Acatech-Stellungnahme: Individualisierte Medizin durch Medizintechnik13. September 2017 Cover der acatech-Position zur Individualisierten Medizintechnik. Foto: acatech Maßgeschneiderte, optimal verträgliche Implantate, Big Data für verbesserte Diagnosen und Therapien: Medizintechnik ermöglicht nach Einschätzung der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften eine individualisierte Medizin, die sich konsequent am einzelnen Patienten orientiert. Die acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften beleuchtet in ihrer gestern erschienenen Position „Individualisierte Medizin durch Medizintechnik“ das breite Anwendungsspektrum technischer Innovationen für die individualisierte Patientenversorgung und formuliert Handlungsempfehlungen an Politik, Wissenschaft und Wirtschaft. Die Akademie spricht sich dafür aus, medizintechnische Expertisen aus Forschung, Klinik und Industrie im Sinne der Translation zu bündeln. Mit der Lebenserwartung steigt in Deutschland und anderen Ländern auch das Risiko von Mehrfacherkrankungen und chronischen Leiden. Schonende, präzise Behandlungsmethoden werden immer wichtiger, die auf den einzelnen Menschen, auf seine genetische Prägung, seine Lebensweise und sein individuelles Krankheitsbild zugeschnitten sind. Die individualisierte Medizin werde deshalb standardisierte medizinische Verfahren ergänzen oder sogar ersetzen, heißt es in einer Mitteilung der acatech. Die acatech-Position „Individualisierte Medizin durch Medizintechnik“ gibt einen Überblick, was Medizintechnik in der individualisierten Medizin heute bereits ermöglicht und woran aktuell geforscht wird. acatech-Präsident Dieter Spath erklärte bei der Vorstellung der Publikation auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Biomedizinische Technik (DGBMT) in Dresden: „Jeder Mensch wird auch einmal Patient – und jeder Patient ist anders. Patienten wollen deshalb als Individuum im Mittelpunkt jeder medizinischen Behandlung stehen. Zugleich sollte jede medizinische Behandlung evidenzbasiert, also in ausreichenden Fallzahlen erprobt sein. Die individualisierte Medizin verbindet beide Prinzipien. Ihr Erfolg ist untrennbar mit der modernen Medizintechnik verbunden.“ Medizinische Daten bilden eine entscheidende Grundlage für individualisierte Diagnosen und Therapien. acatech empfiehlt der Bundesregierung daher die Einrichtung einer nationalen Datenbank für Forschungs- und Behandlungszwecke, wobei insbesondere eine zentralisierte Registrierung medizinsicher Prothesen und Implantate hervorzuheben ist. Da medizinische Daten hochsensible Daten sind, müssen vor der Einrichtung einer solchen Datenbank datenschutzrechtliche und ethische Fragen sorgfältig geklärt werden. Auf Basis medizinischer Daten, welche durch modernste bildgebende Diagnostik, aber auch durch labor- und funktionsdiagnostische Verfahren gewonnen werden, sollen in naher Zukunft individuelle Patientenmodelle entwickelt werden. Projektleiter Thomas Lenarz, Klinikdirektor der Hals-Nasen-Ohrenklinik der Medizinischen Hochschule Hannover, erklärt: „Diese Modelle werden Patienten immer genauer abbilden können und ermöglichen so die Entwicklung maßgeschneiderter medizinischer Verfahren, beispielsweise im Rahmen hochpräziser chirurgischer oder strahlentherapeutischer Eingriffe. Dazu benötigen wir einen sicheren Zugang zu allen verfügbaren Patientendaten aus verschiedenen Arztbesuchen. Weiterhin benötigen wir digitale Informations- und Ratgebersysteme, in denen wir anhand der Patientenmodelle gezielt Symptome oder Behandlungsmöglichkeiten analysieren. Eine durch Big-Data unterstützte Medizin nutzt dem einzelnen Patienten. Zugleich wächst mit jeder Therapie der digital aufbereitete Erfahrungsschatz für die Zukunft.“ Maßgeschneiderte Prothesen und Implantate Die Individualisierung der Medizin ermöglicht maßgeschneiderte Prothesen oder Implantate. Lenarz erklärt: „Knieprothesen oder auch Cochlea-Implantate zur Wiederherstellung des Hörvermögens werden ähnlich wie Kleidungsstücke in einer überschaubaren Menge an Konfektionsgrößen angeboten. Diese Größen passen aber nicht jedem Menschen gleich gut. Das Ziel innovativer Forschungsansätze ist es, auf Basis präziser dreidimensionaler Bilddatensätze und mithilfe der 3D-Druck-Technologie für jede Patientin und jeden Patienten individuelle Prothesen und Implantate anzufertigen, die dann auch wirklich passen und darüber hinaus in der Lage sind, gezielt Wirkstoffe zur Entzündungshemmung oder Wundheilung freizusetzen. Mehr noch: Intelligente Prothesen werden sich immer individueller im Gebrauch an die Menschen anpassen, also beispielsweise unseren individuellen Bewegungsprofilen, unserer Herz-Kreislauf- und Stoffwechselfunktion oder Sinnesleistung.“ Für die bessere Verträglichkeit von Implantaten wollen Forscher laut Lenarz körpereigene Zellen einsetzen, die seltener vom Immunsystem abgestoßen werden. „Durch dieses Höchstmaß an Individualisierung werden Prothesen und Implantate deutlich besser sitzen und deutlich länger halten“, so der Projektleiter. Expertisen bündeln und Qualität messen Damit individualisierte Medizintechnik auch bis zum Patienten gelangt, müssen Forschung, Kliniken und Medizintechnikunternehmen zusammenarbeiten. acatech schlägt dazu regionale Translationszentren mit einem Schwerpunkt auf Medizintechnik vor. Als Vorbild für die regionalen Translationszentren nennt Lenarz die Deutschen Zentren für Gesundheitsforschung, die in ihrer Arbeit durch die Bündelung verschiedenster medizintechnischer Expertisen unterstützt werden können. Darüber hinaus sollte ein virtuelles „Nationales Zentrum für individualisierte Medizintechnik“ Ressourcen und Forschungsergebnisse zusammenführen. Auch die Nutzenbewertung medizintechnischer Neuerungen sollte laut dem acatech-Positionspapier reformiert werden: Qualitätskontrollen beruhen zumeist auf allgemeinen Vergleichsverfahren. Individualisierte Therapieansätze lassen sich deshalb mit diesen Verfahren nicht vollständig bewerten. Ein nationales Gremium sollte deshalb Kriterien und Leitlinien für die Wirksamkeits-, Qualitäts- und Nutzenbewertung individualisierter Medizinprodukte, Systeme und Verfahren entwickeln. In diesem Gremium sollten Vertreter der Forschung, der medizintechnischen Industrie und der klinischen Medizin sowie regulatorischer Behörden und Ausschüsse zusammenarbeiten. Über die acatech-Position Die vorliegende acatech-Position untersucht die Rolle der Medizintechnik beim Aufbau einer individualisierten Medizin. Mehr als 30 Vertreter aus Wissenschaft und Wirtschaft haben sie unter Einbeziehung externer Expertinnen und Experten erarbeitet. Nach einem externen Reviewverfahren wurde das Papier vom acatech-Präsidium als Position der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften autorisiert.
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