Antibiotika in kinderonkologischen Zentren besser einsetzen8. März 2023 Dr. Cihan Papan (l.) und Prof. Arne Simon (Fotos: Rüdiger Koop/UKS) Gegen bakterielle Infektionen helfen Antibiotika, vor allem, wenn das Immunsystem durch eine Chemotherapie geschwächt ist. In Zentren für pädiatrische Onkologie werden Antibiotika oft nicht angemessen verabreicht. Ein sogenanntes Antibiotic Stewardship kann den Einsatz von Antibiotika wahrscheinlich auch in der Kinderonkologie deutlich verbessern. Jährlich erkranken in Deutschland rund 2000 Kinder an Krebs, meist an einer Leukämie oder an einem Hirntumor. Die gute Nachricht: Die meisten an Krebs erkrankten Kinder können heute unter anderem durch eine Chemotherapie geheilt werden. Die Chemotherapie unterscheidet jedoch nicht zwischen gesunden und kranken Zellen und schwächt daher vorübergehend das Immunsystem Eine bakterielle Infektion kann sich im Körper eines immungeschwächten Kindes dann sehr rasch ausbreiten und verheerende Auswirkungen haben. Ohne den Einsatz von Antibiotika mit breitem Wirkspektrum wäre die moderne Kinderonkologie daher nicht möglich. Dabei gilt: Antibiotika sollen so gezielt und rational wie möglich eingesetzt werden, um gefährlichen Resistenzen vorzubeugen. Wie dies am besten geschieht, ist in nationalen und internationalen Leitlinien vorgegeben. Eine von Dr. Cihan Papan, der Doktorandin Katharina Reifenrath (Mikrobiologie Homburg), Prof. Markus Hufnagel (Universitätsklinikum Freiburg) und Prof. Arne Simon (Kinderonkologie Homburg) initiierte und geleitete Studie hat die Gabe von Antibiotika und von Medikamenten gegen Pilzinfektionen (Antimykotika) an 30 Zentren für Kinderonkologie untersucht. Insgesamt wurden Daten von 320 krebskranken Kindern analysiert, von denen zum Zeitpunkt der Erhebung 142 mit Antibiotika oder Antimykotika behandelt wurden. In annähernd der Hälfte der Fälle wurden Antibiotika zur Behandlung eines “Fiebers im Zelltief“ gegeben, das häufig auf eine intensive Chemotherapie folgt. Es gab jedoch auch Infektionen des Blutes, der Haut und Weichteile oder der Lunge. In der Studie wurde der Einsatz von Antibiotika und Antimykotika in der Kinderonkologie im Detail beurteilt. Dies geschah durch Experten für Kinderonkologie und für Infektionen bei Kindern. Jeweils drei Fachleute bildeten ein Panel, welches die 142 Fälle der mit Antibiotika/Antimyotika behandelten Kinder beurteilte. Die Kliniken, in welchen die Patienten behandelt wurden, waren ihnen dabei nicht bekannt. Legten die Experten lokale Leitlinien für den Umgang mit Antibiotika als Maßstab an, war etwa ein Drittel (34 %) der Verordnungen inadäquat. Wurden zusätzlich die nationalen Leitlinien als Maßstab für die Behandlung zugrunde gelegt, stieg der Anteil an unsachgemäß eingesetzten Antibiotika sogar auf 48 Prozent. „Inadäquat kann dabei vieles bedeuten“, erläutert Papan. „Dahinter verbergen sich Fehler in der Dosierung, eine nicht erforderliche Kombinationstherapie mit mehreren Antibiotika oder das fehlende Umsetzen auf ein Antibiotikum mit schmalerem Wirkspektrum, wenn der Erreger und seine Empfindlichkeit gegenüber Antibiotika bekannt sind“, so der Infektionsmediziner. „Es war für uns insgesamt erstaunlich, wie wenig sich die nationale Leitlinie der Arbeitsgemeinschaft Wissenschaftlicher Fachgesellschaften (AWMF) von 2016 in der klinischen Praxis durchgesetzt hat“, kommentiert Prof. Arne Simon, der gerade die Neuauflage dieser nationalen Leitlinie für die Fachgesellschaften koordiniert, die Ergebnisse. „Zur Verbesserung der Situation braucht es eine engere Zusammenarbeit der Kinderonkologinnen und -onkologen mit Fachleuten aus einem sogenannten ‚Antibiotic Stewardship (ABS)‘-Programm. Die verfügen über weiterführende Kenntnisse zur Diagnostik und Therapie von Infektionen und bilden gemeinsam mit den klinischen Mikrobiologen und Apothekern ein ABS-Team.“ Ein ABS-Team könnte gezielt beraten und intervenieren und dabei darauf achten, dass sich die Praxis der Antibiotikatherapie stärker an den nationalen Leitlinien orientiert.
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