100 Jahre Gesellschaft für Säugetierkunde: Von der Feldbeobachtung zur Genomanalyse11. September 2026 (Symbolbild) Foto: © Massimo Parisi – stock.adobe.com In den vergangenen 100 Jahren hat sich die Säugetierkunde grundlegend gewandelt. So ist aus einer vorwiegend beschreibenden eine hochmoderne interdisziplinäre Forschung geworden, deren Erkenntnisse entscheidende Impulse für Natur- und Artenschutz liefern. Vieles von dem, was heute zum Grundwissen der Biologie gehört, war zum Gründungszeitpunkt der Deutschen Gesellschaft für Säugetierkunde (DGS) noch weitgehend unbekannt. Folglich hatte man noch keine Vorstellung davon, wie Fledermäuse mithilfe von Ultraschall navigieren oder Wölfe ihre Rudel organisieren. Als die Deutsche Gesellschaft für Säugetierkunde (DGS) im März 1926 im Berliner Museum für Naturkunde (MfN) gegründet wurde, gab es noch keine ganzheitliche Erforschung wildlebender Säugetiere. Heute zählt die DGS zu den ältesten wissenschaftlichen Fachgesellschaften ihres Gebiets weltweit. Sie blickt auf ein Jahrhundert zurück, das unser Verständnis von Säugetieren grundlegend verändert hat. Anlässlich der 100 Jahre zurückliegenden Gründung der Gesellschaft findet die alljährlich stattfindende Konferenz der DGS in diesem Jahr an ihrem Gründungsort statt. Sie wird gemeinsam ausgerichtet vom Berliner Museum für Naturkunde und dem Berliner Leibniz-Institut für Zoo und Wildtierforschung (IZW). Vorfreude auf die Jubiläumskonferenz Die Jubiläumskonferenz erregt mit über 140 Anmeldungen und mehr als 90 Beiträgen von Säugetierforschenden aus mehr als 20 Nationen außerordentliches Interesse in aller Welt. Doch nicht nur deshalb verspricht sie ein überragendes Ereignis zu werden, gipfelnd in einem Konferenzdinner im berühmten Sauriersaal des Museums.„Was vor 100 Jahren mit einzelnen Beobachtungen und der Beschreibung einzelner Arten begann, reicht heute von der Morphologie über die Verhaltensforschung bis hin zur Genomanalyse und umfasst dabei die kleinste Spitzmaus ebenso wie den größten Wal. Dieses Wissen ist unverzichtbar, um die Evolution der Säugetiere und ihre speziellen Anpassungen an ihre Lebensräume besser zu verstehen und so den Herausforderungen des modernen Artenschutzes besser entsprechen zu können“ sagen MfN-Wissenschaftler Peter Giere, Mitorganisator der Jubiläumskonferenz und Mitglied des Vorstands der DGS und IZW-Kollege Jörns Fickel, gleichfalls Mitorganisator der Konferenz.Vor einem Jahrhundert standen die Säugetiere wissenschaftlich noch weitestgehend im Schatten anderer Tiergruppen, wie den Insekten oder Vögeln. Damals war die Ornithologie bereits durch eine Gesellschaft repräsentiert. Die Beobachtung und das systematische Beschreiben von Vögeln begeisterte bereits viele Menschen. Über Fortpflanzung, Verhalten und Physiologie wildlebender Säugetiere war noch erstaunlich wenig bekannt. „Säugetiere in freier Wildbahn ließen sich nur schwer erforschen, das rudimentäre Fachwissen stammte meist aus Beschreibungen einzelner NaturforscherInnen, von Jägern und Förstern und aus der Haltung einzelner Arten in Zoos. Deutlich besser sah es hingegen bei der Anatomie aus, die früher und heute einen wichtigen Zweig der Säugetierkunde darstellt“ so Ulla Lächele, Biologin und Mitorganisatorin der Konferenz. Die