Anorexia nervosa: Gewichtszunahme verändert Epigenetik nicht3. Oktober 2025 Prof. Anke Hinney (l.) und Dr. Luisa Rajcsanyi (r.) bei der Auswertung von Methylierungsmustern. (Quelle: AG Hinney | UDE) Seit Langem wird vermutet, dass epigenetische Mechanismen bei der Ess-Störung Anorexia nervosa eine große Rolle spielen. Eine aktuelle Studie der Universität Duisburg-Essen kommt nun zu einem überraschenden Ergebnis: Trotz deutlicher Gewichtszunahme zeigen Patienten keine einheitlichen Veränderungen in ihren DNA-Methylierungsmustern. Die Epigenetik gilt als Schlüsselmechanismus, um äußere Einflüsse auf Krankheiten zu erklären. Auch in der Regulation des Körpergewichts wird der Epigenetik eine relevante Rolle zugesprochen. „Wenn das Körpergewicht tatsächlich einen Einfluss hat, dann sollten gerade in stationär behandelten Patient:innen mit Anorexia nervosa klare Veränderungen nachweisbar sein. Einen solchen Effekt haben wir jedoch nicht beobachten können“, erklärt Dr. Luisa Rajcsanyi den Ansatzpunkt des nun in „Scientific Reports“ veröffentlichten Forschungsprojektes. Sie ist gemeinsam mit Dr. Miriam Kesselmeier aus Jena Erstautorin der Studie. Besonders interessierten sich die Forschenden für das NR1H3-Gen, das in früheren Studien widersprüchliche Befunde geliefert hatte. Während eine Untersuchung aus dem Jahr 2015 eine erhöhte Methylierung an diesem Gen festgestellt hatte, zeigte eine Essener Studie von 2018 eher eine Reduktion. Im aktuellen, deutlich größeren Kollektiv mit 189 Patienten und 67 gesunden Kontrollpersonen ließ sich keiner dieser Befunde bestätigen. Auch bei drei Patienten, die zu Beginn und zum Ende ihres stationären Aufenthalts untersucht wurden, blieben die Methylierungsmuster trotz deutlicher Gewichtszunahme stabil. Grenzen epigenetischer Erklärungsansätze „Was wir gesehen haben, waren starke interindividuelle Unterschiede zwischen den Patient:innen“, berichtet Prof. Anke Hinney, Leiterin der Sektion für Molekulargenetik Psychischer Störungen am LVR-Universitätsklinikum Essen und Geschäftsführende Direktorin des Instituts für Geschlechtersensible Medizin am Universitätsklinikum Essen. „Jede Einzelne zeigte keine relevanten Veränderungen zwischen Aufnahme und Entlassung. Und auch bei der Betrachtung aller Teilnehmenden fand sich kein einheitliches Muster.“ Die Forschenden schlussfolgern daraus, dass die DNA-Methylierung kurzfristig wahrscheinlich keine zentrale Rolle bei der Regulation des Körpergewichts spielt. Denkbar sei, dass Veränderungen entweder sehr subtil sind und somit mit der kleinen Stichprobe nicht nachweisbar waren oder erst langfristig sichtbar werden. Zudem variiert die DNA-Methylierung je nach Zelltyp, sodass andere Gewebe möglicherweise andere Ergebnisse zeigen könnten. Dennoch trägt die Studie den Forschenden zufolge dazu bei, ein differenziertes Bild von den biologischen Grundlagen der Ess-Störung zu gewinnen, und verdeutliche zugleich die Grenzen aktueller epigenetischer Erklärungsansätze.
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