Antidepressiva verringern das empathische Einfühlungsvermögen21. Juni 2019 Nicht die Depression selbst, sondern Antidepressiva scheinen das empathische Einfühlungsvermögen depressiv Erkrankter herabzusetzen. (Foto: papan saenkutrueang – adobe.stock.com) Bisher galt die Annahme, dass bei der Depression das empathische Einfühlungsvermögen, eine wesentliche Voraussetzung für ein gelingendes Sozialleben, beeinträchtigt ist. Wissenschaftler der Universität Wien konnten nun zeigen, dass diese Einschränkung offenbar auch auf Antidepressiva zurückgeführt werden kann. Ein Forschungsteam um Claus Lamm vom Institut für Psychologische Grundlagenforschung und Forschungsmethoden an der Universität Wien, Rupert Lanzenberger von der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Medizinischen Universität Wien und Christian Windischberger vom Zentrum für Medizinische Physik und Biomedizinische Technik der Medizinischen Universität Wien hat die Empathie bei depressiven PatientInnen auf neurowissenschaftlicher Ebene untersucht. Um die potenziell unterschiedlichen Einflüsse von akuter Depression und Antidepressiva auf das empathische Einfühlungsvermögen getrennt voneinander zu betrachten, untersuchten die ForscherInnen eine Gruppe von PatientInnen zu zwei Zeitpunkten: das erste Mal während einer akuten depressiven Phase, und zwar bevor sie Medikamente eingenommen hatten, und das zweite Mal nach dreimonatiger psychopharmakologischer Therapie mit Antidepressiva (hauptsächlich selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer). Beide Male wurden die PatientInnen mittels funktioneller Magnetresonanztomographie untersucht, während sie Videos von Menschen sahen, die eine schmerzhafte medizinische Prozedur durchmachten. Ihre Hirnaktivität sowie ihre empathischen Beurteilungen der Videos wurden mit einer gesunden Kontrollgruppe verglichen. Es zeigte sich, dass sich vor der Behandlung weder die Hirnaktivität noch die Beurteilungen der akut depressiven Gruppe von der Kontrollgruppe abwichen. Erst nach dreimonatiger Einnahme von Antidepressiva konnten deutliche Unterschiede festgestellt werden: Die Patientengruppe zeigte wesentlich geringere empathische Reaktionen sowohl auf der Hirn-, als auch auf der Verhaltensebene. Betroffen waren Hirnregionen, die eng mit dem empathischen Einfühlungsvermögen, aber auch mit dem Schmerzempfinden in Zusammenhang stehen. “Diese verringerte Reaktion bei der Wahrnehmung von Schmerzen anderer war nicht auf eine allgemein gesenkte Empfindsamkeit gegenüber negativen Emotionen zurückzuführen”, wie Markus Rütgen, Erstautor der Studie betont: “Der geringere emotionale Einfluss negativer Ereignisse im sozialen Bereich könnte eventuell die Genesung erleichtern. Wie sich die verminderte empathische Reaktion aber tatsächlich auf das Sozialverhalten der PatientInnen auswirkt, wird Gegenstand zukünftiger Forschung sein.” Originalpublikation: Rütgen M. et al.: Antidepressant treatment, not depression, leads to reductions in behavioral and neural responses to pain empathy. Translational Psychiatry 2019;9(1):164.
Mehr erfahren zu: "Epigenom bei der Geburt beeinflusst die neurologische Entwicklung" Epigenom bei der Geburt beeinflusst die neurologische Entwicklung Darmmikrobiom und Epigenom sind eng miteinander verflochten und tragen beide zur neurologischen Entwicklung bei, wie eine Studie in „Cell Press Blue“ zeigt. Danach beeinflussen epigenetische Veränderungen, die bei der Geburt […]
Mehr erfahren zu: "MitoCatch: Erkrankte Zellen mit gesunden Mitochondrien versorgen" MitoCatch: Erkrankte Zellen mit gesunden Mitochondrien versorgen Baseler Wissenschaftler haben das System MitoCatch entwickelt, das die gezielte Zufuhr gesunder Mitochondrien zu erkrankten Zelltypen ermöglicht. Diese Innovation könnte ein wichtiger Schritt in Richtung einer präzisen Mitochondrientherapie sein.
Mehr erfahren zu: "Rauchen erhöht Demenzrisiko: Hinweise auf neue Lunge-Hirn-Achse" Rauchen erhöht Demenzrisiko: Hinweise auf neue Lunge-Hirn-Achse Der Zusammenhang zwischen Rauchen und Demenz könnte direkter sein als bislang angenommen: Forschende beschreiben eine Lunge-Hirn-Achse, über die durch Nikotin freigesetzte Exosomen die neuronale Eisenhomöostase beeinflussen und neurodegenerative Veränderungen begünstigen.