14. Eva Luise Köhler-Preis: „From ultra rare to rare“

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Für einen vielversprechenden Repurposing-Ansatz zur Behandlung von Mukoviszidose erhalten Prof. Thorsten Marquardt und Dr. Julien Park vom Universitätsklinikum Münster sowie Prof. Karl Kunzelmann von der Universität Regensburg den Eva Luise Köhler-Forschungspreis für Seltene Erkrankungen 2021. Den drei Wissenschaftlern war der Forschungspreis bereits im letzten Jahr zuerkannt worden, pandemiebedingt musste die feierliche Preisübergabe jedoch mehrfach verschoben werden.

Mit dem Preisgeld in Höhe von 50.000 Euro werden die Forscher untersuchen, inwieweit sich der bislang zur Behandlung von Bandwürmern zugelassene Wirkstoff Niclosamid® auch für die Regulation der entgleisten Schleimproduktion bei der Mukoviszidose eignet. Dieser seit Jahrzehnten gut erforschte Wirkstoff, der immer wieder auch für die Krebsbehandlung diskutiert wird, besitzt antivirale und antibakterielle Eigenschaften, was ihn ebenfalls interessant für die Behandlung von viralen Atemwegsinfektionen wie SARS-CoV-2, dem Respiratorischen Synzytialvirus und der Grippe macht.

Der in Münster entwickelte Therapieansatz beruht in erster Linie auf der Annahme, dass die Blockade eines weiteren Chloridkanals (TMEM16A) zur Verringerung der Schleimproduktion bei Mukoviszidose-Patienten führen könnte. Bei der Entwicklung dieser Arbeitshypothese kam den Münsteraner Ärzten der Zufall zuhilfe, wie Marquardt erläutert: „Eltern stellten ein wenige Monate altes Mädchen mit einer Gedeihstörung und Bauchproblemen vor, das leider in der Folge verstarb. Wir entdeckten bei ihr und ihrem älteren Bruder eine bis dato unbekannte neue Erkrankung, die zu einem Verlust der TMEM16A-Funktion führte. Die Überraschung: Der Verlust von TMEM16A führte auch zu einem Verlust der CFTR- Funktion – ohne jedoch, dass zu diesem Zeitpunkt Symptome der Mukoviszidose auftraten. Da wurden wir natürlich hellhörig – schließlich erlebten wir nicht zum ersten Mal, dass die Neudiagnose einer Seltenen Erkrankung hilft, eine andere besser zu verstehen.“

Derzeit wird der protektive Effekt der TMEM16A-Hemmung durch die Gabe des Wirkstoffs Niclosamid, der seit vielen Jahrzehnten erfolgreich zur Behandlung von Wurminfektionen eingesetzt wird und diesen Kanal effektiv blockiert, überprüft. Im Rahmen einer interdisziplinären Kooperation entwickelten Humanmediziner, Physiologen und Pharmazeuten in Regensburg eine Verkapselung des Medikaments in kleine Polyethlenglykol (PEG)-Hydrosphären. Bei der Verabreichung im Mausmodell reduzierten diese Niclosamid-Kügelchen die Überproduktion von Schleim deutlich, hemmten die Entzündung und verbesserten die Selbstreinigung der Bronchien. Nebenwirkungen, die bei systemischer Anwendung von Niclosamid auftreten können, konnten mit dieser Darreichungsform umgangen werden.

Aktuell arbeiten die Forscher an der Erstellung eines detaillierten Wirkungsprofils des Wirkstoffes, zudem laufen Vorbereitungen für eine klinische Studie zur Messung von Interleukinprofilen. Sollten sich in diesen Untersuchungen Wirksamkeit und Sicherheit des Therapiekonzeptes bestätigen, könnte es künftig vielen Betroffenen zugutekommen. Besonders für die Betroffenen, die nicht von CFTR-Modulatoren profitieren, wäre das eine große Chance, glauben die Wissenschaftler.

Warum das translationsstarke Forschungsvorhaben nicht nur durch den pragmatischen Repurposing-Ansatz, sondern auch durch seine besondere Patientennähe überzeugen konnte, erläutert Stiftungsvorstand Prof. Annette Grüters-Kieslich: „Mit Professor Thorsten Marquardt und seinem jungen Kollegen Dr. Julien Park erleben wir zwei Generationen von Ärzten, die das zukunftsweisende Modell des Clinician Scientists in nahezu idealtypischer Weise verkörpern. In der standortübergreifenden Zusammenarbeit mit Grundlagenforschern beweisen sie, dass erfolgreiche Forschung und Versorgung im Bereich der Seltenen Erkrankungen untrennbar sind und keine institutionellen Grenzen kennen dürfen.“