Zwischen Kittel und Klausuren – mein Weg in die Medizin12. November 2025 Eine Kolumne von Fine Lammert Wieso trotz Ärztemangel die mehr oder weniger erfolgreichen Gedichtinterpretationen aus der Oberstufe ausschlaggebend für das Medizinstudium sein können … Ein Medizinstudium – Viele träumen davon, doch nicht für alle ist ein geradliniger Weg möglich. Während manche von klein auf wissen, dass sie Ärztin oder Arzt werden wollen – sei es, weil sie durch ihre Eltern früh mit dem Beruf in Berührung kamen oder weil sie eine große Begeisterung für die Medizin verspürten, ist der Weg für andere weniger vorhersehbar. Auch bei mir war das anders. Ich wusste zwar immer, dass ich mit Menschen arbeiten möchte, aber die Medizin hatte ich für mich eigentlich ausgeschlossen. Zum einen erschien es mir aussichtslos, einen Abiturschnitt von 1,0 zu erreichen (den ich dann doch unverhofft mit einem Schnitt von 1,1 fast erreicht habe) – von dem ich annahm, dass er zwingend erforderlich sei –, und zum anderen hatte mich der Beruf nie wirklich angesprochen. Man muss sich schließlich auch erst darüber klar werden, ob man die Herausforderungen des Studiums und des späteren Berufslebens auf sich nehmen möchte. Ein Medizinstudium ist extrem zeit- und lernintensiv und dauert mindestens sechs Jahre. Im Beruf folgen dann häufig Schichtdienste, schwierige Arbeitsbedingungen und enormer Druck – nicht zuletzt aufgrund des starken Ärztemangels. Dies fand ich persönlich sehr abschreckend und das ist es auch immer noch, doch mittlerweile überwiegt definitiv meine Begeisterung. Doch ein Gespräch mit zwei Medizinstudentinnen und eine Vorlesung im Rahmen einer Berufsorientierungswoche in der Schule ließen mich plötzlich Gefallen an der Idee finden, Medizin zu studieren. Nach meinem Abitur begann die eigentliche Vorbereitung auf das Studium. Mir war klar, dass ich den TMS (Test für medizinische Studiengänge) absolvieren musste. Dieser besteht aus acht Untertests, die das Verständnis für naturwissenschaftliche und medizinische Problemstellungen prüfen sollen. Zwar ist dafür kein spezifisches Fachwissen erforderlich, doch eine gründliche Vorbereitung zahlt sich aus. Ich arbeitete mit Übungsbüchern und besuchte zusätzlich noch einen Vorbereitungskurs mit mathematischem Schwerpunkt, was mir persönlich das strategische Herangehen an die verschiedenen Aufgaben näher brachte und die mathematischen Fähigkeiten aus der Schule auffrischte. Des Weiteren halte ich es für wichtig, gegen Ende der Vorbereitung einige Prüfungssimulationen durchzuführen, da der Test inklusive einer Stunde Pause über sechs Stunden dauert, was eine Konzentrationsspanne bedeutet, die man so wahrscheinlich nicht gewohnt ist. Letztlich reichte meine Abiturnote in Kombination mit meinem TMS-Ergebnis sogar für Studienplätze in verschiedenen Städten aus, sodass ich mir die Universität aussuchen konnte. Ich bin über die AdH-Quote (Auswahl nach Hochschulquote), bei der sowohl das Abitur als auch der TMS, je nach Gewichtung der jeweiligen Hochschule, unterschiedlich viel zählen, an der Universität Münster angenommen worden. Manche Universitäten berücksichtigen zusätzlich ein freiwilliges soziales Jahr, eine abgeschlossene Berufsausbildung oder Auswahlgespräche. Neben der AdH-Quote gibt es bei Hochschulstart, dem Portal zur deutschlandweiten Studienvergabe, noch die Abiturbestenquote (über die 30 % der Studienplätze vergeben werden) und die zusätzliche Eignungsquote (10 %), bei der die Abiturnote eine geringere Rolle spielt. Dieses Zulassungssystem hat jedoch seine Tücken: Manche Abiturienten und Abiturientinnen mit einem Schnitt von 1,0 fühlen sich geradezu verpflichtet, Medizin zu studieren – auch ohne große Begeisterung für den Beruf. Ganz nach dem Motto: Wenn man schon so ein gutes Abitur hat, dann muss man das ja auch ausnutzen. Gleichzeitig gibt es viele hochmotivierte Bewerber und Bewerberinnen, die aufgrund ihrer Schulnoten keinen Platz bekommen. Dabei sagen Fächer wie Religion, Deutsch, Musik