Chronifizierte Beschwerden: Erwartungen als messbarer und potenziell veränderbarer Faktor5. März 2026 Betroffene mit chronifizierten körperlichen Beschwerden berichten über eine insgesamt hohe körperliche Symptombelastung, wobei häufig mehrere Symptome gleichzeitig auftreten. (Foto: © buritora/stock.adobe.com) Anhaltende körperliche Beschwerden wie Erschöpfung, Magen-Darm-Probleme oder Juckreiz begleiten viele Betroffene über Monate oder Jahre und schränken ihr Leben ein. Doch wie kommt es zu einer solchen Chronifizierung von Beschwerden und wie könnte man ihr vorbeugen? Neue Forschungsergebnisse zeigen, dass es sinnvoll ist, nicht nur Organbefunde, sondern veränderbare biologische, psychologische und soziale Mechanismen in den Blick zu nehmen. Bei vielen chronischen Erkrankungen – etwa bei entzündlichen Darmerkrankungen, Leber- oder Nierenleiden sowie bestimmten Hauterkrankungen – leiden Patientinnen und Patienten unter ausgeprägter Erschöpfung, anhaltenden gastrointestinalen Beschwerden oder starkem Juckreiz. Häufig bleiben diese Symptome bestehen, selbst wenn die zugrunde liegende Erkrankung medizinisch gut behandelt und stabil eingestellt ist. Für die Betroffenen bedeutet das: Trotz erfolgreicher Therapie fühlen sie sich weiterhin krank und im Alltag deutlich eingeschränkt. „Betroffene berichten über eine insgesamt hohe körperliche Symptombelastung, wobei häufig mehrere Symptome gleichzeitig auftreten“, erläutert Prof. Bernd Löwe, Präsident des Deutschen Kollegiums für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie (DKPM). Er leitet außerdem die Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). Warum körperliche Beschwerden chronisch werden, welche Muster dazu führen und inwiefern Faktoren wie Emotionen oder Verhaltensweisen dazu beitragen, untersuchte die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Forschungsgruppe FOR 5211 „Persistent SOMAtic Symptoms ACROSS Diseases“ (SOMACROSS). „Konkret haben wir diese Beschwerden krankheitsübergreifend bei chronischen Leber- und Nierenerkrankungen, bei Hauterkrankungen mit Juckreiz sowie bei gastrointestinalen Erkrankungen wie Reizdarm und Colitis ulcerosa untersucht“, berichtet Löwe, der als Sprecher der DFG-Forschungsgruppe fungiert. Erwartungen beeinflussen den Verlauf Ein zentrales Ergebnis betrifft die Rolle von Erwartungen im Alltag. In einer Ecological-Momentary-Assessment-Studie (EMA) wurden symptombezogene Erwartungen und Erfahrungen im täglichen Leben wiederholt erfasst und mit der späteren Symptombelastung in Beziehung gesetzt. Dabei zeigte sich: Wie Menschen ihre Beschwerden einschätzen und welche Erwartungen sie an ihre Bewältigung haben, hängt mit dem weiteren Verlauf zusammen. „Erwartungen sind damit kein bloßes ‚Gefühl‘, sondern ein messbarer und potenziell veränderbarer Faktor innerhalb eines biopsychosozialen Modells. Dieses Modell berücksichtigt das Zusammenspiel von körperlichen, seelischen und sozialen Einflüssen“, verdeutlicht Löwe. Interventionen differenziert bewerten Im Rahmen der Studie SOMA.GUT-RCT prüften Forschende eine mechanismenbasierte psychologische Intervention bei anhaltenden Magen-Darm-Beschwerden von Patientinnen und Patienten mit Reizdarm und Colitis ulcerosa. Es handelte sich um eine dreiarmige randomisierte Studie. Nach drei Monaten zeigte sich zunächst kein klarer Vorteil der neuen Behandlung gegenüber der üblichen medizinischen Versorgung: Die Stärke der Beschwerden hatte sich in allen Gruppen ähnlich entwickelt. Allerdings nahmen bei den Teilnehmenden der speziellen, mechanismenbasierten Intervention krankheitsbezogene Ängste ab, und sie trauten sich eher zu, ihre Symptome besser bewältigen zu können. Nach einem Jahr war zudem eine spätere Verbesserung der Beschwerden zu beobachten, was auf einen verzögerten Effekt der Behandlung hindeutet. „Unsere Studie bei Patientinnen und Patienten mit Reizdarm und Colitis ulcerosa zeigt, wie wichtig eine genaue Prüfung neuer Behandlungsansätze ist“, erklärt Löwe. „Nach drei Monaten gab es bei der Stärke der Magen-Darm-Beschwerden keinen deutlichen Unterschied zwischen der üblichen Versorgung, einer unterstützenden Begleitung und der mechanismenbasierten Therapie. Gleichzeitig konnten wir sehen, dass sich krankheitsbezogene Ängste verringerten und die Zuversicht im Umgang mit den Beschwerden zunahm. Nach zwölf Monaten zeigte sich dann eine spätere Verbesserung der Symptome – ein Hinweis darauf, dass solche Interventionen Zeit brauchen, um sich auch körperlich bemerkbar zu machen.“ Soziale Faktoren mitdenken Die Forschung zeigt zudem: Anhaltende Körperbeschwerden sind sozial ungleich verteilt. „In bestimmten sozialen Konstellationen treten sie besonders häufig und stark auf“, erklärt Löwe. Besonders ausgeprägt ist die Symptombelastung bei Männern mit niedrigem Einkommen und elterlicher Migration sowie bei Frauen mit niedrigem Einkommen – vor allem dann, wenn sie selbst Migrationserfahrungen haben. Diese Ergebnisse verdeutlichen, dass gesundheitliche Beschwerden nicht losgelöst von Lebensbedingungen betrachtet werden können. Finanzielle Unsicherheit, belastende Arbeitsbedingungen, Diskriminierungserfahrungen oder eingeschränkter Zugang zum Gesundheitssystem können Beschwerden verstärken oder ihre Bewältigung erschweren. Für die Versorgung bedeutet das: Es braucht niedrigschwellige und faire Zugänge, Sensibilität für psychosoziale Belastungen – und eine Kommunikation, die Betroffene ernst nimmt, ohne sie zusätzlich zu stigmatisieren. „Diese Erfahrungen beeinflussen, wie Beschwerden wahrgenommen, kommuniziert und behandelt werden“, betont Löwe. Perspektivwechsel in Diagnostik und Versorgung Aus Sicht der Forschungsgruppe spricht vieles für ein Umdenken, da anhaltende Körperbeschwerden häufig und beeinträchtigend sind. „Beschwerden sollten nicht allein danach bewertet werden, ob sie sich vollständig durch einen einzelnen Organbefund erklären lassen“, resümiert Löwe. „Entscheidend ist vielmehr, welche biologischen, psychologischen und sozialen Mechanismen ihre Dauer plausibel erklären – und welche davon veränderbar sind.“ Eine entsprechende Diagnostik und biopsychosoziale Behandlung gehöre in die Regelversorgung verankert.
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