Antibiotikaresistenzen: Tuberkulose-Therapie am Limit?20. Februar 2023 Antibiotikaresistenzen erschweren die Tuberkulose-Therapie. (Foto: © science RELATIONS) In einem besonders komplizierten Fall einer Tuberkulose haben die Ärzte der Medizinischen Klinik Borstel, Leibniz Lungenzentrum, einen Patienten, der gegen praktisch alle Tuberkulose-Medikamente resistent war, erstmals mit außergewöhnlich hohen Dosierungen behandelt. Die leitliniengerechte Therapie der multiresistenten Tuberkulose (MDR-TB) umfasst mindestens vier Medikamente, die je nach Ausmaß der Antibiotikaresistenzen und Verfügbarkeit der Medikamente sechs bis 18 Monate (oder länger) beträgt. Die dabei eingesetzten Therapeutika sind weniger effektiv als Rifampicin und Isoniazid, mit deutlich höheren Therapiekosten und einem höheren Risiko für Nebenwirkungen verbunden. Ein besonders komplizierter Fall von antibiotikaresistenter Tuberkulose wurde an der Medizinischen Klinik des Forschungszentrums Borstel, Leibniz Lungenzentrum, zwischen November 2018 und der Schließung der Klinik im November 2021 betreut: Der Patient war mit einem Tuberkulose-Stamm infiziert, der gegen praktisch alle Tuberkulose-Antibiotika resistent war. Nur Delamanid und das neu zugelassene Medikament Pretomanid waren in der Resistenztestung wirksam. In einem experimentellen Ansatz versuchte das medizinische Team, bestehende Antibiotikaresistenzen mit besonders hohen Medikamenten-Dosierungen zu überwinden. Unterstützt wurden sie dabei von Wissenschaftlern des Nationalen Referenzzentrums für Mykobakterien und der Molekularen und Experimentellen Mykobakteriologie am Forschungszentrum Borstel, sowie von einem internationalen Team von Experten. Es gelang zunächst, die Bakterienlast so stark zu reduzieren, dass über den Zeitraum von beinahe einem Jahr keine Bakterien nachweisbar waren. Die eingesetzten Dosierungen überstiegen dabei die zugelassene Maximaldosis teilweise um das sechsfache. Mit dem Ende der Therapie nach insgesamt 28 Monaten stellte sich jedoch ein sofortiger Rückfall ein. Kurz darauf entwickelten die Tuberkulosebakterien eine zusätzliche Resistenz gegen Delamanid und auch Pretomanid. Danach gelang es nicht mehr, die Infektion zu kontrollieren und der Patient starb wenige Monate später. „Es ist weltweit der erste Patient, bei dem Tuberkulosebakterien mit einer Resistenz gegen Pretomanid beschrieben wurden“, erklärt Prof. Christoph Lange, Medizinischer Direktor am Forschungszentrum Borstel und Wissenschaftler im Deutschen Zentrum für Infektionsforschung (DZIF). Ein Alarmsignal für die Ärzte und eine Herausforderung zur Entwicklung neuer Medikamente. „Wir haben gelernt, dass Antibiotikaresistenzen durch sehr hohe Medikamentendosierungen überwunden werden können und dass zumindest im Einzelfall diese hohen Dosierungen auch toleriert werden. Dennoch haben am Ende die Bakterien gesiegt“, sagt Erstautor Niklas Köhler, Arzt und Wissenschaftler in der Forschungsgruppe Klinische Infektiologie und im DZIF. Für Patienten, bei denen die Tuberkulosebakterien gegen praktisch alle Antibiotika resistent sind, werden wir wahrscheinlich ganz neue Medikamentenkombinationen benötigen.“
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