Adipositas bei Kindern: Eine Krankheit, kein selbst gewählter Zustand

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Deutschlands Nachwuchs bringt zu viele Kilos auf die Waage. Dass Adipositas allerdings kein Verschulden der Eltern oder Kinder, sondern Folge einer hormonellen Fehlregulation ist, betont im Vorfeld der Hormonwoche (18. bis 25. September 2021) die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie.

Die Daten aus den Langzeitstudien des Robert Koch-Instituts zur gesundheitlichen Lage der Kinder und Jugendlichen in Deutschland (KiGGS) zeigen: Die Entwicklung der Adipositasprävalenzen bei den Drei- bis 17-Jährigen steigt hierzulande mit zunehmendem Alter. Beträgt sie zwischen drei und sechs Jahren noch rund zwei Prozent, liegt sie bei den 14- bis 17-Jährigen schon bei 8,5 Prozent – gleichermaßen bei Jungen und Mädchen.

„Eine extreme Adipositas in jungen Lebensjahren ist jedoch kein Verschulden der Eltern oder der betroffenen Kinder und Jugendlichen oder gar ein selbst gewählter Zustand, sondern vielmehr das Ergebnis einer hormonellen Fehlregulation der Körpergewichtsregulation!“, betont Prof. Martin Wabitsch, Sektionsleiter Pädiatrische Endokrinologie und Diabetologie an der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, Universitätsklinikum Ulm.

Im Mittelpunkt steht dabei das vor rund 25 Jahren entdeckte Eiweißhormon Leptin. Es wird im Fettgewebe gebildet und gehört zu den Hormonen, die Hunger und Sättigung regulieren. „Wenn dieses Hormon fehlt oder der Körper zu wenig davon bildet – beispielsweise bei mangelnder Ernährung oder zu geringen Energiespeichern im Fettgewebe – löst dies bei Kindern ein starkes Hungergefühl aus“, erklärt der Kinder- und Jugendendokrinologe.

Im Gehirn wirkt Leptin auf alle hormonellen Regulationszentren und meldet dort die Energiereserven, die für alle Prozesse im Körper sowie für Wachstum und Entwicklung gebraucht werden. „Erhält das Gehirn angesichts eines Leptinmangels das Signal, dass dem Körper zu wenig Energie zur Verfügung steht, setzt es einerseits eine Art Energiesparprogramm in Gang – beispielsweise wird die Körpertemperatur herunterreguliert, der Energieumsatz verringert, das Höhenwachstum verlangsamt, die Pubertätsentwicklung ausgesetzt oder auch spontane körperliche Bewegung gemieden.“

Andererseits löse der Mangel an Leptin ein sehr starkes Hungergefühl aus, damit der Körper baldmöglichst wieder neue Nahrungsenergie bekommt, beschreibt der Ulmer Hormonexperte den Teufelskreis, in dem die Betroffenen geraten. Bei niedrigen Leptinspiegeln würden die Gedanken der betroffenen Kinder ständig ums Essen kreisen. Mit einem klassischen Diät- und Bewegungsprogramm allein käme man hier daher nicht weiter. „Durch sehr effektive hormonelle und neuronale Regelkreise wehrt sich der Körper bei niedrigen Leptinspiegeln gegen eine langfristige Gewichtsabnahme und tendiert dazu, ein einmal erreichtes Höchstgewicht wiederzuerlangen“, erklärt Wabitsch.

Die Gründe für einen Leptinmangel sind vielschichtig. „Angeborener Leptinmangel oder angeborener Fettgewebsmangel kommen sehr selten vor. Die meisten Kinder mit Adipositas weisen zudem keine erniedrigten Leptinspiegel auf, sondern eine Leptinresistenz. Das im Fettgewebe gebildete Leptin wirkt an den Leptinrezeptoren im Gehirn nicht mehr so, wie es soll”, erklärt Wabitsch.

Diese Erkenntnisse nehmen auch Einfluss auf die – teilweise noch in der Forschung befindlichen –Therapieansätze, da Adipositas bei Kindern oft nicht nachhaltig willentlich zu beeinflussen sei. Bei Leptinresistenz könnten beispielsweise aktivierende Antikörper am Leptinrezeptor oder an nachgeschalteten Rezeptoren eine Behandlungsstrategie darstellen, blickt der Endokrinologe in die Zukunft.

„Adipositas bei Kindern ist eine chronische Erkrankung. Sie erfordert gemäß wissenschaftlicher Leitlinien eine lebenslange ganzheitliche, stadiengerechte und individuell abgestimmte Behandlung mit konservativen, pharmakologischen und chirurgischen Therapieansätzen“, betont er den Krankheitswert.  „Wir bräuchten aber durchaus noch weitere Therapieverbesserungen!“.

DGE-Mediensprecher Prof. Stephan Petersenn aus Hamburg ergänzt: „Die meisten Menschen, inklusive der Eltern adipöser Kinder, verstehen diesen hormonellen Mechanismus zur Regulation des Körpergewichts nicht  – was Befragungen zufolge auch auf mehr als 50 Prozent der Mitarbeiter unseres Gesundheitssystems zutrifft!“ Daher werde die Verantwortung ungerechtfertigterweise meist den adipösen Kindern und Jugendlichen zugeschoben, die neben Diskriminierung und Stigmatisierung zusätzlich unter einem verminderten Selbstwertgefühl und Schuldgefühlen litten. „Der bisher gängige Blickwinkel zur Entstehung und Therapie von Adipositas ist falsch und erfordert unbedingt eine Korrektur“, fordert Petersenn.