ALS: Hochkalorische Zusatznahrung ist bei normaler bis rascher Progredienz von Vorteil30. Juni 2020 Foto: ©Khunatorn – stock.adobe.com Aufgrund von Beobachtungen, dass ein Gewichtsverlust die Prognose bei ALS ungünstig beeinflusst, untersuchte ein Studie bei 200 ALS-Patienten, ob eine zusätzliche Kalorienzufuhr die Überlebenszeit verlängern kann. Nun zeigen die Ergebnisse, dass davon die Subgruppe der normal bis schnell progredienten Patienten profitiert – vor allem diejenigen, denen es gelang, ihr Gewicht zu halten. Die LIPCAL-ALS-Studie des ALS/MND-NET (Deutsches Netzwerk für Motoneuronerkrankungen) untersuchte doppelblind placebokontrolliert, ob eine hochkalorische Ernährung die Prognose beziehungsweise das Überleben von ALS-Patienten verbessern kann. An zwölf deutschen Zentren wurden 121 weibliche und 80 männliche Patienten zu gleichen Teilen (1:1) in zwei Gruppen randomisiert (2015-2018). Das mittlere Alter lag bei 62 (51-73) Jahren. Die Patienten wurden medikamentös mit Riluzol (100 mg/d) behandelt und erhielten zusätzlich zu ihrer gewohnten Ernährung entweder 3 x 30 ml einer hochkalorischen Fett-Diät („HCFD“: 100% Fett, täglich 405 kcal) oder 3 x 30 ml Placebo. Primärer Endpunkt war die Überlebenszeit; Kontrolluntersuchungen erfolgten alle drei Monate. Insgesamt waren Verträglichkeit und Sicherheit der Fettdiät gut, dennoch gab es mit 26 Prozent eine höhere Studienabbruchrate als bei anderen ALS-Studien mit Medikamenten. Als Grund wurde vor allem der mit der Studienteilnahme verbundene Aufwand angegeben. In der Gesamtpopulation der Studie war am Studienende die Überlebenswahrscheinlichkeit in der HCFD-Gruppe 0,37 und in der Placebogruppe 0,39. Der Unterschied war statistisch nicht signifikant (p = 0,44). In einer Posthoc-Analyse zeigte sich aber ein signifikanter Überlebensvorteil für die Subgruppe von Patienten mit einem normal bis rasch progredienten ALS-Verlauf (0,62 vs. 0,38; p = 0,02). Es profitierten insbesondere die Patienten, die ihr Gewicht halten konnten. „Die hochkalorische Fettzufuhr hatte in der gesamten Studienpopulation keinen lebensverlängernden Effekt“, erklärt Prof. Albert C. Ludolph, Ärztlicher Direktor Klinik für Neurologie der Universität Ulm. „Auch wenn nach diesen Daten eine Fettdiät bei ALS-Patienten nicht generell empfohlen werden kann, so liefert die Studie wertvolle Hinweise, welche Patienten dennoch von einer Fett- beziehungsweise Kaloriensupplementierung tatsächlich profitieren könnten, und zwar die mit tendenziell schnelleren Verläufen. Allerdings muss einschränkend hinzugefügt werden, dass Ergebnisse von Posthoc-Analysen immer in eigenen, präspezifizierten Studien bestätigt beziehungsweise überprüft werden sollten, auch um weitere Fragen zu klären. So ist beispielsweise auch bislang nicht abzuleiten, ob der Nutzen allein auf die Kalorienmenge per se oder auf die Art der Nährstoffe zurückzuführen war, also beispielsweise, ob Fett- oder Eiweißkalorien besser sind. Wir konzipieren deshalb eine solche Studie und raten unseren Patienten in der Zwischenzeit ihr Gewicht zu halten.“ Originalpublikation: Ludolph AC et al. LIPCAL-ALS Study Group. Effect of High-Caloric Nutrition on Survival in Amyotrophic Lateral Sclerosis. Ann Neurol 2020;87(2):206–216.
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