SPD.

“Warum stellt eigentlich niemand die Forderung der SPD nach dem ‘Ende der Zwei-Klassen-Medizin’ infrage?”, heißt es in einer verspätet wirkenden Pressemitteilung der Uro-GmbH- dabei hat es sogar eine ganze Flut von Statements und Mitteilungen verschiedener Ärzteverbände gegeben (wir berichteten). Jetzt erklären die Urologen aus Nordrein, sie sähen “die im Bundestagswahlkampf gestellte Forderung nach einer Bürgerversicherung in erster Linie als populistisches Thema”.

Gefühlte und tatsächliche Unterschiede

Der Begriff Zwei-Klassen-Medizin unterstelle, dass es im deutschen Gesundheitssystem zwei grundsätzlich unterschiedliche Klassen von Patienten, die PKV- und GKV-Patienten, gebe. Es werde vor allem suggeriert, dass die Patienten entsprechend ihrer Klassenzugehörigkeit unterschiedlich und die 1. Klasse der PKV-Versicherten deutlich besser als die 2. Klasse der GKV-Versicherten behandelt werde, analysiert die Uro-GmbH. „Diese Unterstellung ist jedoch völlig falsch“, meint der ärztliche Geschäftsführer der Uro-GmbH, Dr. Michael Stephan-Odenthal. „Die Erkrankungen von Patienten machen keine Unterschiede zwischen PKV und GKV und die wissenschaftlichen Leitlinien zur Behandlung dieser Erkrankungen übrigens auch nicht. Die Medikamente, die Untersuchungen, die OP-Technik, die Hilfsmittel und Anderes werden für alle Patienten gleichermaßen eingesetzt.“

Als tatsächliche Unterschiede benennt er jedoch, dass bei GKV-Patienten der Arzt nicht das Medikament, sondern nur noch den Wirkstoff bestimmen könne. Das Medikament würde von den gesetzlichen Krankenkassen bestimmt, und diese würden dazu völlig intransparent Rabattverträge abschließen. Gleiches geschehe mit Hilfsmitteln. „Bei GKV-Patienten bestimmt zudem nicht der Arzt, ob eine Untersuchung oder Behandlung von der Kasse übernommen wird, sondern allein das politische Gremium Gemeinsamer Bundesausschuss (G-BA).“ Der G-BA ließe sich dabei von einem eigens dazu gegründeten Institut (IQWiG) beraten, indem aber nur Ärzte tätig seien, die selbst keine Patienten behandelten.

Budgetierung als Ungleichheitsfaktor

Poltisch bestimmt und vor allem budgetiert seien auch die Honorare, die ein Arzt für die Behandlung von GKV-Patienten bekomme. All dies gelte bei PKV-Patienten nicht. „Wenn man also von Zwei-Klassen-Medizin sprechen möchte, dann gilt dies in erster Linie für ein freies System der PKV (1. Klasse) und ein politisch völlig überreguliertes und einschränkendes System der GKV (2. Klasse)“, verdeutlich Stephan-Odenthal die Meinung der Urologen. „Dafür verantwortlich sind aber nicht Ärzte und Therapeuten, sondern die Politik der letzten 20 Jahre.“ Die Uro-GmbH kritisiert, dass die Honorarschere zwischen PKV und GKV seit der Einführung der Budgets in den 90er-Jahren im GKV-Bereich immer weiter auseinanderklaffe. Vor dem Hintergrund, dass in einer überalternden Bevölkerung immer mehr Leistungen nachgefragt würden und mit der modernen Medizin immer mehr erreicht werden könne, werde unter Budgetbedingungen die einzelne Leistung im GKV-Bereich eben immer weniger wert.

Furcht vor Regulierung im PKV-Bereich

Dieser Prozess sei laut Uro-GmbH Nordrhein so weit fortgeschritten, dass von therapeutischer Seite viele Leistungen in der GKV nicht mehr kostendeckend erbracht werden könnten. Die einzig logische Konsequenz zu einer Angleichung wäre deshalb, vor allem die Budgets im GKV-Bereich aufzuheben. “Daran glauben mag unter den Urologen aber niemand”, heißt es abschließend in der Uro-GmbH-Mitteilung. Stattdessen sei eher damit zu rechnen, dass die Regulierungen im PKV-Bereich zunehmen werden und die Systeme angeglichen werden. “Dies führt dann jedoch zu einer erheblichen Einschränkung der Leistungserbringung für alle Patienten. Aber immerhin dann für alle klassenlos gleich! Ob die Patienten respektive Wähler das wollen?”

(Uro-GmbH/ms)