ALS: Neue Hoffnung auf Verlangsamung der Progression14. September 2020 Foto: ©Zerbor – stock.adobe.com Die Pathogenese der Amyotrophen Lateralsklerose (ALS) ist nicht vollständig geklärt. Derzeit steht lediglich das Medikament Riluzol zur Verfügung, um die Progression der Erkrankung etwas zu verlangsamen. Nun zeigte die Phase-II-Studie CENTAUR, dass auch die Kombination von Natriumphenylbutyrat und Taurursodiol eine Progressionsverzögerung bewirken könnte. In experimentellen Studien zu neurodegenerativen Erkrankungen konnte die Kombination von Natriumphenylbutyrat und Taurursodiol das Absterben von Neuronen verhindern, vermutlich indem bestimmte zelluläre Bestandteile (konkret das endoplasmatische Retikulum) sowie die Funktion der Mitochondrien geschützt werden. Natriumphenylbutyrat ist das Natriumsalz der Phenylbuttersäure, es wird bislang erfolgreich bei pädiatrischen Stoffwechseldefekten eingesetzt. Taurursodiol ist eine Gallensäure mit bekannten zytoprotektiven bzw. anti-apoptotischen Eigenschaften (u. a. Stabilisierung von Protein-Faltung, „Chaperon-Effekt“). In klinischen Pilot-Studien wurde zuvor die Verträglichkeit von Natriumphenylbutyrat-Taurursodiol bei ALS-Patienten gezeigt. In einer multizentrischen, doppelblinden und randomisierten Phase-II-Studie in den USA erhielten nun 137 ALS-Patienten eine orale Medikamenten-Kombination von täglich 3 g Natriumphenylbutyrat und 1 g Taurursodiol (Verum-Gruppe, n=89; zunächst über drei Wochen einmal täglich, danach zweimal) – oder ein optisch und geschmacklich gleiches (als Pulver in Wasser gelöst) Placebo (Placebo-Gruppe, n=48). Die behandelten Patienten befanden sich im frühen oder mittleren Krankheitsverlauf (Diagnosestellung innerhalb der letzten 18 Monate). Rund drei Viertel (77 %) der Patienten nahmen bereits Riluzol und/oder das Antioxidans Edaravone (in der EU nicht zugelassen) ein. Als primärer Studienendpunkt wurde im Verlauf über 24 Wochen der ALS-FRS-R-Score („Amyotrophic Lateral Sclerosis Functional Rating Scale-Revised”) ermittelt, der die motorische Funktionsfähigkeit von Menschen mit ALS erfasst (Werte von 0 bis 48; 0 entspricht einem Verlust der motorischen Funktionen). Nach 24 Wochen der Therapie zeigte sich eine signifikante Verlangsamung der ALS-FRS-R-Score-Verschlechterung; der absolute Unterschied betrug 2,32 Skalenpunkte. Der Unterschied in der monatlichen Abnahme der Punktzahl war ebenfalls signifikant (-1,24 Punkte in der Verum-Gruppe gegenüber -1,66 Punkte in der Placebo-Gruppe; p=0,03). Der Effekt war am ausgeprägtesten im Hinblick auf die feinmotorischen Fertigkeiten, wie die Autoren hervorheben. Auch bei einer statistischen Berücksichtigung einer gleichzeitigen Einnahme von Riluzol (oder Edaravone) zeigten die Studienergebnisse eine Verlangsamung der ALS in der Verum-Gruppe. Im Hinblick auf sekundäre Studienendpunkte (z. B. isometrische Muskelkraft, der ALS-Biomarker pNF-H im Blut, Lungenfunktion, Klinikaufenthalte) erbrachte die Therapie keinen Vorteil. Schwere unerwünschte Ereignisse traten bei 19 Prozent der Patienten der Placebo-Gruppe und bei zwölf Prozent der Verum-Gruppe auf (pulmonale Komplikationen 8 % bzw. 3 %). Insgesamt 25 Prozent der Patienten beendeten die Einnahme vorzeitig – die meisten aufgrund von gastrointestinalen Beschwerden; dies betraf aber auch 21 Prozent der Patienten in der Placebo-Gruppe. „Mit dieser Phase-II-Studie kann die Wirksamkeit von Natriumphenylbutyrat und Taurursodiol noch nicht belegt werden, aber die Ergebnisse machen Hoffnung, dass künftig der Krankheitsverlauf der ALS hinausgezögert werden kann“, kommentierte Prof. Thomas Meyer, ALS-Ambulanz der Charité Berlin, die Ergebnisse. „Gerade der möglichst lange Erhalt von motorischen Alltagsfunktionen ist ein wichtiges Ziel neuer Medikamente und für die Lebensqualität der Betroffenen von höchster Relevanz.“ Originalpublikation: Paganoni S et al. Trial of Sodium Phenylbutyrate-Taurursodiol for Amyotrophic Lateral Sclerosis. N Engl J Med 2020;383(10):919–930.
Mehr erfahren zu: "Neue Studie deutet auf Wirksamkeit von Gepanten gegen vestibuläre Migräne" Neue Studie deutet auf Wirksamkeit von Gepanten gegen vestibuläre Migräne Die vestibuläre Migräne ist durch Schwindelattacken und Migräne-Kopfschmerzen gekennzeichnet. Frühere Studien deuteten eine Wirksamkeit der CGRP-Inhibitoren an. Laut einer kürzlich publizierten Fallserie können möglicherweise auch Gepante gegen die Erkrankungssymptomatik helfen.
Mehr erfahren zu: "Multiples Myelom: Seltene Nebenwirkung von CAR-T-Zellen erfordert interdisziplinäre Versorgung" Multiples Myelom: Seltene Nebenwirkung von CAR-T-Zellen erfordert interdisziplinäre Versorgung Kölner Forscher haben seltene neurologische Komplikationen untersucht, die bei Patienten mit Multiplem Myelom nach der CAR-T-Zelltherapie Ciltacabtagen autoleucel (Cilta-cel) auftreten können. Zudem entwickelten sie ein strukturiertes Konzept für die Zusammenarbeit […]
Mehr erfahren zu: "Experten erwarten deutliche Zunahme der Demenzfälle bis 2060" Experten erwarten deutliche Zunahme der Demenzfälle bis 2060 Die Zahl der Demenzfälle wird bei steigender Lebenserwartung von heute etwa 1,3 Millionen auf bis zu 2,1 Millionen im Jahr 2060 zunehmen. Das zeigen aktuelle Prognosen des Wissenschaftlichen Instituts der […]