oder Sport doch wohl nichts darüber aus, ob jemand später eine gute Ärztin oder ein guter Arzt wird. Man kann noch so ausführliche Gedichts- und Sachtextanalysen schreiben, hervorragend Geige spielen oder den schnellsten 100-Meter-Lauf des Kurses haben- zuverlässigere Diagnosen stellen oder chirurgisches Geschick kann man dadurch aber nicht besser erlernen! Eine der wichtigsten Eigenschaften von Ärzten und Ärztinnen ist meiner Meinung nach außerdem die soziale Kompetenz für empathischen Patientenumgang, was sich wiederum gar nicht in den Schulnoten widerspiegelt. Zusätzliche Auswahlgespräche und –tests, wie es sie an manchen Unis auch schon gibt, halte ich daher für sehr sinnvoll. Bereits vor Studienbeginn hatte ich gelesen, dass Medizinstudenten und -studentinnen im vorklinischen Abschnitt ein insgesamt dreimonatiges Pflegepraktikum absolvieren müssen. Von vielen Seiten bekam ich den Rat, dieses schon vor Beginn des Studiums abzuschließen, um in den kommenden Semesterferien mehr freie Zeit zu haben. Das Praktikum kann in drei Abschnitte à mindestens einem Monat unterteilt werden. Ich entschied mich für drei verschiedene Stationen in zwei Krankenhäusern. So konnte ich möglichst viele Einblicke gewinnen – wobei ich den dritten Monat letztlich aus organisatorischen Gründen auf der gleichen Station wie den zweiten verbrachte. Den ersten Monat meines Pflegepraktikums arbeitete ich auf einer Station der Geburtshilfe und operativen Gynäkologie. Hier habe ich allerlei praktische Erfahrungen sammeln können und viele besondere Momente miterleben dürfen: die Dankbarkeit, aber auch Erschöpfung oder Sorge der frischgebackenen Mütter, das erste Kennenlernen zwischen Eltern und Kind und sogar zwei Geburten im Kreißsaal. Den Händedruck einer werdenden Mutter während der Wehen werde ich nie vergessen – genauso wenig wie die Dankeskarte, in der ich namentlich erwähnt wurde. Die beiden weiteren Monate verbrachte ich auf einer Kinderstation für Endokrinologie, Diabetologie, Neuropädiatrie und Stoffwechselerkrankungen. Die Arbeit mit den Kindern machte mir besonders viel Freude. Wo viele erwachsene Patienten aufgrund ihrer Sorge verständlicherweise nur schwierig zu beruhigen sind, freuen sich die jungen Patienten zum Beispiel schon über die Teddybären oder Dinos auf ihrem Pflaster. Manche Kinder stellen sich auch vor, sie wären ein Superheld, um ihre Angst zu überspielen, wenn z.B. ein Zugang gezogen werden musste. Natürlich geht es dabei den Kindern nicht immer gut, doch ihre manchmal so erfrischende Art hat den Klinikalltag in den beiden Monaten für mich auf jeden Fall das ein oder andere Mal aufgehellt. Viele Patienten und Patientinnen kamen auf dieser Station aufgrund chronischer Erkrankungen regelmäßig, wodurch die Pflegenden eine enge Beziehung zu ihnen hatten. Bei beiden Stationen hatte ich sehr viel Glück und habe von den ausgebildeten Pflegekräften sehr viel gezeigt, erklärt und beigebracht bekommen, was mich in meinem Berufswunsch und meiner Motivation für das Studium weiter bestärkte. Besonders nach den ersten Wochen, als ich mich eingelebt hatte, konnte ich immer mehr mithelfen – und genau das machte die Arbeit noch spannender. Das Pflegepraktikum hat mir nicht nur praktische Erfahrungen vermittelt, sondern auch meinen Respekt für den Pflegeberuf gestärkt. Ärzte und Ärztinnen, sowie Pflegekräfte arbeiten eng zusammen – umso wichtiger ist es, ein Verständnis für die Herausforderungen der jeweils anderen Berufsgruppe zu entwickeln. Und so verging die Zeit zwischen Abitur und Studium schneller als gedacht. Jetzt stecke ich schon mittendrin – und bin froh, dass ich diesen Weg eingeschlagen habe, auch wenn ich mich dafür in der Oberstufe bei der ein oder anderen Gedichtinterpretation etwas mehr ins Zeug legen musste. Wie ich schnell eine WG in der neuen Stadt gefunden habe und wann ich begriffen habe, warum es sich bei manchen Dozenten und Dozentinnen doch eher weniger lohnt zu der Vorlesung hinzugehen, lest ihr beim nächsten Teil.