Erfindung einer neuen Wissenschaft Okapi im Tierpark Berlin Foto: © C. Knoblauch/Leibniz-IZW Gegründet wurde die DGS von Hermann Pohle, Kurt Ohnesorge, Max Hilzheimer und anderen im Jahr 1926 in Berlin. Sie hatte von Anfang an das Ziel, die Säugetierkunde „in alle Richtungen und mit allen Mitteln“ zu fördern. Bemerkenswert war die Offenheit der Gesellschaft einem größeren Publikum gegenüber. Zu den frühen Präsidenten gehörten nicht nur Wissenschaftler, sondern auch ein Bankdirektor und der Präsident eines Landgerichts. Bereits die ersten Ausgaben der Zeitschrift für Säugetierkunde enthielten Beiträge aus Deutschland, anderen europäischen Ländern und den USA. Sie machten die Gesellschaft von der Gründung an zu einem internationalen Forum der Säugetierforschung.Als Symbol wählte die DGS das Okapi, ein damals kaum erforschtes Säugetier aus dem Urwald Zentralafrikas. Elisabeth Hempel, Biologin und DGS-Mitglied, sagt über das Okapi: „Das Okapi vereint äußerliche Merkmale, die an Giraffe, Zebra und Hirschkuh erinnern. Bereits 1928 wurden im Berliner Zoo mehrere Exemplare gehalten. Sein markantes Erscheinungsbild bleibt vielen Besucherinnen und Besuchern nachhaltig in Erinnerung.“ Vom Fernglas zur Genomforschung In den vergangenen 100 Jahren hat sich die Säugetierkunde von einer vorwiegend beschreibenden Naturwissenschaft zu einer interdisziplinären Forschungsrichtung gewandelt. Satellitengekoppelte Sender, genetische Analysen, Elektronenmikroskope, Kamerafallen, Bioakustiksensoren, Drohnen und künstliche Intelligenz ermöglichen heute Einblicke in das Leben wildlebender Säugetiere, die vor 100 Jahren und sogar noch vor wenigen Jahrzehnten undenkbar gewesen wären. Diese Einblicke reichen weit über das Beschreiben einzelner Arten hinaus. Sie helfen, die Evolution von Arten und deren Anpassungen zu verstehen sowie den Verlust biologischer Vielfalt zu dokumentieren und ihm entgegenzuwirken. Aber auch Wanderbewegungen zu entschlüsseln und die Auswirkungen von Lebensraumzersplitterung zu erkennen und zu bekämpfen.Damit liefert die Säugetierforschung wichtige Erkenntnisse für den Natur- und Artenschutz. „Die DGS hat als Ziel, auch in den nächsten 100 Jahren die Säugetierforschung voranzubringen und Forschende zu unterstützen. Dabei freuen wir uns sowohl über etablierte WissenschaftlerInnen, als auch über am Beginn ihrer Karriere stehende Mitglieder“, so die Organisatoren. Mitglieder am Anfang ihrer wissenschaftlichen Karriere organisieren sich seit 2022 in einer eigenen Gruppe. Eines der Ziele der „youngDGS“ besteht auch darin, die Vernetzung zu fördern.Die Gesellschaft für Säugetierkunde ist die zweitälteste wissenschaftliche Gesellschaft für Säugetierkunde weltweit. Sie fördert den wissenschaftlichen Austausch über Biologie, Evolution, Ökologie, Verhalten, Gesundheit und Schutz wildlebender Säugetiere. Zu ihren Mitgliedern zählen Forschende aus Universitäten, Museen, Forschungseinrichtungen, Behörden und Naturschutzorganisationen. Weitere Informationen: Vom 14.-18. September wird die Jubiläumskonferenz in Berlin stattfinden, die Anmeldefenster sind bereits geschlossen. Annual Meeting of the German Society for Mammalian Biology 2026 – mammalianbiologys Webseite!
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