Krebsrisiko: Einfluss von Übergewicht wird möglicherweise deutlich unterschätzt17. Juli 2026 Foto: motortion/stock.adobe.com Forschende im Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) zeigen in einer neuen Analyse: Werden aussagekräftigere Maße für Körperfett sowie methodische Verzerrungen berücksichtigt, sind mehr als zehn Prozent aller Fälle von Krebs auf Übergewicht zurückzuführen – fast doppelt so viele wie bisherige Schätzungen vermuten ließen. Der Anteil aller Krebserkrankungen, der auf Übergewicht und Adipositas zurückzuführen ist, wurde in bisherigen Untersuchungen auf etwa zwei bis acht Prozent geschätzt. Prof. Hermann Brenner, Epidemiologe am DKFZ, hegt jedoch schon seit längerem den Verdacht, dass dieser Risikoanteil aufgrund methodischer Verzerrungen bislang unterschätzt worden sein könnte. Mit seinem Team analysierte er daher nun für eine neue Studie die Daten von 458.543 Frauen und Männern, die in der britischen UK Biobank gespeichert waren, auf die Zusammenhänge zwischen Übergewicht und Krebs. Die Teilnehmenden wurden im Median fast zwölf Jahre lang beobachtet. Während dieses Zeitraums traten mehr als 50.000 neue Krebserkrankungen auf. Gewicht und Größe allein reichen nicht aus Die meisten Studien zu Übergewicht und Krebs stützten sich auf den Body-Mass-Index (BMI), der aus dem Gewicht und der Körpergröße berechnet wird. Der BMI unterscheidet jedoch nicht zwischen Fett- und Muskelmasse und liefert keine Informationen darüber, wo sich Fett im Körper ansammelt. Doch gerade das Fett im Bauchraum gilt als besonders stoffwechselaktiv und steht in engem Zusammenhang mit Entzündungsprozessen und anderen Mechanismen, die Krebs begünstigen können. Die DKFZ-Forschenden verglichen deshalb neben dem BMI auch den Taillenumfang sowie das Taille-Hüft-Verhältnis als Maße für die Fettverteilung. Diese Parameter erwiesen sich als deutlich aussagekräftiger für das Krebsrisiko. Methodische Verzerrung: Krebs führt oft schon vor der Diagnose zu Gewichtsverlust Brenner und sein Team gingen in der aktuellen Untersuchung außerdem ein bislang unterschätztes methodisches Problem an: Viele Tumoren verursachen bereits Jahre vor ihrer Diagnose einen ungewollten Gewichtsverlust. Dadurch erscheinen Betroffene zum Zeitpunkt der tatsächlichen Diagnose schlanker, was den statistischen Zusammenhang zwischen Übergewicht und Krebs abschwächt. Um mögliche Verzerrungen durch den Gewichtsverlust vor der Diagnose zu vermeiden, schlossen die Forscher schrittweise die ersten Jahre nach Studieneintritt der Teilnehmer aus. Dadurch wurde der Zusammenhang tatsächlich wesentlich deutlicher. Die Erklärung dafür: Ein relevanter Anteil der Krebserkrankungen, die in den ersten Jahren der Nachbeobachtung diagnostiziert wurden, war vermutlich bereits bei Studienantritt vorhanden und hatte bereits zu einem Gewichtsverlust der Betroffenen geführt. Mehr als zehn Prozent aller Krebsfälle könnten vermeidbar sein Zusammengefasst ergaben die neuen Analysen deutlich höhere Werte für den Anteil aller Krebserkrankungen, der auf Übergewicht zurückzuführen ist. Unter Berücksichtigung aller methodischen Verbesserungen der Analysen stieg der ermittelte Anteil der durch Übergewicht verursachten Krebsfälle von rund 5,5 Prozent auf bis zu 11,5 Prozent. Damit könnte mehr als jede zehnte Krebserkrankung mit überschüssigem Körperfett zusammenhängen.Die Auswertungen deuten außerdem darauf hin, dass der durch Übergewicht bedingte Anteil der Krebserkrankungen bei Frauen höher sein könnte als bei Männern. Auch bei jüngeren Erwachsenen unter 60 Jahren könnte das Körperfett tendenziell eine größere Rolle spielen.Nach Brenners Einschätzung unterstreichen die Ergebnisse die Dringlichkeit, der weltweiten Zunahme des Übergewichts entschlossen entgegenzutreten. „Da die Verbreitung des Übergewichts in den meisten Ländern weiter zunimmt und die Bevölkerung gleichzeitig altert, dürfte die Zahl der dadurch verursachten Krebserkrankungen künftig weiter deutlich steigen. Effektive Strategien zur Vorbeugung und Behandlung des Übergewichts könnten daher einen wesentlich größeren Beitrag zur Krebsprävention leisten als bislang angenommen,“ fasst Brenner die Bedeutung der neuen Ergebnisse zusammen. Übergewicht und Darmkrebs: Neubewertung der DACHS-Studie Forschende vom DKFZ hatten zuvor schon den Zusammenhang zwischen Übergewicht und speziell Darmkrebs unter die Lupe genommen (wir berichteten). Veröffentlicht wurden die Ergebnisse im vergangenen Jahr im Journal „Obesity“. Erneut ausgewertet hatte man dabei Daten der 2003 gestarteten DACHS-Studie (Darmkrebs: Chancen der Verhütung durch Screening) und dabei mögliche Verzerrungen in den Fokus genommen, die in anderen Studien nicht ausreichend berücksichtigt worden waren. Nach Neubewertung der Daten konstatierten die Wissenschaftler, dass Übergewicht einen circa doppelt so großen Anteil an der Darmkrebsentstehung hat als bislang angenommen.
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