Allgemeinmediziner: Versorgung bei Long- und Post-COVID evidenzbasiert gestalten

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Long- und Post-COVID sind komplexe Krankheitsbilder, bei denen noch viele Fragen offen sind. Klar ist, dass es teils erhebliche Symptome gibt, die sich allerdings oft nach einigen Wochen oder Monaten deutlich abschwächen oder sogar wieder ganz abklingen.

Vor dem Hintergrund der Teilnahme der DEGAM an Gesprächen im Rahmen der Bundesgesundheitsministeriums-Initiative „Long COVID“ erklärt DEGAM-Präsident Prof. Martin Scherer: „Wir haben Long- und Post-COVID als ein komplexes Krankheitsbild kennengelernt. Die Symptome und der Verlauf können sehr unterschiedlich sein. Wir als DEGAM stehen für eine evidenzbasierte Versorgung und für den Wissenstransfer in die Hausarztpraxis. Deshalb bringen wir unsere Erfahrungen und Positionen in entsprechende Expertenrunden ein und beteiligen uns auch an der Entwicklung von Leitlinien zu Long- und Post-COVID.“

Im Hinblick auf die Gespräche zur Initiative „Long COVID“ machen die Hausärzte ihre Position deutlich. So könnten die vielfältigen Symptome gut in der Hausarztpraxis behandelt werden, meint die DEGAM. Eine strukturierte und spezifische Diagnostik und Behandlung gemäß den vorliegenden Leitlinien sollte aber erst nach zwölf Wochen beginnen, wenn man offiziell von Post-COVID spricht.

Die Hausärzte sieht die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) als erste Anlaufstelle und wichtigsten Ansprechpartner für die Therapie und die Koordination weiterer möglicher Behandlungsschritte. Sie kennen ihre Patienten oft seit vielen Jahren und können bei den teils diffusen Symptomen am besten einschätzen, ob auch Spezialisten sowie andere Gesundheitsberufe – wie Physio-, Ergo- oder Logopädie – einbezogen werden sollten.

Aufgrund der hohen Zahl der spontanen Besserungen schade Aktionismus, erklären die Allgemeinmediziner: „Was wir stattdessen brauchen, ist Zeit und Empathie. Bei Post-COVID gibt es keine schnellen Lösungen. Wie bei manch anderen Krankheitsbildern auch, braucht es viel Geduld, Verständnis und partizipative Entscheidungsfindung“, erläutert Dr. Thomas Maibaum, stellvertretender Sprecher der Sektion Prävention der DEGAM und auch als Experte an der interdisziplinären Long- und Post-COVID-Leitlinie beteiligt. Bei den meisten Patienten verbesserten sich die Symptome nach einigen Wochen oder Monaten wieder, ein Großteil erfahre sogar eine Genesung. Durch diese Phase sollten die Betroffenen in der Hausarztpraxis gut begleitet werden. Einige Patienten erkrankten allerdings so stark, dass sie für Monate oder sogar dauerhaft eingeschränkt sind – sie müssen entsprechend intensiv betreut werden. Wieder einige der schwer Betroffenen erfüllten die speziellen Kriterien der schweren chronischen Erkrankung ME/CFS. Trotzdem könne Post-COVID nicht von vornherein mit ME/CFS gleichgesetzt werden, unterstreicht die DEGAM.

In der Debatte um Spezial-Ambulanzen warnt die DEGAM vor „falschen Erwartungen und ineffizientem Ressourcenverbrauch“. Immer wieder werde ein enges Netz von Spezial-Ambulanzen gefordert, obwohl diese den Post COVID zum jetzigen Zeitpunkt wenig anbieten könnten, das nachweislich wirksam ist, meinen die Allgemeinmediziner.

Außerdem betont die DEGAM den Wert hochwertiger Forschung an dieser Stelle. Für die Fachgesellschaft ist es nach eigener Aussage von zentraler Bedeutung, Diagnostik und Therapie von Long- und Post-COVID nach den Kriterien der Evidenzbasierten Medizin anzulegen. „Dabei sollten nur methodisch hochwertige Publikationen berücksichtigt werden (Peer-Review-Verfahren etc.), die insbesondere auch ausreichend viele Patienten einschließen (Power der Studie)”, heißt es in einer aktuellen Mitteilung. Außerdem setzt sich die DEGAM dafür ein, die primärärztliche Perspektive in den Forschungsvorhaben zu stärken: „Zu Long- und Post-COVID liegt inzwischen eine unüberschaubare Anzahl an wissenschaftlichen Publikationen vor – allerdings kaum mit Beteiligung der primärärztlichen Ebene. Diese Perspektive muss aber unbedingt einfließen, damit Studien zu Long- und Post-COVID eine größere Aussagekraft für die Hausarztmedizin haben, wo nun mal die meisten Patientinnen und Patienten betreut werden“, erklärt Scherer.

Nicht zuletzt weist die DEGAM darauf hin, dass „überzogene bürokratische Vorgaben, die momentan speziell für Long / Post-COVID diskutiert werden, wertvolle Zeit kosten, die in der Praxis stattdessen den Patientinnen und Patienten zugutekommen sollte.“